Berliner Kunstgriff
14.03. - 20.03.17

14. März 2017 • Text von

Wovon reden wir, wenn wir „Ich“ sagen? Verläuft das Leben wirklich linear? Wie mächtig ist der Zufall? Auf solcherlei Fragen lässt sich wohl kaum eine allgemeingültige Antwort formulieren. Doch liefern folgende Ausstellungen in der kommenden Woche Anreize zur Lösung des eigenen Rätsels.

 Isa Genzken mit Wolfgang TillmansScience Fiction/hier und jetztzufrieden sein, 2001© Nationalgalerie im HamburgerBahnhof, SMB, Schenkung der FriedrichChristian Flick Collection / ThomasBruns / VG Bild-Kunst, Bonn 2017


Isa Genzken mit Wolfgang Tillmans, Science Fiction/hier und jetzt zufrieden sein, 2001, © Nationalgalerie im HamburgerBahnhof, SMB, Schenkung der FriedrichChristian Flick Collection / ThomasBruns / VG Bild-Kunst, Bonn 2017

Im Hamburger Bahnhof werden ab Donnerstag, den 16. März, Environments, Installationen und narrative Räume von hochkarätigen Künstlern wie Joseph Beuys, Fischli/Weiss, Isa Genzken und Wolfgang Tillmans zusammengetragen und miteinander in Bezug gesetzt um die Geschichte der Installationskunst seit 1960 nachzuzeichnen. Unter dem Motto „moving is in every direction“ wird von einer nicht-linearen Erzählstruktur à la Getrude Stein ausgegangen. So wurde ein Ausstellungsparkour konzipiert, der sich über 3.500 Quadratmeter erstreckt und dessen raumgreifende und begehbare Installationen aus nächster Nähe erfahren werden können. Je näher man sich zur Gegenwart durchkämpft, desto differenzierter wird auch die Definition von Räumlichkeit. Denn zum physischen Raum gesellt sich der Virtuelle hinzu, der auch bespielt werden will. Durch die Erkundung installativer Kunst aus den letzten fünfeinhalb Jahrzehnten wird nicht nur ein Genre in seiner Fülle erschlossen, sondern auch das Potenzial der derzeitigen künstlerischen Kolonisierung der virtuellen Welt erforscht.

WANN: Eröffnet wird am Donnerstag, den 16. März, ab 19 Uhr.
WO: Hamburger Bahnhof – Museum für Gegenwart, Invalidenstraße 50/51, 10557 Berlin

Susanne Kutter, Die Zuckerdose, Videostill, © Green | Gonzalez

Susanne Kutter, Die Zuckerdose, Videostill, © Green | Gonzalez

Im Schau Fenster feiert das Kuratorinnenduo „Green | Gonzalez“ am Freitag, den 17. März, das Debüt ihrer Zusammenarbeit, und das in Form einer sorgfältig konzipierten Ausstellung: „Unpredictable“ beschäftigt sich mit dem Zufallsprinzip als formales und ästhetisches Element in der Kunst. Anhand von zeitgenössischen Positionen aus unterschiedlichen Genres zeigt sie beispielhaft auf, wo und wie eine kalkulierte Unberechenbarkeit künstlerisch produktiv eingesetzt werden kann. Und fragt gleichzeitig nach der Autorität des Künstlers als kreativer Erzeuger innerhalb des Regelwerkes des Unvorhersehbaren. Schon Jackson Pollock hat die vermeintliche Willkür zum zentralen Element seiner malerischen Praxis erhoben. Wie wird damit heute umgegangen?

WANN: Herausfinden könnt ihr dies am Freitag, den 17. März, ab 19 Uhr.
WO: Schau Fenster, Lobeck Straße 30-35, 10969 Berlin.
WAS: Am Samstag, den 18. März, wird ab 15 Uhr ein Artist Talk mit allen teilnehmenden Künstlern abgehalten. 

Vajiko Chachkhiani, But Ah, My Foes, And Oh, my Friends, 2016, © the artist and Daniel Marzona, Berlin

Vajiko Chachkhiani, But Ah, My Foes, And Oh, my Friends, 2016, © the artist and Daniel Marzona, Berlin

Ebenfalls am Freitag, den 17. März, eröffnet in der Galerie Daniel Marzona „Summer which was not there“, eine Einzelausstellung von Vajiko Chachkhiani. Der Künstler, der den georgischen Pavillon der diesjährigen Venedig Biennale bespielen soll, berührt in seiner Arbeit existenzielle Fragen. Er hinterfragt die Natur der menschlichen Identität, und untersucht dabei verschiedene Einflussfaktoren auf die Entwicklung einer solchen. So geht es auch in der zentralen Videoarbeit der Ausstellung, in der dessen Protagonist beobachtet, wie eine monumentale Betonskulptur, die ihm überraschend ähnlich sieht, aus dem Meer gezogen wird, um die Rolle von Politik und Historie in der Bewusstseinsbildung. Die Wandinstallation „But ah, my foes, and oh, my friends“ visualisiert ihrerseits die Abstraktheit von historischen Zeitläufen in Form von Kerzen aus georgischen Straßencafés, die von beiden Seiten an der Wand entlang abbrennen. Die visuelle Sprache von Chachkhiani ist gleichsam kraftvoll und poetisch, eindringlich vermittelt er die Relevanz seiner Anliegen. Und fordert so jeden Einzelnen zur Reflexion auf. 

WANN: Vernissage ist am Freitag, den 17. März, zwischen 18 und 21 Uhr.
WO: Daniel Marzona, Friedrichstraße 17, 10969 Berlin.

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