Zart am Abgrund
Murano Glas in der Pinakothek der Moderne

6. August 2016 • Text von

Vasen wie fragile Modelle, farbenprächtige Skulpturen, zarte Charaktere. In der Pinakothek der Moderne kann man sich von beeindruckenden Murano-Objekten verzaubern lassen.
Text: Diandra Kristina Donecker

Murano. Milano. Venezia. Glas - die Ausstellung der Neuen Sammlung

Vase „Olaf“, Serie „Oriente“ (Installationsansicht), c. 1952, Dino Martens für Aureliano Toso, XXVI. Biennale di Venezia, 1952, Foto: Anna Seibel.

Es ist Mittwoch. Und mal wieder Zeit für eine Entdeckungstour durch die Pinakothek der Moderne. Vorbei an den fabelhaften Zeichnungen des Barockkünstlers Johann Andreas Wolff, geht es weiter nach oben, erst durch die Hängung, dann bestaune ich die Landschaftsfotografien von Lewis Baltz, Robert Adams bis Sven Johne, die auf poetische Weise unseren Lebensraum und unsere Umgebung abbilden. Aus einer Laune heraus und weil ich noch hungrig nach Anregungen bin, gehe ich weiter und komme in der Rotunde im zweiten Stockwerk an. Hineintaumelnd und nicht ahnend, was dort ausgestellt wird, erreiche ich den obersten Treppenabsatz und ab dem Augenblick bin ich wie im Rausch: Ich schaue und staune.

Murano. Milano. Venezia. Glas - die Ausstellung der Neuen Sammlung

Vase „Diamantato“ (Installationsansicht), c. 1968, Ercole, Barovier für Barovier & Toso, XXXIV. Biennale di Venezia, 1968, Foto: Anna Seibel.

Zunächst lasse ich den Raum, die Architektur, das Spiel von Licht und Farben auf mich wirken. Die kreisförmige Balustrade, über der, leicht und gläsern, die Kuppel der Pinakothek schwebt. Die Kuppel scheint wie ein aufgerissenes Auge in den blauen Sommerhimmel zu starren, das kühle Weiß des Museumbaus selbst beruhigt. Und lenkt meinen staunenden Blick auf die bunten Objekte aus Glas, die sich allesamt aufgereiht auf der Balustrade unterhalb der Kuppel befinden. Federleicht, zerbrechlich, prächtig in ihrer Farbigkeit und inszeniert nah dem „Abgrund“. Wie Skulpturen, wie Häuser in Minimal-Dimension reiht sich eine Vase an die andere. Manche sind schillernd in rot und blau gehalten, andere erscheinen wie trauertragende Witwen aus dem 19. Jahrhundert, in sich gezogen, schweigsam und von absoluter diskreter Autorität. Da sind Vasen in unterschiedlicher Höhe, Breite, Größe. Manche locken mit einem verführerischen Funkeln, durch in sie eingearbeitetes Gold, andere scheinen von Reptilienhäuten inspiriert, wieder andere erinnern an Riminis Sonnenschirme der 50er Jahre. Alle stammen sie aus Murano. Eine kleine Inselgruppe nordöstlich der Altstadt von Venedig, die seit vielen Jahrhunderten als Inbegriff für Glasmacherkunst auf allerhöchstem Niveau gilt. Die unter dem Titel „Murano. Milano.Venezia.Glas“ gezeigten Murano Vasen stammen aus der Berliner Sammlung Holz und repräsentieren einen Zeitraum von etwa 70 Jahren, mit vielen Stücken aus den internationalen Ausstellungen Triennale di Milano und Biennale di Venezia.

Murano. Milano. Venezia. Glas - die Ausstellung der Neuen Sammlung

Murano. Milano. Venezia. Glas – die Ausstellung der Neuen Sammlung

Eine gewisse Emotionalität, unabhängig von Handwerk, Fertigkeit und Präzision, verkörpern diese Murano-Objekte. Jede einzelne Vase hat Charakter, eine eigene Note, strahlt Selbstbewusstsein aus und ist ganz klar: ein Kunstwerk. Nebeneinander aufgestellt findet man etwa 200 Objekte unter anderem von Luigi Scarpa, Archimede Seguso, Ercole Barovier oder, weniger bekannt, Tyra Lundgren, Brigitta Karlsson und Ove Thorssenman. Die Rotunde scheint für diese Ausstellungspräsentation ein erstklassiger Ort. Denn der nahende „Abgrund“ der Balustrade, die Öffnung in das Foyer des Hauses, unterstreicht die Zerbrechlichkeit, betont die Anmut, Feinheit und Kraft der einzelnen Stücke. Aufgereiht und in der gesamten Präsentation verlockend, betörend, erzählt jede einzelne Vase ihre Geschichte über die Tradition des Handwerks der Glasmachermeister und die prekäre Existenz einer vom Aussterben bedrohten Kunstfertigkeit. Klar wird einem jedenfalls schnell: Man steht vor einer besonderen Auswahl der anspruchsvollsten Murano Vasen, deren Sammlung sich durch Kennerschaft, Intuition und Zartgefühl auszeichnet und die mich ganz und gar bezaubert hat. Um mit den Sopranos abzuschließen: „I like Murano glass“.

WANN: Noch zu sehen bis zum 1. Oktober.
WO: Pinakothek der Moderne, Rotunde,Barerstrasse 29, 80333 München.

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