Bondage Bäume
Die mächtige Naturinstallation von Enzo Enea auf der Art Basel

19. Juni 2019 • Text von

Mit dem diesjährigen Thema „Nachhaltigkeit“ schafft die Art Basel eine Bühne für eine dringend notwendige Auseinandersetzung im Künstlerischen. Die Jahrhunderte alten Olivenbäume der Naturinstallation „Use/Abuse“ von Landschaftsarchitekt Enzo Enea sollen eine Mahnung aussprechen: Mehr Platz für die Bäume!

Enzo Enea, USE/ABUSE, Naturinstallation Art Basel 2019, Foto Martin Rütschi © Enea Landscape Architecture

gallerytalk.net: Herr Enea, was hat es mit der Installation „Use/Abuse“ auf sich?
Enzo Enea: „Use/Abuse“ ist eine Intervention für die Bäume, die keinen Platz mehr haben. Der Mensch nimmt ihnen diesen Raum. Dies gilt ganz besonders in den Städten. Der Älteste der aufgestellten Olivenbäume der Installation stammt aus dem 13. Jahrhundert. Die Wurzeln wurden mit der japanischen Bondage-Technik «Shibari» geschnürt. Mit dieser Technik haben ursprünglich die Samurais ihre Gefangenen für den Transport gefesselt. Je mehr sich diese bewegt haben, desto enger wurde die Fesselung. Damit will ich auf die Gefährdung und die zunehmende Verdichtung der Erde hinweisen. Unter der Erde liegen meist Tiefgaragen und übererdig haben wir Zement, Beton oder andere Bauten. Bäume wie ich sie hier habe – also fünf-, sechs-, siebenhundertjährige Bäume, wird es so nie mehr geben, wenn weiterhin so mit ihnen umgegangen wird. Die Installation ist ein Statement, eine Mahnung an uns alle. Ich habe Oliven ausgewählt, weil sie uns Früchte und Öl geben, und auch Sauerstoff. Diesen schnüren wir uns jetzt selbst ab.

Enzo Enea auf der Art Basel 2019, Foto Martin Rütschi © Enea Landscape Architecture

Bondage steht doch auch häufig im Zusammenhang mit Lustgewinn. Bildet das nicht einen Kontrast?
Ursprünglich kommt die „Shibari“ Bondage Technik aus Japan und bezeichnet eine Sexualpraktik, bei der Fesseln zur Steigerung des Lustgewinns beitragen. Bei der Bauminstallation habe ich „Shibari“ allerdings nicht in diesem Kontext genutzt, sondern beziehe mich darauf wie die alten Samurais die Technik nutzen.

Der Baum ist dann nicht derjenige, der frei entschieden hat, gefesselt zu werden.
Speziell in Städten sollen möglichst viele Quadratmeter zum Bauen genutzt werden. Auch Flächen mit Erde werden häufig durch das Gewicht der Lastwagen, Bagger und andere Arbeitsgeräte versiegelt und dadurch geht die Erde kaputt. Wir als Landschaftsarchitekten machen dann unsere Planung in einer Erde, die bereits verdorben ist. Das ist wirklich ein Problem. Da hat der Baum eigentlich keine Chance.

Das kann man auch sehr gut in der Wandmalerei von Massimo Milano sehen. Die Natur wird ausgequetscht. Sie blüht zwar für uns, aber wir gehen sehr aggressiv mit ihr um.

Enea Lounge Wandzeichnung Massimo Milano, Art Basel 2019, Foto Tobias Bühler © Enea Landscape Architecture

Haben Sie eine Idee, wie man dieses Problem landschaftsarchitektonisch lösen könnte?
Bei der Planung müsste man auf den verdichteten Boden hinweisen, dann müsste man die Verdichtung rausnehmen, den Boden neu aufbauen und umsetzen. Das alles braucht aber ein Budget. Dieses Geld gibt eben niemand aus, weil die Probleme unterirdisch liegen und nicht sichtbar sind. Bis die Orte dann weiter an Investoren verkauft werden, dauert es seine Zeit. Man merkt häufig mehrere Jahre nichts, bis der Baum krank wird, einen Pilz bekommt und fault.

Wie kann man den Baum so in der Stadt integrieren, dass er genug Platz hat und der Mensch den Raum ebenfalls weiter nutzen kann?
Es muss eine Symbiose entstehen. Das ist die große Herausforderung. Das Innen und Außen mit den zur Verfügung stehenden Bedingungen intelligent zu verbinden. Nicht nur möglichst profitabel, sondern im ökologisch nachhaltigen Maß.

Enzo Enea, USE/ABUSE – Bondage, Art Basel 2019, Foto Tobias Bühler © Enea Landscape Architecture

Haben Sie das Gefühl, dass die Entwicklung des Bauens in Europa bereits in eine nachhaltige Richtung geht?
Erste Schritte gehen in diese Richtung. Man versucht sich natürlich als Profi durchzusetzen, aber die Schwierigkeit ist die Finanzierung.

Wie könnte dies besser funktionieren?
Man muss genaue Pläne darüber haben, was passiert und nicht einfach nur versuchen den Auftrag zu holen und dann, wenn man ihn hat, einfach irgendwas zu machen. Es bedarf ein wenig Verhandlungsgeschick und nicht nur die Gabe der Gestaltung eines schönen Gartens.

Enzo Enea, USE/ABUSE, Naturinstallation Art Basel 2019, Foto Martin Rütschi © Enea Landscape Architecture

Denken Sie, es würde helfen, wenn Regierungen sich stärker einschalten würden?
Industrie, Schulen, Universitäten müssen dieses Problem verstehen und darüber aufklären. Es sollte bestimmte Vorgaben geben, damit dies alles funktioniert. Schließlich ist es im Interesse von uns allen, produzieren die Bäume doch den Sauerstoff, den wir zum Leben brauchen.

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