Die Ruhe des digitalen Rauschs
Caline Aoun über die materielle Dimension von Daten

29. Januar 2020 • Text von

Täglich sehen wir uns einer digitalen Flut von Informationen ausgesetzt. Einem „digitalen Lärm“, wie es die Künstlerin Caline Aoun benennt. Ausgezeichnet von der Deutschen Bank als „Artist of the Year“ 2018/2019 widmet das PalaisPopulaire der Künstlerin mit „seeing is believing“ eine umfassende Einzelausstellung.

Installationsansicht, Caline Aoun: seeing is believing, PalaisPopulaire (15.11.2019-2.3.2020), Photo: Mathias Schormann, Copyright: © Caline Aoun.

Es ist ein Ort der Kontemplation. Der Ruhe. Selbst das Plätschern in den vier Brunnen verleiht den Ausstellungsräumen eine entspannende Atmosphäre. Auf den ersten Blick fällt es schwer zu glauben, dass die libanesische Künstlerin Caline Aoun in ihrem Werk die ständige Zirkulation, die Flut, ja den Überfluss an digitalen Informationen zum Thema hat. Der digitale Rausch scheint wie entfernt von den Ausstellungsräumen. Und genau das ist es, was die Künstlerin erreichen will – abstrakte Ruhe schaffen. Das Gegenteil des digitalen Lärms visualisieren. Mit gallerytalk.net sprach Caline Aoun über die Sehnsucht nach Haptik und Ruhe in einem Zustand des medialen Überflusses.

Installationsansicht, Caline Aoun: seeing is believing, PalaisPopulaire (15.11.2019-2.3.2020), Photo: Mathias Schormann, Copyright: © Caline Aoun.

gallerytalk.net: Caline, im Rahmen deiner Ausstellung „seeing is believing“ im PalaisPopulaire zeigst du die Installation „Infinite Energy, Finite Time“, vier Brunnen, aus denen jeweils eine der Farben des CMYK-Farbmodells für den Vierfarbdruck sprudelt. Cyan, Magenta, Yellow und Schwarz. Über die Zeit der Ausstellung werden sich die Farben in den Druckern mischen, sodass am Ende nur ein unheilvolles Schwarz durch die Brunnen quellt. Es geht viel um physische Veränderung in deinem Werk.
Caline Aoun: Genau und ich bin froh, wieder in Berlin zu sein und die Ausstellung nochmal sehen zu können. Denn im Prinzip ist es eine „lebende“ Ausstellung, da sich die Farben in den Brunnen über die Zeit ändern. Material sehe ich als etwas Aktives, als etwas, das am Leben ist.

Caline Aoun, Seeing Is Believing, Deutsche Bank Prize, MAXXI Roma, settembre2018 © Luis do Rosario.

Woher rührt die Idee, dass du eine derartig physische Veränderung oder Lebendigkeit in deiner Kunst sichtbar machen wolltest?
Wir leben in einer Zeit, in der wir hauptsächlich über das Internet und unser Smartphone kommunizieren. An der Schnittstelle zwischen Realität und digitaler Welt. Somit verschwinden räumliche und zeitliche Qualitäten immer mehr, denn die Art und Weise, wie wir mit der Welt interagieren oder Informationen konsumieren, geschieht allein über diese Schnittstelle, über den Daten-Transfer. Diese Daten sind nichts anderes als Zahlen in einem Computer. Es gibt keinen physischen Unterschied zwischen ihnen. Ich möchte diesen Daten eine physische Präsenz verleihen. Sie greifbar machen.

Auch Zeitlichkeit spielt in deinen ausgestellten Werken eine tragende Rolle.
Das stimmt. Allerdings sind die zeitlichen Qualitäten der heutigen Medien schwer zu übersetzen. Vor allem, wenn man an sofortige Nachrichtenübermittlung denkt. Früher dagegen dauerte es „Jahre“, Informationen zu empfangen und zu erhalten, und es ist diese Form von „fließender Dauer“, die mich interessiert und über die ich in meiner künstlerischen Praxis nachdenke.

Letztere Zeitlichkeit oder aber die physische Veränderung wird in deinem Werk abstrakt und metaphorisch sichtbar.
Die Abstraktion ist für mich der natürlichste Weg der Repräsentation zu entfliehen. Zweifelsohne begeistert mich die Vorstellung, dass in einer Sekunde Millionen von Informationen hochgeladen werden. Jedoch bewirkt diese Fülle der Darstellung, dass man immer weniger von den einzelnen Dingen sieht. Wir betrachten sie, indem wir drüber „swipen“. Es ist im Augenblick, fast eine Ablenkung – „instant“. In meiner Arbeit lasse ich die Dinge ganz natürlich abstrakt werden, um sie auf eine andere Weise zu betrachten. Als eine abstrakte Verbildlichung von digitalen Prozessen.

Caline Aoun, Seeing Is Believing, Deutsche Bank Prize, MAXXI Roma settembre2018 © Luis do Rosario.

Für „Contemplating Dispersions“, farbige Arbeiten auf Papier, hast du mehrere Drucker bis zur Erschöpfung drucken lassen. Dieses Interesse am Zusammenbruch eines Systems ist ebenfalls Bestandteil deiner Arbeit. Obwohl du deine Heimat, den Libanon, während der Zeit des Bürgerkriegs verlassen hast, glaubst du, dass die dortige Situation dein Verständnis oder das In-Frage-Stellen von Systemen, die als gegeben angesehen werden, beeinflusst hat?
Generell reagiere ich nicht künstlerisch auf die politischen Situationen im Libanon. Trotzdem liegen sie manchen Arbeiten zugrunde. Die Arbeit „Lands of Matter“ beispielsweise zeigt die Materialisierung von Daten, die ich den Zollbehörden entnommen habe. Diese Grafiken visualisieren das jeweilige Gewicht der Produkte, die im Laufe der Jahre täglich in den Libanon importiert werden. Und obwohl sie wie Berglandschaften aussehen, erzählen sie eine sehr belastete Geschichte, wie zum Beispiel die des Libanonkrieges 2006. In diesem Jahr sieht man einen Rückgang in den „Hügeln“ der Grafiken, denn der Import wurde für einige Monate gestoppt. Dieser Hintergrund bildet so einen Teil meiner Arbeit, ist jedoch kein treibendes Element. Es geht mir wirklich um das Potential des Materials. Das meinte ich auch, als ich sagte, dass das Material lebendig ist. Es trägt eine Vision in sich.

Es geht also darum, Daten visuell und greifbar zu machen? Auch in „Seascape“ einem Video-Live-Stream wird das Material „lebendig“.
Das Video ist ein Live-Stream, der einen Teil der libanesischen Küste und das Meer zeigt und gleichzeitig auf Unterwasser-Internetkabel gerichtet ist. „Seascape“ spielt auf die Lebendigkeit von Daten an, die in diesem Moment vom Libanon nach Berlin „reisen“. So wird einerseits die „Reise“ der Daten, die dieses Bild ausmachen, sichtbar, und gleichzeitig geht es um das Meer als einen Ort des Verkehrs, als Ort der Migration. Was zunächst aussieht wie ein romantisches Bewegt-Bild vom Meer trägt somit einen viel tieferen Sinn.

Porträt Caline Aoun, Beirut 2016.

Deine Arbeiten bilden also nicht primär ab, man kann sie viel eher als das Ergebnis eines nicht sichtbaren Prozesses, einer Datenflut, die du als „digitalen Lärm“ bezeichnest, ansehen. Was bedeutet dieser „digitale Lärm“ für deine Kunst?
Es bedeutet für mich diese verrückte Überfülle an Daten und, die Unmöglichkeit sie zu erfassen. Meine Arbeiten visualisieren jedoch das Gegenteil dieses Lärms. Sie sind eher eine abstrakte Ruhe. Aber gleichzeitig haben sie einen lärmenden Prozess durchlaufen. Die meisten Werke waren extrem zeitaufwendig herzustellen. Allein das Fertigen der Drucke dauerte beinahe ein Jahr. Wenn die Tinte im Drucker zu Ende geht, kann es bis zu einer Stunde dauern, ein Bild zu produzieren. Die Drucker werden fast zu etwas Humanem − werden lebendig, müde und am Ende erschöpft.

Installationsansicht, Caline Aoun: seeing is believing, PalaisPopulaire (15.11.2019-2.3.2020), Photo: Mathias Schormann, Copyright: © Caline Aoun.

Ich kann mir vorstellen, dass „Abschalten“ für dich wichtig ist. Wie ich gesehen habe, benutzt du auch kein Instagram. Woher ziehst du am Ende deine Inspiration für deine Kunst – in Trennung oder aber Verbindung mit der digitalen Welt?
Ich glaube aus der Verbindung mit der digitalen Welt. Indem ich in Verbindung trete, benutze ich die digitale Realität, sozusagen die materielle Realität. Ich glaube, wir vergessen, dass alles, was wir im Internet oder auf dem Smartphone ausüben von einem physischen Ort aus erfolgt. Allein schon die Infrastruktur der Rechenzentren ist immens und trotzdem werden diese Informationen materiell schwerelos. Das ist doch faszinierend! Mit dem Live-Stream oder der sich vermengende Tinte mache ich auf die tatsächliche Materialität der Daten aufmerksam. Ich wünsche mir, dass meine Kunst uns von der digitalen Welt trennt und in die materielle, die reale Welt zurückbringt.

WANN: Die Ausstellung „seeing is believing“ ist noch bis zum 2. März 2020 zu sehen.
WO: PalaisPopulaire, Unter den Linden 5, 10117 Berlin.

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