Desintegriert Euch!
Ich weiß, dass ich nichts weiß.

15. November 2017 • Text von

Im “PreußenDisney”, wie der Künstler Johannes Paul Raether den historischen Kern Berlins nennt, werden im Rahmen der performativen Ausstellung vom Maxim Gorki Theater über 100 Werke der bildenden Kunst, Performance und Theater präsentiert. Das soll vor allem eines bewirken: Desintegration. 

Text: Marie-Therese Bruglacher

© Maxim Gorki Theater

„Desintegriert Euch!“, das diesjährige Motto des Herbstsalons, ist ein klares Statement gegen das Erstarken nationaler Ressentiments und neofaschistischer Tendenzen. Soweit so gut, etwas Anderes hätte man von dem post-migrantischen Programm des Gorki Theaters auch nicht erwartet. Der Knackpunkt besteht jedoch darin, einen Schritt zurückzutreten und erst einmal zu fragen was „Deutschsein“, „Nation“, „Leitkultur“ und „Integration“ im überhaupt bedeuten und welche teilweise sehr einfachen Lösungen und Narrative hinter diesen problematischen Begriffen stecken.

Auszüge aus Banu Cennetoğlus „The List“ sind auch an insgesamt 48 Litfaßsäulen in Berlin zu sehen, Foto © Lutz Knospe.

Hier macht die Ausstellung vor allem eines sehr deutlich: Es gibt unzählige verschiedene Antworten auf diese Fragen, die sich in verschiedenen Arbeiten mal mehr, mal weniger subtil bzw. plakativ manifestieren. Dabei haben nicht alle den Anspruch Kunst – im traditionellen Sinne vom Künstler für das Publikum – zu sein. Banu Cennetoğlus „The List“ beispielsweise – ein seit 2006 in verschiedenen Konstellationen gezeigtes Erinnerungswerk – dokumentiert 33.293 Asylsuchende, Geflüchtete und MigrantInnen, die an den Grenzen des immer exklusiver werdenden Europas seit 1993 zu Tode gekommen sind. Unter dem Schirm der Ausstellung wird diese Liste an fast 50 Litfaßsäulen in Berlin öffentlich präsentiert. Das Quellenmaterial, gesammelt von der NGO „UNITED for Intercultural Action“, sind Fakt und keineswegs unbekannt. Doch wird ihnen hier plötzlich ein Name und damit eine Identität zugeschrieben, die in ihrer nüchternen und unleugbaren Klarheit erschlägt. Ein selektiver europäischer Kosmopolitismus entlarvt sich selbst und offenbart eines der vielen Probleme, welche das Projekt Integration, gedacht durch Begriffe wie Nation und Einheit, mit sich bringt.

Das Kronprinzenpalais mit dem ausgeliehenen OST-Schriftzug von Bert Neumann, Foto © Lutz Knospe.

Im Kronprinzenpalais, dem wohl komplexesten Ausstellungsort, schlägt dem / der BetrachterIn dann Zeitgeschichte entgegen. Mit der 1919 eröffneten „Galerie der Lebenden“ stellt es eine Geburtsstätte jener Kunst dar, die während des Dritten Reichs als entartet diffamiert wurde. Norbert Biskys „Untitled (Franz Marc)“ setzt hier an. Franz Marcs 1913 im ersten und einzigen Deutschen Herbstsalon präsentierter „Turm der Blauen Pferde“ war auch 1936 in der Ausstellung „Entartete Kunst“ zu sehen und gilt seither als verschollen. Biskys gemalte und danach durch Feuer zerstörte Kopie greift dieses Mundtotmachen auf und gedenkt gleichzeitig der Verbrennung von Kunstwerken im gefliesten Keller ebendieses Palais zu Beginn des Dritten Reichs. Dort hält nun Julian Röder die psychischen Manifestationen rechten Gedankenguts mittels sogenannter Psychographien fest.

Henrike Naumanns Installation „Das Reich“ spielt auf die Reichsbürgerideologie an, Foto © Lutz Knospe.

Zwei Stockwerke weiter oben hat Henrike Naumann die physischen Auswüchse dieser Ideologie im Rahmen ihrer raumgreifenden Installation „Das Reich“ zusammengetragen. Damit thematisiert sie zugleich die Verschwörungstheorien rund um den Vertrag der Deutschen Einheit, der 1990 in besagtem Raum von Vertretern der BRD und DDR unterzeichnet wurde. Wie mächtig die Kraft von Gedankengut ist, wird dem Besucher beim Betreten des Konstruktes bewusst. Nach seiner Zerstörung im Zweiten Weltkrieg und dem Wiederaufbau samt rekonstruierter historischer Fassade in den 70er Jahren wurde das Palais zum Ort der Wiedervereinigung. Eine Tatsache, die in Anbetracht der sonst ungenutzten Räume des Palais beinah leer nachklingt. So verschränken sich die unterschiedlichen historischen und perspektivischen Achsen und machen deutlich wie wichtig es ist, weiterhin nach und für Einigkeit und Solidarität zu suchen und zu kämpfen.

Simpel, aber grundlegend – Alfredo Jaars Tribut an John Cage „Andere Menschen denken“, Foto © Lutz Knospe.

Was ein solcher Perspektivwechsel in seiner einfachsten Form beinhaltet, kann bei Alfredo Jaar nachgelesen und in Plakatform wortwörtlich mitgenommen werden. Wie ein großer Merkzettel erinnert er uns an die Selbstverständlichkeit, dass „Andere Menschen denken“. Was passiert, wenn wir einander nicht zuhören und achten kann man beim Verlassen des Kronprinzenpalais auf der anderen Straßenseite, an den Wänden des Deutschen Historischen Museums lesen: „Umsturz“ verkünden die Plakate zur Ausstellung über die Russische Revolution 1917. Ob dunkle Prophezeiung oder warnende Stimme aus der Vergangenheit, das bleibt am Ende uns überlassen.

Weder gibt der Herbstsalon vor, Lösungen zu kennen, noch beansprucht er gesellschaftliche und politische Gegenentwürfe. Vielmehr unterstreicht er auf durchaus anschauliche Art und Weise die Vielschichtigkeit und daraus resultierende Absurdität eines absoluten Einheitsanspruchs, der hinter einer jeden Form von Identitätsbildung lauert. Wohin bringt uns das? Selma Selman proklamierte es im Rahmen ihrer Performance live am Abend der Eröffnung und ist nun auf Video im Eingang des Palais am Festungsgraben zu sehen und hören: „You have no idea!“, schreit sie bis zur Erschöpfung mit verstummendem Effekt, man hört ihr zu. Der Herbstsalon präsentiert sich hier vor allem als Bühne, auf der einerseits Desintegration aufgeführt und andererseits mit viel altem Krempel aufgeräumt wird. So ein Ausmisten erfordert Kraft und bringt nicht immer Schönes zum Vorschein. Doch ist es die Befreiung, die am Ende auf uns wartet, sicherlich wert!

WANN: Noch bis Sonntag, den 26. November, ist der 3. Berliner Herbstsalon zu sehen. Hier gibt es Details zum Programm der Ausstellung.
WO: Der Salon bespielt drei Schauplätze in Mitte: Das Kronprinzenpalais, das Palais am Festungsgraben und das Maxim Gorki Theater am Festungsgraben. Hier geht’s zu den Anfahrtsskizzen.

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