Zusammen ist man weniger allein?
gemEINSAM in der xpon-art

30. Januar 2019 • Text von

Irgendwo zwischen Teamgeist und Einzelkämpfertum reiht sich jeder ins große Kollektiv ein. Wie fühlt sich das eigentlich an? Nichtverhalten zur Gesellschaft geht nicht, irgendwie arrangieren sich alle mit den Menschen drumherum. Um dieses Ein- oder Ausfügen aus den gesellschaftlichen Zusammenhängen und die emotionalen Konsequenzen daraus geht es in der aktuellen Gruppenausstellung „gemEINSAM“ in der xpon-art.

Marcus Korell: Glück

Vierzehn Künstlerinnen und Künstler tragen ihre Sicht auf die soziale Verfasstheit ihrer Subjekte bei. Sofort fallen die großformatigen Arbeiten im Hauptraum ins Auge. Da steht die üppige Malerei von Marcus Korell den zarten fotografischen Selbstportraits Franziska Ostermanns gegenüber. Korells Gemälde zeigen skurrile Gestalten, die ihr „Glück“, so der Titel der Serie, in der Nonkonformität finden und ihre Persönlichkeit ohne Rücksicht auf soziale Normen ausleben. Ostermanns Doppelselbstportraits befassen sich genauer mit dem Künstlerinnen-Ich. Was passiert, wenn ich mich selbst in den Blick nehme? Welche Facetten der Persönlichkeit scheinen auf, wenn nicht durch die soziale Linse im Blick eines anderen auf mich geschaut wird, sondern ich mich im Akt des Fotografierens verdopple und Betrachtete und Betrachtetes zugleich werde?

Franziska Ostermann: FIRN

So auf verschiedene Selbstkonzepte eingestimmt, geht es hinab in den labyrinthartigen Keller der xpon. Gleich als Erstes begegnen sich die Ausstellungsbesucher in der Installation „C’mon: Talk!“ von Katja Staats. Zwei Bildschirme samt Kamera sind in den Ausstellungsräumen verteilt, auf denen das Publikum miteinander Kontakt aufnehmen kann.

Schon seit Jahren kuratiert das vierköpfige xpon-Team um Arne Lösekann thematische Gruppenausstellungen, für die sich Künstler direkt bewerben können. Florian Huber erklärt den Prozess folgendermaßen: „Wir suchen uns möglichst zweideutige Oberthemen, zu denen viele Künstler Ideen beitragen können – diesmal gemeinsam/einsam. Im Team entscheiden wir uns dann zwischen den Einsendungen. Die Bandbreite ist natürlich groß: Von Hobbykünstler bis Uniprofessor ist alles vertreten. Uns ist es aber wichtig, nicht nach möglichst tollen Namen auszuwählen, sondern wirklich auf die Arbeiten zu schauen und zu entscheiden, welches Werk dem Thema und der Ausstellung neue Facetten zufügt.“

Florian Huber: s(ein) Foto: Michael Perlbach

Huber ist selbst als Künstler in der Ausstellung vertreten. Er sieht die xpon auch als Experimentierfeld für gewagtere Arbeiten, in diesem Fall Kondome in Epoxidharz. Die Arbeit „s(ein)“ setzt sich mit seinen persönlichen Lebenskonzepten auseinander, die sich im Laufe seiner Künstlerschaft verändert haben. Hatte er als Zwanzigjähriger noch die Vorstellung, irgendwann mit dreißig eine Familie zu gründen, erscheint dies nun als unrealistisch, nicht absehbar. „Die Bildhauerei hat für mich das Lebensmodell Familie abgelöst. Gemeinsam einsam zu sein, beziehe ich auf mein Verhältnis zur Bildhauerei. In meinem Atelier verbringe ich viel mehr Zeit als die meisten Menschen nur mit mir allein. Und trotzdem habe ich einen immerwährenden Begleiter in meiner Kunst.“

Ausstellungsansicht mit Patrick Becker: intra muros – Forensik der Scheinbarkeit und Kerstin Stephan: Lost Foto: Michael Perlbach

In den Nischen und verwinkelten Räumen locken weitere Kleinode: Kerstin Stephan collagiert gesichtslose Körper, Patrick Becker lässt rätselhafte Tathergänge des Alltags aufscheinen, das Künstlerduo Tamsjadi+Schmidt berührt mit einer intimen Paarszene im Dreck und Sevil Amini verbindet westliche und persische Bildtraditionen in ihrer monochromen, goldgrundigen Malerei. Die Ausstellung ist absolut empfehlenswert für alle, die über ihren Platz in und ihrem Verhältnis zur Gesellschaft nachdenken.

WANN: Die Ausstellung ist noch bis zum 24. Februar samstags bis dienstags von 18:00 bis 21.00 zu sehen. Die Finissage findet am 24. Februar zwischen 11:00 und 16:00 statt.
WO: xpon-art, Repsoldstraße 45, 20097 Hamburg.

 

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