Die verfluchte Realität
Ed Fornieles über Cursed Images

19. September 2019 • Text von

Die Möglichkeiten digitaler Bildproduktion und deren maßloser Zirkulation im Netz brachten in den letzten Jahren “cursed images“ als ein spezifisches Phänomen hervor, irgendwo zwischen home video, surveillance und meme culture. Der britische Künstler Ed Fornieles hat die disruptive Qualität dieser Bilder in eine Ausstellung überführt.

Installationsansicht: Cursed Images, Curated by Ed Fornieles, 17. September – 11. Oktober 2019, Galerie Kandlhofer. Links: Joey Holder, Installation + Video; vorne: John Bock: One boot on a trip to hell, 2017, blocks of wood, copper shadow mask, knitted sock; rechts: John Bock: Hells Bells, 2017, HD Video, stereo sound, 89’26“. Courtesy Galerie Kandlhofer, Copyright Foto: Mario Ilic.

gallerytalk.net: Die Galerie Kandlhofer hat dich eingeladen, eine Show für das Festival „curated by“ zu kuratieren. Stand von Beginn an fest, dass die Ausstellung sich mit verfluchten Bildern – in Englisch “cursed images“ – beschäftigen wird?
Ed Fornieles:
Seit mehreren Jahren bin ich von sogenannten “cursed images“ fasziniert. Ich habe eine stetig wachsende Sammlung, die sich aus mehreren tumblr- und Instagram-Accounts speist. Sie ziehen mich an, zwingen mich hinzusehen. Dafür gibt es verschiedene Gründe, aber vor allem ist es ihre disruptive Wirkung. Verfluchte Bilder unterbrechen die Harmonie der Bildwelt, mit der wir täglich konfrontiert sind und legen deren Befangenheit und Erwartbarkeit offen. Mich interessiert dieser Aspekt der Verunsicherung, der sich auch in den Arbeiten der Show niederschlägt.

2015 begann der tumblr-Account cursedimages.tumblr.com einen bestimmten Typus von Bildern, die als verflucht identifiziert worden waren, zu definieren und zu kategorisieren. Wie würdest du den disruptiven Effekt, den die Bilder bei den Betrachter*innen auslösen, beschreiben?
Zumeist kann man nur schwer definieren, warum ein Bild verflucht ist, obwohl viele dieselben Charakteristika teilen: Eine geringe Bildqualität oder oftmals einen entrückten Bildgegenstand. Ein “cursed image“ lässt sich auch negativ beschreiben: Es zeigt keine Pornographie, kein Blut oder explizite Gewalt, sondern verweist stattdessen auf all diese Dinge. Vor allem das Thema und die Umstände der Bilder sind eigentlich unschuldig, wodurch das “cursed image“ in einem Punkt des Dazwischen verharrt.

Installationsansicht: Cursed Images, Curated by Ed Fornieles, 17. September – 11. Oktober 2019, Galerie Kandlhofer. Vorne: Anna Uddenberg: Disconnect (airplane mode), 2018; hinten: Rudolf Schwarzkogler: 10 Farbfotografien von Walter Kindler, 1. Aktion „Hochzeit“Wien, 1977, Photographs; rechts: Issy Wood: WASP, 2018, Oil on linen. Courtesy Galerie Kandlhofer, Copyright Foto: Mario Ilic.

Einige Werke in der Ausstellung zeigen tatsächliche Gewalt, Otto Mühl „Zwei Ziegen“ von 1984 zum Beispiel, was mir vor diesem Hintergrund ungewöhnlich erscheint.
Als eine Bildgattung haben “cursed images“ eine disruptive Qualität, die Betrachter*innen mit einem Gefühl von Unwohlsein, Ekel, Horror oder Angst zurücklässt. Einige Arbeiten in der Ausstellung haben einen ähnlichen Effekt, im Bezug auf Otto Mühl geht dieser allerdings weniger von dem Gemälde selbst aus, sondern von dem Künstler. Mühl ist einer vieler Männer, die in ihrem privaten Leben grausamen Missbrauch begangen haben. Ich finde es ist notwendig darüber zu sprechen, wie wir heute mit ihren Arbeiten umgehen sollen. Die Me-Too-Bewegung hat die Dringlichkeit dieser Frage in den Vordergrund gerückt, als öffentlich wurde wie viele Männer schwere Fälle von Missbrauch begangen haben, die Teil der Kunst- und Kulturproduktion waren. Was sollen wir mit diesen Arbeiten machen? Meiner Meinung muss der Missbrauch zum Ausgangspunkt unserer Interaktion werden, wie sollten über die Arbeiten sprechen und nachdenken als Betrachter*innen, Zuschauer*innen und Zuhörer*innen. Wir sollten den Missbrauch anerkennen und zulassen, dass er unsere Erfahrung beeinflusst. Es ist immer noch lohnenswert die Musik von Michael Jackson zu hören oder einen Woody Allen Film zu sehen, aber die Erfahrung hat sich verändert – sie ist verflucht.

Normalerweise zirkulieren “cursed images“ nur im digitalen Raum. Die von dir ausgewählten Werke positionieren sie im Galerieraum. Welcher Strategien bedienen sich die ausgestellten Arbeiten , um einen ähnlichen disruptiven oder verunsichernden Effekt zu erzielen?
Die Idee eines “cursed image“ war ein Anfangspunkt, um darüber nachzudenken, was ein Fluch ist und in welcher Beziehung er möglicherweise zu den ausgestellten Arbeiten steht. Das Video von Chris Burden handelt zum Beispiel von einem Truck mit dem Namen „Big Job“. Ende der Siebziger kaufte Burden ihn für wenig Geld, aber er kam zu dem Schluss, dass der Truck verflucht sei: Sein Leben wurde durch den Truck in Unruhe gebracht – dessen Mechanik, dessen rechtlicher Status und dessen vorherige Besitzer. Andere Arbeiten in der Ausstellung, von den Wiener Aktionisten, haben etwas konkret Verstörendes, bis zu Ann Hirsch, die einen persönlichen Fluch dokumentiert und in Beziehung zu ihrer Familiengeschichte setzt.

Installationsansicht: Cursed Images, Curated by Ed Fornieles, 17. September – 11. Oktober 2019, Galerie Kandlhofer. Links: Hermann Nitsch: Schüttbild mit Malhemd, 2011, Acrylics on Canvas; rechts: Issy Wood: Fretting Dracula, 2018, Oil on Velvet. Courtesy Galerie Kandlhofer, Copyright Foto: Mario Ilic.

Du schreibst, es sei symptomatisch, dass leblose Objekte ihre eigene Handlungsfähigkeit entwickeln und ihren wahren Charakter denjenigen offenbaren, die sich über längere Zeit verfluchten Bildern aussetzen. Diese Bilder entstehen also nicht absichtlich, sie dokumentieren externe Vorkommnisse. Die Künstler*innen in der Show erzeugen verfluchte Bilder viel bewusster. Wie drückt sich diese unterschiedliche Intentionalität in den Arbeiten aus?
Interessant an der Arbeit von Chris Burden ist beispielsweise, dass der Flucht etwas ist, das ihm widerfahren ist, das er nicht erwartet hat, und er daraufhin die sonderbaren Ereignisse dokumentiert hat – auf dieselbe Weise, auf die “cursed images“ sonderbare Ereignisse dokumentieren. Andere Künstler*innen in der Ausstellung erzeugen diese unheimlichen Situationen bewusst: Rachel Maclean oder Anna Uddenberg produzieren Arbeiten mit einem eindeutigen Affekt. Beide sind Künstlerinnen, die ihre eigenen Welten erzeugen, die etwas sehr zynisches an sich haben – was ich für gesund halte. Als eine Gesellschaft brauchen wir Dreck, wir brauchen Schatten um zu funktionieren und das ist etwas, das im Moment vielleicht unfashionable ist, aber überlebenswichtig.

Als Künstler*in eine Welt zu erzeugen, damit die Betrachter*in darin eintauchen kann. Wie würdest du dein Interesse an diesen künstlerischen Strategien beschreiben?
Ich verwende oft Rollenspiele in meinen Arbeiten, ich tauche selber in Welten oder in einen Charakter ein. Obwohl es sich dabei um Fiktion handelt, gibt es einen Moment der Echtheit. Ich glaube dieselbe Logik lässt sich auf andere Formen von Kunst anwenden – man kann darin eintauchen. Die Angst wird für einen Moment real, dann tritt man zurück und reflektiert. Meiner Meinung nach ist es ein Zeichen guter Kunst diese Erfahrung zu ermöglichen.

Haben “cursed images“ denselben Effekt auf dich? Wenn ich durch dein Instagram scrolle, habe ich das Gefühl ich bleibe in einer bestimmten Logik verhaftet und von der ich mich nur schwer wieder lösen kann.
Wenn man sich über längere Zeit “cursed images“ aussetzt, beeinflusst es, wie man Dinge wahrnimmt. Auf einmal bleibt der Fluch haften und das Alltägliche oder Normale wird von diesem Modus die Umgebung wahrzunehmen überzogen. Man blickt in einen Raum und Objekte am Rande des Sichtfelds bekommen mehr Bedeutung, als sie möglicherweise haben sollten. Ein unbequemes Gefühl wird zum neuen Paradigma und ersetzt die vorherige Harmonie, mit der man durch die Welt navigiert. Auf diese Weise ist der Fluch wie ein Virus, er breitet sich aus.

WANN: Die Ausstellung läuft bis zum 11. Oktober 2019 und ist jeweils von Dienstag bis Freitag 11 – 19 und Samstag von 11 – 16 geöffnet. Am Dienstag, den 24. September, findet um 18 Uhr ein Artist Talk zwischen Hermann Nitsch und Ed Fornieles in englischer Sprache mit einer anschließenden Führung durch die Ausstellung statt.
WO: Galerie Kandlhofer, Brucknerstraße 4, 1040 Wien.

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