Berliner Kunstgriff
24.11. - 01.12.2015

24. November 2015 • Text von

Es ist noch November, aber wenn diese Kunstwoche zu Ende geht, ist die erste Kerze am Adventskranz bereits angezündet und wir werden beginnen uns in den alljährlichen vorweihnachtlichen Stress zu stürzen. Bevor die Suche nach passenden Geschenken, das obligatorische Plätzchen backen und die Sorge, um die Wintertauglichkeit der deutschen Bahn losgeht, ist noch Zeit sich etwas Kunst zu gönnen. „Und ich sage euch, es lohnt sich sehr!“

Der fulminante Auftakt des Kunstwochenendes wird die Eröffnung der Ausstellung „A Few Free Years: Von Absalon bis Zobernig.“ am Freitag, den 27.November, im Hamburger Bahnhof – Museum für Gegenwart sein. An die 300 Werke schenkte der Sammler Friedrich Christian Flick in den Jahren 2008 und 2014 der Nationalgalerie, von denen nun eine Auswahl in der historischen Halle und den Rieckhallen des Museums für Gegenwart zu sehen ist. Dort werden sich die Werke, welche überwiegend seit den 1960er Jahren in Nordamerika und Europa entstanden sind, bestimmt wohlfühlen und – als Ergänzung zu den Dauerstellungen der Sammlung Marzona und der des Hauses selbst – den Museumsbesuch abrunden. Die Liste der Schenkungen ist „Name dropping at it’s best“: Paul McCarthy, Cindy Sherman, Richard Jackson, Dieter Roth, Marcel Broodthaers, Wolfgang Tillmans und VIELE mehr. Was sich hinter dem Ausstellungstitel verbirgt, bleibt selbst herauszufinden. Alles Wissenswerte findet ihr hier.

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Richard Jackson: 5050 Stacked Paintings, 1998/2015. © Courtesy Richard Jackson and Hauser & Wirth / © Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie im Hamburger Bahnhof, Schenkung der Friedrich Christian Flick Collection / Thomas Bruns.

Vermutlich etwas weniger überlaufen ist eine andere Eröffnung am Freitagabend, den 27. November, in der Potsdamer Straße. Die Circle Culture Gallery eröffnet „Beast of Burden“ – eine Einzelausstellung der österreichischen Künstlerin Annelise Schrenk, deren Werke sich in die Tradition der Minimal Art einschreiben. Im Gegensatz zu den im Hamburger Bahnhof gezeigten KünstlerInnen ist ihre Haltung jedoch symptomatisch für das 21. Jahrhundert. Nicht-ebenmäßiges Kuhleder als Abfallprodukt der Modeindustrie wird zum künstlerischen Medium. Die Behandlung mit Wasser, Wärme, Schmirgelpapier oder Säure fügt dem Leder als objet trouvé eine malerische Komponente hinzu; die einfachen Formen und monochromen Leinwände zeugen von den wahrnehmungspsychologischen Ansätzen der Minimalisten erster Stunde. Wenn Schrenk das Leder gewaltvoll von Keilrahmen zu reißen scheint, hilft das kunstgeschichtliche Lexikon allerdings nicht mehr weiter und die Kraft ihres künstlerischen Gestus macht einen sprachlos. Koordinaten zu der Vernissage hier.

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Anneliese Schrenk: Körper, 2015. Courtesy of Circle Culture Gallery.

Wenn der Schneeregen und die eisige Kälte am Samstag oder Sonntagnachmittag, den 28. oder 29. November, nach Sibirien weiterziehen, ist die Veranstaltung „Grenzfährservice II + III“ des 2. Berliner Herbstsalons des Maxim Gorki Theaters, die perfekte Alternative zu Tee und Couch. Die der Kälte Trotzenden werden in jedem Fall belohnt werden: Birgit auf der Lauer und Caspar Pauli entführen Kulturinteressierte in den Berliner Stadtraum, wo sie Berichte und Erzählungen zum Thema des Schleusergeschäfts – gestern und heute – mit zeitlichen und räumlichen Verschiebungen verorten. Ihre Recherche entlang der türkisch-griechischen Grenze und in den Berliner Archiven ist außerdem in einer permanenten audio-visuellen Installation innerhalb der Ausstellung zu sehen. Details zu dem Event findet ihr hier.

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Michael Müller: HERMES & HERMAPHRODITOS, 2015 (Detail). Courtesy Michael Müller.

Wer sich in den beheizten Räumen des KW – Institute for Contemporary Art wohler fühlt, kann am Samstagabend, den 28. November, der Eröffnung der beiden Einzelausstellungen „WER SPRICHT?“ von Michael Müller und „PAPAGAIO“ von dem portugiesischen Künstlerduo João Maria Gusmão + Pedro Paiva bewohnen.
Der Berliner Künstler Michael Müller konzipierte für seine erste institutionelle Einzelausstellung Hermes und Hermaphroditos, die als Figuren der griechischen Mythologie die Besucher durch die Ausstellung begleiten und Verbindungen zwischen den einzelnen Arbeiten aufzeigen. Damit werden sie zu Protagonisten von Müllers Untersuchung des Spannungsverhältnisses zwischen Anwendung und Umformung historischer wie gegenwärtiger künstlerischer  Codes; und fungieren gleichzeitig als indirekter Kommentar zu der zentralen Fragestellung, inwieweit ein Künstler selbst in seinen Werken sichtbar wird. Alles weitere zu dieser Ausstellung findet ihr hier.
Im KW verdichten Gusmão und Paiva zeitgleich über zwanzig 16mm-Kurzfilme aus den letzten zehn Jahren ihres künstlerischen Schaffens in einer ortsspezifischen Filminstallation. Aber keine Sorge, die Reizüberflutung hält sich in Grenzen. Die einzelnen Aufnahmen, stumm und im Loop präsentiert, richten den Fokus auf Alltagssituationen – ein Motiv, einen Bewegungsablauf oder eine Tätigkeit. Allein das intensive Betrachten des Alltäglichen legt die Grenze zwischen Wahrnehmung und Wirklichkeit offen. In ihrer Gesamtheit verspricht die Installation „den Blick auf die Welt buchstäblich zu verrücken“. Also: Genau hinschauen und Erkenntnis gewinnen! Mehr Infos gibt es hier.

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