Berliner Kunstgriff | 08.12. - 15.12.2015
08.12. - 15.12.2015

8. Dezember 2015 • Text von

Angreifbare These: Im besten Falle geht es in der Kunst um die Welt. Diese Woche führt das Peggy Buth in ihrer Performance bei KLEMM’S vor und Johannes Paul Reather in seiner Performance-Installation als Transformella bei DISTRICT Berlin. Auch die Alternative wird aufgezeigt: Es könnte in der Kunst um die Kunst gehen. Dem nehmen sich die Filme von Alfred Ehrhardt in dessen Stiftung an. 

Bereits seit Anfang November zeigt die Galerie KLEMM’s einen Einzelausstellung der Berliner Künstlerin Peggy Buth mit den ambivalenten Titel „The Politics of Selection – Vom Nutzen der Angst“. Eine gute Gelegenheit doch noch in der Prinzessinnenstraße vorbeizuschauen bietet sich am Dienstag, den 08. Dezember, wenn Buth „Hate Speech“ eine Performance mit 15 Akteurinnen präsentiert. Thema der Ausstellung sind Leerstellen in den urbanen Räumen des Mittleren Westens der USA; jedoch keine städtebaulichen Leerstellen oder leer stehende Häuser, sondern Orte, deren historische Bedeutung verblasst, verschwindet zwischen den kapitalistischen Interessen und den alltäglichen Bedürfnissen der Bewohner. Die Performance befasst sich exemplarisch mit dem Martin-Luther-King Boulevard, wobei ein bestimmter Artikel hier fehl am Platz ist. Eine Straße, die es vermutlich in jedem Bundestaat der USA mehr als einmal gibt, deren Name einst ein Versprechen war und nun nur noch das ist – ein Name. Die PerformerInnnen tragen Passagen eines umfassenden Textes von Peggy Buth vor, welcher zwischen Dokumentation und subjektiver Bildsprache ein verbales Bild der verlorenen Utopie zu zeichnen versucht.

WANN: Am 08. 12. 2015, pünktlich um 20 Uhr.
WO: Galerie KLEMM’s, Prinzessinnenstraße 29, Berlin.

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Ausstellungsansicht: Peggy Buth, THEN/NOW PRUITT-IGOE mit den Videos Reunion-Gala and Pruitt-Igoe, 2015. Courtesy of the artist and KLEMM’S, Berlin.

Auch am Mittwochabend, den 09. Dezember, geht es um ein historisches Ereignis, welches seinen Schatten bis ins Jetzt wirft. In der Alfred-Ehrhardt-Stiftung Berlin werden zwei Filme deren Gründers vorgeführt: Kunst unserer Zeit I und II. Erhardt schuf bewegte Bilder von der – 1959 auf der documenta II  in Kassel gezeigten – zeitgenössischen Kunst, welche die Versprechungen des Neuen Sehens umzusetzen versuchten. Wenn wir mit der Malerei, Plastik und Skulptur aus der Mitte des letzten Jahrhunderts konfrontiert werden, vermittelt durch die poetische Genauigkeit der filmischen Rezeption von Kunstwerken, scheint all dies mehr als fünfzig Jahr zurückzuliegen. Der simple Reproduktion des fotographischen wie filmischen Mediums wurde damit eine Absage erteilt, nun ist dies schon lange selbstverständlich, sodass sich die revolutionäre Kraft der Filme von Alfred Erhardt nur noch erahnen lässt. Mittels Ausschnitten und isolierter Betrachtung, Bewegung und starken Kontrasten versuchte dieser in „Kunst unserer Zeit I und II“ den Rezipienten zu emanzipieren. Es sei an dieser Stelle die Behauptung in den Raum gestellt, dass der Rezipient anno 2015 das immer noch nötig hat.

WANN: Am 09. 12. 2015, um 19 Uhr. Eintritt frei, um schriftliche Voranmeldung wird gebeten.
WO: Alfred-Ehrhardt-Stiftung, Auguststraße 75, Berlin.

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Alfred Ehrhardt bei Filmaufnahmen in Nordflandern, um 1940. © Alfred Ehrhardt Stiftung.

Der letzte Weg dieser Kunstwoche führt ans Südkreuz, zu DISTRICT Berlin. Am Samstag, den 12. Dezember, mittags um 13 Uhr findet die Performance-Intervention Transformalor Kristallisation von Transformella statt, der Königin der Trümmer und Leihmutter des Instituts für reproduktive Zukünfte –  kurz gesagt einer Forschungsavatara des Künstlers Johannes Paul Raether. Besagte Transformella wandert seit fünf Jahren durch Europa, die USA und Indien und kehrt nun nach Berlin zurück um ihren eigenen Werdenszyklus abzuschließen, in dem sie zu einer an Open-Software angelehnten Versionierung ihrer selbst wird. (Was soll man auch sonst machen an einem Samstagmittag?) Tatsächlich geht Raether mit diesem Alter Ego der Frage nach realen und potentiellen Möglichkeiten von kommunaler Zeugung und Elternschaft nach und versucht sich in dieser letzten Intervention der Transformella an der Konstruktion des „Wir“, des potentiellen politischen Subjekts in der queerfuturistischen Auslotung einer globalisiert-industriellen Wirklichkeit.

WANN: 12. Dezember 2015, 13 Uhr.
WO: DISTRICT Berlin, auf dem Gelände der Malzfabrik, Bessemerstraße 2-14, Berlin.

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Johannes Paul Raether, Transformellae ikeae – FertitlityCave 1.0.6, 2015. Foto: Johannes Paul Raether.

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