Die Macht der Manipulation
Paolo Cirio über Untiefen des Internets

13. Dezember 2019 • Text von

Mit seinen künstlerischen Interventionen bringt er die manipulative Macht sozialer Medien ans Licht oder setzt sich mit ethischen Richtlinien einer uneingeschränkten Verbreitung von Informationen im Internet auseinander. Mit gallerytalk.net spricht der Künstler Paolo Cirio über Machtmissbrauch im World Wide Web.

Systems of Systems, CIRIO’s solo show at Giorgio Persano Gallery, 2019, Turin, Italy. Photo by Nicola Morittu. Courtesy the artist.

gallerytalk.net: Künstliche Intelligenz, Datenschutz, Alexa und Siri – das Internet und die Digitalisierung bestimmen mittlerweile große Teile unseres Privatlebens. Ein Leben ohne dergleichen ist kaum mehr vorstellbar. In deinem vielseitigen Oeuvre setzt du dich mit Fragen, die mit unserer Kommunikationsgesellschaft zusammenhängen auseinander, möchtest Verborgenes an die Öffentlichkeit bringen. Wie bist du in deinem künstlerischen Schaffen auf diese Thematiken gekommen?
Paolo Cirio: Mir war schon sehr früh bewusst, dass das Internet das künstlerische und politische Medium unserer Zeit werden würde. Ende der 1990 Jahre war mir klar, dass ich in meiner Auseinandersetzung mit Kunst und Gesellschaft, das Internet mit seinen Entwicklungen einbeziehen musste. Meine Arbeit habe ich zunächst als Werkzeug für freie Meinungsäußerung genutzt und auch, um Informationen zu sammeln, die bisher nicht verfügbar waren. In letzter Zeit hat sich meine künstlerische Tätigkeit vor allem mit der Ethik der uneingeschränkten Verbreitung von Informationen im Internet und des Machtmissbrauchs durch Unternehmen oder Regierungen auseinandergesetzt. Natürlich konnte ich das alles nicht erwarten, aber ich hinterfragte kontinuierlich die kulturellen Verstrickungen, die auch das Internet unserer Gesellschaft gebracht hat, und habe versucht meine Untersuchung in Kunst zu wandeln und ästhetisch ansprechend zu präsentieren.

Siehst du dein eigenes geistiges Eigentum durch das Internet gefährdet?
Mittlerweile existiert eine ausreichende Anzahl an Urheberrechtsgesetzen, die geistiges Eigentum von zeitgenössischen Künstlern schützen. Erst in diesem Jahr verabschiedete die Europäische Kommission eine neue Urheberrechtrichtlinie, die heftig diskutiert wurde (allgemein bekannt als Artikel 13). Es war interessant zu sehen, wie viel Verwirrung auf beiden Seiten der Debatte herrschte und inwieweit die Beteiligten sich polarisiert hatten: Die Unternehmenslobby finanzierte „Cyberlibertarier“, die gegen jede Kontrolle über urheberrechtlich geschütztes Material protestierten, während Künstler oder Medienprofis eine vollständige Kontrolle über ihre Inhalte wünschten. Wie in anderen Debatten über das Internet schien es auch hier genug Polarisierung und Instrumentalisierung anstelle von produktivem Diskurs zu geben.

Images Rights, Paolo Cirio’s solo show, NOME Gallery, 2019 Courtesy the artist and NOME Gallery.

In der NOME Gallery hast du in der eben beendeten Ausstellung „Images Rights“ die Werkreihe „Attention“ gezeigt. Diese besteht aus Fotografien von „Influencern“, die Produkte bewarben, ohne dass dies als bezahlte Werbung offen gelegt wurde. Wie ist dir die Manipulation in den Bildern aufgefallen? Konntest du eine Gemeinsamkeit im Gestus der Personen oder wie die Produkte präsentiert werden feststellen?
Die Arbeit „Attention“ ist eine Reflexion über Sprache und Mittel der Werbung in sozialen Medien. Neben der Aneignung der Bilder, geht es um die Bildsprache und Ausdruckskraft dieser Werbung. Mit „Attention“ beziehe ich mich auf das Vermächtnis der modernen Kunst, Werbung als künstlerisches Material zu verwenden. Bei den „Influencern“ von Heute lässt sich etwas Interessantes erkennen, angefangen bei der Art und Weise, wie die Bilder gemacht werden: Die Körperhaltung, die Gesichtszüge, die Einstellungen der Kamera ähneln sich. Es gibt viele semiotische Details, die diese Form der Werbung ausmachen, darunter aber auch das Medium selbst: Die Kamera und der Rahmen sind an die Schnittstelle derjenigen Abnehmer angepasst, die letztlich algorithmisch mit dem Inhalt übereinstimmen. Diese Form der Kommunikation wird so zu einer eigenen Sprache, die dann nicht nur von den „Influencern“, sondern auch von ihren Anhängern durchgeführt wird.

Mit der Universität Maastricht hast du zu diesem Thema eine Datenbank entwickelt, in der Beispiele für Schleichwerbung und Promotion von zweifelhaften Produkten in den sozialen Medien gesammelt werden: http://influencers-watch.org. Eigentlich ist eine derartige Schleichwerbung ja verboten. Hatte dies rechtliche Konsequenzen?
In der Werbung gibt es sogenannte Verhaltensweisen der Ethik, ebenso wie angemessene Gesetze, die sich dem Schutz der Verbraucherrechte widmen. Das Fehlen rechtlicher Definitionen in den Sozialen Medien erlaubte es jedoch Online-Generatoren, jede dieser Rahmenbedingungen abzulehnen. Wie in anderen Situationen wollten die Plattformen wie Facebook oder YouTube, keine Verantwortung für die Veröffentlichung unethischer Inhalte übernehmen, während sie aber gleichzeitig von den erwirtschafteten Werbeeinnahmen profitieren. Es dauerte Jahre, bis die Plattformen rechenschaftspflichtig wurden, und jetzt gibt es in den meisten Ländern Europas neue Gesetze, die auch „Influencer“ rechtlich haftbar machen. Doch die Machtdynamik ist komplexer und die Technologie kann immer wieder Formen der Täuschung verbergen. Schleichwerbung von „Influencern“ wird nicht in absehbarer Zeit gelöst werden. Abgesehen von den Vorschriften wird es eine Weile dauern, bis vor allem politische Prozesse zur Bewältigung dieser Probleme entwickelt werden.

Derivatives 2019. Inkjet prints on canvas. Courtesy the artist.

Diese irreführenden Anzeigen sprechen alle für die manipulative Macht des Internets und der Bilderflut, der wir uns täglich ausgesetzt werden. Sind wir noch zu retten?
Natürlich gibt es Hoffnung für uns! Es ist ja sehr einfach, in diesen Tagen nur das Negative zu betonen. Ich sage nicht, dass wir auf die beste Art in unserer Zeit leben, aber nach den schlimmsten Fehlern folgt oft eine Art der Erlösung. Heute ist eine erstaunliche Anzahl an Forschern, Politikern und Aktivisten zu beobachten, die daran arbeiten, die Informationstechnologie ethischer zu gestalten. Vor ein paar Jahren, als ich meine ersten Projekte zu den Gefahren von Social Media machte, existierte so etwas kaum. Jeder fütterte die „Internet-Bestie“ und es gab kaum Maßnahmen. Es ist eine Frage der Perspektive, aber für jemanden wie mich sehen die Dinge besser aus als früher. Nehmen wir zum Beispiel die künstliche Intelligenz. Bevor diese sich überhaupt behaupten kann, wurde sie reguliert oder teilweise verboten. Dies geschah selten in der Geschichte der neuen Technologien. Bisher hatten wir alles als positiven Fortschritt akzeptiert und schließlich die unbeabsichtigten Folgen bedauert. Ich denke, dass heute ein grundlegender kultureller Wandel stattfindet.

Derivatives 2019. Inkjet prints on canvas. Courtesy the artist.

Bei NOME wurde auch deine andere neue Serie „Derivatives“ ausgestellt. Diese besteht aus Bildern und Aufzeichnungen von Kunstwerken, die du Auktionen entnommen hast, um sie nun in Finanzderivate zu verwandeln. Um was geht es da genau und wie sieht der Derivatevertrag aus, den du mit dem Käufer deines Werks abschließt?
Diese Arbeit sehe ich als eine Art Provokation. Der sekundäre Kunstmarkt ist so ungeregelt, dass er ziemlich schädlich für Künstler ist, die nicht durch die Auktionshäuser „repräsentiert“ werden. Der Vertrag über den Verkauf der Werkreihe „Derivate“ ist inspiriert von Seth Siegelaubs „Künstlervertrag“, kombiniert mit Finanzverträgen, die als Werkzeuge zur Verhandlung von Sozialleistungen in einer Zeit des Neoliberalismus angesehen werden. Eine Gleichung bestimmt den Wert des Derivats, welcher ein Bruchteil des Gesamtbetrags der Summe ist, die auf den Versteigerungen gemacht wurde. Ich plane eine Finanzgleichung und einen Vertrag über den Verkauf der einzelnen Werke als Derivate in Form von digitalen Bildern anzuwenden, die möglicherweise meinen eigenen Markt für Kunstderivate etablieren können.

Ausgehend von dieser Serie, in der du Kritik an einem scheinbar entfesselten Kunstmarkt anbringst, scheinst du der Aussage des Schweizer Künstlers Urs Fischer zu folgen, „der Kunstmarkt habe nichts mit der Kunst zu tun“?
Leider bin ich damit nicht einverstanden. Wenn man es realistisch betrachtet, existiert keine Kunst ohne Markt. Heutzutage ist es für einen Künstler sehr schwierig, ohne eine Galerie oder Verkäufe Anerkennung zu finden. Ich denke, es liegt auch daran, dass Institutionen wie auch die Kuratoren, aber auch Kunstschulen, alle vom Markt abhängig sind. Es ist traurig, aber „Underground“ ist tot. Zumindest in meinen Augen. Es gilt zwar als Tabu, aber zeitgenössische Künstler sollten den Kunstmarkt öfter analysieren und auch kritisieren. Schließlich ist es ihr Arbeitsumfeld, und deshalb sollte es ein fairer und würdiger Arbeitsplatz werden.

Aktuell sind Cirios Arbeiten in der Gruppenausstellung „Please Leave This World“ in der Maëlle Galerie in Paris bis einschließlich 1. Februar 2020 zu sehen. Mehr Informationen zu Paolo Ciro sind auf seiner Website zu finden.

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