Intuitives Formenspiel
Für Boban Andjelkovic ist das erst der Anfang

9. April 2020 • Text von

Boban Andjelkovics künstlerische Praxis scheint auf den ersten Blick roh und direkt. Sein Oeuvre ist vielfältig, er nutzt unterschiedliche Medien, neben Malerei auf Leinwand auch Papierarbeiten, Wandmalerei, Holzschnitt, Glasmalerei und Skulptur. In seiner aktuellen Ausstellung in der Galerie Britta von Rettberg zeigt er unter dem Titel „und das ist erst der Anfang“ expressive Arbeiten, die sich einer verkannten Künstlerin annähern.

Boban Andjelkovic: „und das ist erst der Anfang“, Installationsansicht / installation view, Galerie Rettberg 2020.

gallerytalk.net: In deiner aktuellen Ausstellung in der Galerie Britta von Rettberg kombinierst du Malerei mit Text und skulpturalen Eingriffen. War es dein Ziel, den Galerieraum zu transformieren?
Boban Andjelkovic: Ich habe mich länger mit den Räumen der Galerie beschäftigt, ich wollte in dieser Einzelausstellung mehr machen, als einfach Bilder aufzuhängen. So ist dann schrittweise das Konzept entstanden, die ersten beiden Räume der Galerie miteinander zu verbinden. Die Idee war es, durch Text auf den Wänden den Raum aufzulösen, man soll sich förmlich durch den Text bewegen. Wenn man als Besucher im Raum steht, soll es sich wie ein großer Raum anfühlen. Auch der skulpturale Eingriff geht in diese Richtung. Mir ging es um die Frage, wie man heute Malerei präsentiert. So ist das Objekt entstanden, das wie ein Gitter-Geflecht aussieht, auf dem Bilder gezeigt werden. So entstehen neue Blickachsen und „Durchblicke“, ein ganz anderes Seherlebnis.

Für dich ist die Präsentation im Raum sehr wichtig, wie gehst du da vor?
Mein Ziel ist natürlich die bestmögliche Präsentation zu finden, daher bin ich immer offen für gute Lösungen. Einen großen Anteil der Gestaltung einer Ausstellung habe ich schon vorher im Kopf. So auch bei dieser Ausstellung, da gab es ein klares Konzept bezüglich der Formate und wie der Raum aufgeteilt wird. Eine solche Ausstellung muss man schon im Detail planen. Durch eine schlechte Hängung kann man auch viel kaputt machen.

Boban Andjelkovic, Foto: Studio Boban Andjelkovic.

Du siehst dich aber als Maler? Als Maler der auch räumlich arbeitet?
Ich sehe mich absolut als Maler, absolut. Meine Arbeit basiert immer auf malerischen Grundgedanken, auch wenn ich Skulpturen mache, mache ich sie als Maler.

Die Schrift verlässt die Grenzen der Leinwand und du nutzt den Raum als Leinwand.
So könnte man es sagen. Man bewegt sich anders im Raum, dieser Eingriff verändert den Raum. Die räumliche Situation in der Galerie hat sich verändert.

Worauf beziehen sich die Textfragmente, die im Raum aber auch auf den Bildern?
Meine letzte Ausstellung habe ich meiner Frau gewidmet und ausgehend davon habe ich mich mit dem Thema PartnerInnen von Künstlern und Künstlerinnen beschäftigt. In dieser Recherche bin ich natürlich auch auf Dora Maar gestoßen. Sie wird immer als „die Trauernde“ wahrgenommen, durch das berühmte Picasso Portrait von ihr. Ich hatte das Gefühl, diese Story, dieses Narrativ, würde ich gerne ändern. Durch die Beschäftigung mit ihr haben sich viele Bildmotive ergeben, die auch in der Ausstellung zu sehen sind. Die Textfragmente sind Sätze, die sie zu Picasso hätte sagen können und ihr Leben wäre vielleicht anders verlaufen: “Bye bye sweet Psycho” zum Beispiel. Ich wollte ihre Geschichte zu einem Happy End führen. Sie war eine tolle Malerin und eine tolle Künstlerin, aber sie hat sich nach ihrer Trennung von Picasso als Mensch total aufgegeben. Ich wollte das umdrehen.

Boban Andjelkovic: „Freude“, Installationsansicht / installation view, Galerie Rettberg 2019.

Für die Ausstellung hast du eine Auswahl getroffen, dich selbst editiert.
Ich hatte sehr viele Zeichnungen, die ich dann sortiert und ausgewählt habe. Manche der Motive haben Anlehnungen an die Bilder von Picasso, ich habe einzelne Elemente herausgenommen, neu kombiniert, fast wie ein Remix. Aber viel passiert auch im Prozess der Malerei. Bei manchen Bildern verändert sich während des malens das Motiv, ich übermale und überarbeite stark. Der Prozess, der tatsächliche Akt ist sehr wichtig.

Du reflektierst auch deine Position als Künstler, als Maler?
Ja das tue ich, ich bin mir nur nicht sicher, ob ich das für mich verbal definieren kann. Aber ich reflektiere meine eigene Position in meinen Bildern. Es gibt Selbstportraits von mir als vogelartiges Wesen, das Leinwände in den Flügeln gespannt hat und zur Arbeit geht. Diese Reflexion passiert ganz automatisch.

Ich habe einen Satz über dich gelesen: „Bei Boban ist gute Malerei definitiv Bad Painting“. Wie stehst du zu den Begriff „Bad Painting“?
Ich finde Kategorien immer schwierig. Aber ich mag die Haltung, die hinter „Bad Painting“ steht. Ein bisschen rotzig, schludrig, eine Anti-Haltung zum Schönen. Das gibt es auch leider nicht mehr so viel. Im Moment gibt es sehr viel schön gestaltete Malerei, sehr viel komponierte Bilder. Für mich muss Malerei körperlich sein, malen ist ja auch ein körperlicher Akt, das Gestische passiert einfach.

Arbeiten auf Papier von Boban Andjelkovic, Galerie Britta von Rettberg 2019.

Ganz pragmatisch gefragt: Wie gehst du in deiner künstlerischen Praxis vor?
Ich komme von der Zeichnung. Ich mache Zeichnungen, die ich auch nicht alle zu Bildern mache. Ich wähle die Motive aus, die ich dann malen will. Für meinem Umgang mit der Leinwand habe ich kein System, das ist das fatale. Ich suche immer nach einem System, finde aber keins. Ich scheitere und am Ende stehe ich vor einem Bild und denke, ist doch gar nicht so schlecht geworden. Ich fange mit etwas an, dann wird übermalt und weggenommen, ich nutze keine Vorskizzen. Es gibt eine Zeichnung, als Gerüst, um zu wissen, in welche Richtung es geht. Ohne das würde ich mich total verlieren. Aber dann arbeite ich spontan und intuitiv, ein bisschen wie beim Jazz. Man hat eine Grundform, die man spielt, die verlässt man, man improvisiert, kehr aber immer wieder zur Grundform zurück. Dieses Spiel finde ich sehr interessant.

WANN: Die Ausstellung läuft noch bis 29. Mai, die Galerie ist unter den vorgegebenen Richtlinien geöffnet. Auch Online zu sehen hier und hier.
WO: Britta von Rettberg Galerie, Gabelsbergerstraße 51, 80333 München.

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