An Samstagen wie im Taubenstall
Tim Voss über „Haben und Brauchen in Wien“

29. April 2019 • Text von

Im Fokus des aktuellen Projektzyklus im Künstlerhaus stehen die Produktionsbedingungen von Künstler*innen und soziokulturellen Initiativen. Was haben und brauchen unterschiedliche Positionen in Anbetracht überwiegend prekärer Arbeitsbedingungen? Wir haben mit dem neuen künstlerischen Leiter Tim Voss gesprochen.
Text: Jonas Beutlhauser

HABEN UND BRAUCHEN IN WIEN: Kochshow „GOOD AND BAD COOK“ am 29.März mit BOEM* Verein zur Förderung von Kunst, Kultur, Wissenschaft und Kommunikation.

gallerytalk.net: Lieber Tim Voss, wie kam es zu „Haben und Brauchen in Wien“?
Tim Voss:
Der Titel „Haben und Brauchen“ ist eine Referenz an die 2011 von freien Künstler*innen in Berlin unter diesem Titel gegründete Initiative und das daraus hervorgegangene Manifest. Diese Initiative wurde zu einem Sprachrohr der freien Szene als Diskussions- und Aktionsplattform und setzte eine Bewegung in Gang, deren Ergebnis zum Beispiel das sogenannte “Berliner Modell“ zur Ausstellungsvergütung ist, das wir jetzt hier für Wien diskutieren. Ich wurde in Folge der Verschiebung der Wiedereröffnung des Künstlerhauses am Karlsplatz beauftragt für unser Übergangsquartier im fünften Bezirk eine Ausstellung zu entwickeln. Hierfür wollte ich einerseits die Frage nach der Durchlässigkeit von Institutionen zu deren Thema machen, da in meinen vielen, vielen Gesprächen mit den Mitgliedern und ihren Gremien die strukturelle Frage der Beteiligung der Mitglieder am künftigen Programm sehr im Vordergrund stand; andererseits wollte ich mit „Haben und Brauchen“ für die Belange der freien Szene eine Plattform anbieten und in Kooperationen mit deren Interessensverbünden Kampagnen unterstützen – so beispielsweise den Aufruf „ARTIST COMMONS“ der Wiener Perspektive, einer selbstorganisierten Plattform der freien Wiener Performance-Szene.

Kannst du ein Zwischenfazit abgeben: Was brauchen (junge) Künstler*innen in Wien?
Insbesondere für die bildenden Künste wird mehr strukturelle und flexiblere Förderung benötigt. Wien bildet an zwei Akademien so viele Künstler*innen aus, übernimmt aber nicht ausreichend Verantwortung dafür, was aus ihnen werden soll. Ein Beispiel: Künstler*innen müssen für ihre Ausstellungen vergütet werden. Darüber besteht mittlerweile ein Konsens und dringender Regelungsbedarf. Auch gibt es mit Blick auf Berlin eine Sehnsucht danach, dass Wien sich mehr internationalisieren könnte.

Was steht dem entgegen?
Ein beinahe unerträglicher Protektionismus. Neu Zugezogenen wird es sehr schwer gemacht hier Fuß zu fassen. Für die meisten Förderungen muss man zwei bis vier Jahre in Wien gemeldet sein. Künstler*in zu sein und Kinder zubekommen ist hier mehr als anderswo eine entweder/oder-Entscheidung. Auch in der großen, europäischen Kulturmetropole Wien ist der Handlungsbedarf also enorm.
Aber es zeigt sich, dass „Haben und Brauchen in Wien“ als ein Impuls unter vielen gerade zum richtigen Zeitpunkt kommt. Bei uns arbeiten in diesen vier Monaten an die 60 Gruppen unterschiedlichster Bereiche an ihren Projekten. Wesentlich für die Auswahl waren dabei deren Verbindungspotentiale untereinander. Unser Team trägt die Euphorie der Teilnehmenden. Das Künstlerhaus öffnet sich über das entstehende Feuerwerk an Veranstaltungen gegenüber ganz neuen Besucher*innengruppen. Aber die damit einsetzenden Neuerungen werden nicht von jedem begrüßt. Von außen wird uns viel abwartende Skepsis zugetragen. Änderungen brauchen Zeit und Geduld. In Wien vielleicht ein bisschen mehr als in Amsterdam.

Welche Unterschiede in Wien siehst du im Vergleich zu Amsterdam oder Deutschland, wo du zuvor in der Institutionsleitung tätig warst?
Österreich und speziell Wien identifizieren sich stark über ihren Kulturbetrieb und insbesondere dessen historische Ursprünge. Hier kann Kultur nicht wie in den Niederlanden als „linkes Hobby“ diffamiert werden. Das Fördersystem ist wesentlich statischer. Beispielsweise  gibt es nicht die zahlreichen privaten Kulturstiftungen wie in Deutschland, sondern fast ausschließlich öffentliche Gelder. Abgesehen davon besteht nur die Möglichkeit des Sponsorings, welches immer mit einer Gegenleistung verbunden ist. Am Horizont kündigt sich ein ähnliches Unwetter an, wie ich es 2010/2011 in Amsterdam erlebt habe. Die schwarzblaue Regierung hat die hier seit dem Krieg übliche Sozialpartnerschaft in Österreich offensichtlich aufgekündigt und der neoliberale Wind bläst immer stärker durch die Sozialsysteme. Man muss kein Prophet sein, um diesen zeitnah auch in der Kulturpolitik zu erwarten.

Passagegalerie in“ HABEN UND BRAUCHEN IN WIEN“: Reinhold Zisser: Kunstland Nord, 7. – 16. März.

Für den Projektzyklus wurden die Räumlichkeiten entscheidend umgestaltet. Vieles scheint nach sozialen Aspekten entworfen und auf Prozesse ausgelegt zu sein. Wie kam die räumliche Struktur zustande und wie wird sie angenommen?
Wir sind für die Teilnehmenden täglich, außer Sonntag, von 10 bis 18 Uhr geöffnet und es ist immer jemand dort, der gerade arbeitet. Samstags geht es bei uns zu wie im Taubenstall. Im Zentrum der Architektur aus Probe- und Arbeitsräumen steht die Communitykitchen mit dem Nachbau der Passagegalerie, dem ehemaligen Projektraum des Künstlerhauses am Karlsplatz. Der Wiener Künstler und Designer Gerald Moser hat ein Interieur aus stapelbaren Bierkisten und Holzelementen entworfen, welches das Konzept des Projektzyklus ganz hervorragend unterstützt.

Bei euch ist die Küche Performance-Bühne und Mittelpunkt des Geschehens, während die Passagegalerie schon mal für Installationen zugenagelt wird oder komplett leer bleibt. Welche Rolle spielt für dich das gemeinsame Kochen und Essen?
Jeden Freitagabend wird vor und für ein Publikum gekocht. Gruppen und Initiativen sind zu Gast und stellen sich vor. Das Kochinterview wird immer wieder für Musik- und Performancedarbietungen unterbrochen. Am Ende wird zusammen gegessen. Ich wechsle mich mit dem Verein BOEM bei der Gestaltung dieser Abende ab. Viele Abende werden aufgenommen und zu Radiosendungen auf Radio Orange und dem Kunstradio Ö1 verarbeitet.

Es soll ja gegen Ende des Projektzyklus’ einen Schweinebraten-Contest zwischen der Sezession und dem Künstlerhaus geben?
Die Einladung des Künstlerhauses an die Sezession besteht und wurde zunächst mit vorsichtigem Interesse beantwortet. Mal sehen, ob die sich wirklich trauen… Peter Doig zeigen kann doch jeder. (Lacht)

Das Künstlerhaus scheint seit längerer Zeit von einem ähnlich absurden Contest zwischen verschiedenen Interessensgruppen zu leiden. Sind die Kochshow und diese anschließenden Tafelrunden auch ein Angebot an die Mitglieder?
Unter den circa 60 Projekten gibt es auch gut zehn von Mitgliedern getragene. Aber das wichtigste für den Verein ist, nicht nur meiner Meinung nach, die eigene Nabelschau zu verlassen und sich weiter neuen Besucher- und Nutzerkreisen zu öffnen. Intern gehen die Streitereien zwischen den unterschiedlichen Lagern ohnehin immer weiter, was in der DNA einer jeden Künstlervereinigung liegt. Das Künstlerhaus bietet diesen besonders viele Gremien und pflegt seine Streitkultur.

Kommen die Mitglieder denn vorbei?
Viel zu wenig.

„HABEN UND BRAUCHEN IN WIEN“: Interieur von Gerald Moser bei einer Performanceveranstaltung.

Selbstorganisierte und prozessorientierte Strukturen innerhalb der Institution einzuführen ist keine ganz neue Idee. Oft sind die Partizipierenden überfordert, da die Initialzündung zur Veränderung nicht wie etwa in der freien Szene aus einer eigenen Dringlichkeit heraus entsteht. Wollen die Leute das überhaupt?
Die gesellschaftlichen Institutionen sind in einer tiefen Krise, nicht nur die kulturellen. Die KickOff-Konferenz des ARTIST COMMONS-Aufrufs war nicht weniger als der gelungene Versuch Institutionen und ihre notwendige Durchlässigkeit für die Zukunft zu diskutieren. Das trifft in Wien aber in der Tat auf ein großes Bedürfnis nach Repräsentation. Die Bedeutung des Ereignisses und seine Autoritäten überstrahlen nach wie vor alles andere. Mir ist auch klar, dass mein Programm ein Vorschlag ist, der bewertet wird und der auch abgelehnt werden kann. Dann gehe ich eben wieder. Ohne diese Distanz zu meinem eigenen Tun könnte ich diesen Job unter diesen Bedingungen und Voraussetzungen nicht machen. Mit und auch gegen die Konventionen zu arbeiten bedeutet, bereit sein zu müssen, auch dieses persönliche Risiko zu tragen. Da fühlt man sich manchmal wie ein Fussballtrainer. Aber ich bin überzeugt davon, dass nur diese Risikobereitschaft aller das Künstlerhaus noch retten kann. In dieser Notwendigkeit von Aufbruch und Veränderung liegen für mich der Spaß und die Chancen.

Bevor du die neue Stelle angetreten hast, sprachst du in einem Interview von der Idee einen post-akademischen Raum des Austauschs im Künstlerhaus nach der Wiedereröffnung zu etablieren. Wie könnte ein solcher Raum beschaffen sein?
Warum soll man in einer Künstlervereinigung wie unserer noch Mitglied sein? Die Programmstruktur der letzten Jahre hat bewiesen, dass man dem Wunsch der Mitglieder, ausgestellt zu werden, nicht gerecht werden kann. Das war auch der Grund für das Hauen und Stechen, unter dem der Verein so gelitten hat. Am Ende haben sich doch immer wieder dieselben Namen durchgesetzt. Künstler*innen leiden ihrem Wesen nach unter mangelnder Aufmerksamkeit von Außen. Denn ohne Aufmerksamkeit wird ihre Tätigkeit zum Hobby.
Angenommen, 400 Künstler*innen kommen zusammen und bilden eine Vereinigung, deren einzige Verbindung in diesem Mangel an Aufmerksamkeit besteht, dann ist klar, wie destruktiv sich das auf den Zusammenschluss auswirken kann. Ich versuche, diese destruktiven Tendenzen mit meiner Vision eines post-akademischen Raums zu beantworten. Schließlich leiden die meisten ja nicht nur unter mangelnder Aufmerksamkeit, sondern auch unter einem zunehmenden Mangel an Austausch untereinander. Die vor meiner Zeit entstandene Idee der „Factory“ – einem eigenen Raum der Mitglieder vor Publikum, in Ergänzung zu einem Ausstellungsprogramm, wird der Kern des kommenden Programms am Karlsplatz sein.

Die  Koch-Shows finden immer freitags ab 18 Uhr in der Stolberggasse 26 im 5. Bezirk statt. Veranstaltungen gibt es außerdem regelmäßig donnerstags und samstags. Die Frage nach dem Haben und Brauchen, wie sollte es anders sein, wird im vierten Stock etwas am Rande des Wiener Kulturbetriebs gleich über der Suchtberatung diskutiert. Sie erkennen das Gebäude an der überflüssigen Glastür, an der man auch locker vorbei gehen und einen ersten Schritt in den Taubenschlag der Vielen wagen kann. Möge „Haben und Brauchen in Wien“ dazu dienen das Künstlerhaus nicht nur um ein * zu erweitern.

WANN: Der Projektzyklus läuft noch bis zum 22. Juni 2019.
WO: Künstlerhaus 1050, Stolberggasse 26,  1050 Wien. Details zum Programm online.

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