Mehr Klarheit!
Der neue Kunsthallendirektor Alexander Klar im Gespräch

30. August 2019 • Text von

Die Feierlichkeiten zum 150-jährigen der Hamburger Kunsthalle stehen vor der Tür – und drinnen sitzt ein neuer Direktor. Seit drei Wochen ist Alexander Klar in Hamburg, um die Geschicke des Museums zu leiten. Obwohl gerade viel zu tun ist, nimmt er sich die Zeit, mit gallerytalk.net über die Zukunft der Institution zu sprechen.

Dr. Alexander Klar,
Direktor der Hamburger Kunsthalle seit dem 1. August 2019, Fotos: Romanus Fuhrmann

Sind sie gut in Hamburg angekommen?
Alexander Klar: Sehr gut! Es ist ja seit drei Wochen blendendes Wetter. Meine Familie und ich, wir wohnen elbnah. Das heißt, ich war fast jeden Tag baden und meine Kinder sind begeistert!

Dabei ist gerade mit dem anstehenden Jubiläum irrsinnig viel zu tun. Das ist vermutlich eine schwierige Situation: Man ist gerade neu und muss sofort ein Jubiläum repräsentieren, das andere geplant haben, oder?
Das bietet mir aber auch eine wahnsinnig hohe Lernfrequenz, ich steige mit einer historischen Ausstellung ein und lerne dadurch die letzten 150 Jahre im Turbo kennen. Es gibt hier ein tolles Team, das alles vorbereitet hat. Und ich glaube, niemand erwartet von mir, dass ich nach einem Monat gleich der „Mr. 150-Jahre“ bin.

Gretchenfrage: Haben Sie schon ein Lieblingswerk aus der Sammlung?
Die Hamburger Sammlung ist weltweit bedeutsam und sehr breit, da gibt es natürlich viele Werke, die ich nennen könnte. Wenn ich mehrere haben darf, würde ich sagen, das reicht von Runges „Morgen“ bis zu Richard Serras Blei-Splash, der jetzt nach langer Zeit wieder im Sockelgeschoss gezeigt wird. Die Werke umschreiben die Spannbreite der Sammlung sehr gut: vom gemalten Aufbruch im Morgen, bis zur gesplashten Ewigkeit in Blei.

Was schätzen Sie besonders an der Kunsthalle?
Dass es eine bürgerliche Gründung ist, und keine fürstliche. Nichts gegen Fürsten, aber Hamburg ist eine Stadt, die festgestellt hat, dass Kunst zum städtischen Gefüge dazugehört, wie der Handel auch. Das Museum ist ein Ausdruck des Selbstverständnisses einer Stadt. Das spürt man etwa an der Vielgestalt der Sammlung, die geprägt ist durch viele Zustiftungen und Spenden.

Uns interessiert natürlich besonders, wie es mit der Kunsthalle weitergehen soll. Was sind Ihre Visionen?
Ein wesentlicher Aspekt ist für mich das Zeitgenossentum. Die Hamburger Kunsthalle war immer sehr gegenwärtig. Ich halte es für ein schönes Symbol, dass die Galerie der Gegenwart monolithisch vor dem Museum steht und etwas Eigenes fordert. Ich sehe darin den Auftrag, mit der Gegenwartskunst zu arbeiten. Wir sind natürlich weder die Deichtorhallen noch der Kunstverein, das Kunsthaus, eine Galerie oder ein Off-Space. Wir sind ein Ort, der qua Aura einen hohen Anspruch einfordert. Wir haben eine Verantwortung, der wir uns stellen müssen. Aber das heißt nicht, dass wir nur auf einer Sicherheitsspur fahren sollten und keine junge Kunst zeigen dürfen oder nur das Beste und Teuerste. Ich denke, wir sollten uns gelegentlich aus dem Fenster lehnen und gestalten, was wir für relevant halten. Außerdem möchte ich, dass die Kunsthalle ein Ort ist, an dem sich jüngere Künstler durch die alten Meister inspirieren lassen.
Nach diesen Grundsätzen möchte ich unser Programm ausrichten. Erst mal soll die Galerie der Gegenwart wieder so hergestellt werden, dass man sie gut als Spielort nutzen kann. Das Credo ist dem Bau zu kuratieren, nicht gegen ihn. In der Vergangenheit wurden für Ausstellungen viele Wände eingezogen und Fenster dichtgemacht. Ich möchte die Galerie der Gegenwart wieder zu dem Gebäude machen, das der Architekt sich vorgestellt hat. Das heißt, Tageslicht hereinholen, die Wandstellungen am Gebäude ausrichten und insgesamt Klarheit schaffen. Ich möchte ferner Künstler und Künstlerinnen einladen, mit dem und für das Gebäude zu arbeiten, sodass Arbeiten entstehen, die nur an diesem Ort entstehen können.

Außenansicht des neu erschlossenen Eingangsportals der Hamburger Kunsthalle
© Hamburger Kunsthalle Foto: Ralf Suerbaum


Es geht mir für die gesamte Kunsthalle auch um die großartigen Räume. Ich denke dabei musikalisch. Wie kann ich einen visuellen Klang entstehen lassen? Mir ist der Rhythmus eines Besuchs sehr wichtig. Letztendlich will ich dafür sorgen, dass wir ein klareres Profil bekommen. Dafür müssen wir bestimmte Fragen klären: Was kann die Kunsthalle besonders gut? Welche Kunst kann sie besonders gut? Welche Haltung hat sie?

Auf welche Ausstellungen sind Sie besonders stolz?
Alle Ausstellungen, bei denen es gelungen ist, mit der Künstlerin oder dem Künstler etwas zu entwickeln, das nur an dem Ort möglich war. Beispielsweise haben wir in Wiesbaden Katharina Grosse mit riesigen Papierarbeiten gezeigt. Parallel ist eine große Installation entstanden, die dauerhaft in Wiesbaden liegt, und nun mit dem Museum assoziiert wird.

Was sehen Sie als Aufgabe des Museums, jenseits des Dreiklangs Sammeln – Bewahren – Ausstellen?
Ein Museum sollte für mich eine Art Forum sein. Ein Ort des Austauschs, an dem man sich, ausgehend von Kunst, über so ziemlich alles unterhält. Die Steuerzahlerinnen und Steuerzahler sind letztlich die Betreiber dieses überdachten, klimatisierten öffentlichen Ortes. Ihn zu nutzen sollte selbstverständlich sein. Das Museum als öffentlicher Raum wird zunehmend wichtiger, die Kirchen sind leer, im Rathaus unterhält sich niemand, wo sonst findet gesellschaftlicher Diskurs noch statt? Im Museum kann man sich verabreden und ausgehend von dem, was man sieht über das sprechen, was einen berührt. Diesen Austausch möchte ich kultivieren.

Wann: Vom 30. August bis zum 01. September werden 150 Jahre gefeiert. Der Eintritt ist am Jubiläumswochenende kostenlos. Wir empfehlen etwa „Unfinished Stories“, die neue Sammlungspräsentation der Galerie der Gegenwart.
Wo: Hamburger Kunsthalle, Glockengießerwall 5, 20095 Hamburg

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