Woodstock und Vietnamkrieg
Den 68ern auf der Spur im MKG

26. Februar 2019 • Text von

Rudi Dutschke, freie Liebe, Anti-Kriegs-Demos und Open-Air-Festivals – das sind nur einige Assoziationen zu einer außergewöhnlichen Epoche. Mit „68. Pop und Protest“ reflektiert das Museum für Kunst und Gewerbe die Protest- und Reformbestrebungen um das Jahr 1968, ihre Spiegelung in Kunst und Kultur und nicht zuletzt ihre Übersetzung in Kommerz und Popkultur.

"68. Pop und Protest" im Museum für Kunst und Gewerbe: Ausstellungsansicht, Foto: Michaela Hille

„68. Pop und Protest“ im Museum für Kunst und Gewerbe: Ausstellungsansicht, Foto: Michaela Hille

Der Zeitpunkt für die Ausstellung ist nicht zufällig gewählt. Bei der Eröffnung im Oktober lag das Jahr 1968, das zum Namensgeber für eine ganze Generation geworden ist, genau ein halbes Jahrhundert zurück. Inhaltlich geht es bei „68. Pop und Protest“ aber nicht nur um eine historische Betrachtung. Das MKG will den Besuchern die Forderungen der 68er nach Freiheit und demokratischer Teilhabe, nach Selbstbestimmung und sozialer Gleichberechtigung gerade auch im Hinblick auf unsere politische, gesellschaftliche und kulturelle Gegenwart wieder ins Gedächtnis rufen. Fazit vorweg: Mit Erfolg.

Im ersten Ausstellungsraum wird man von großformatigen Leinwänden empfangen. Sie zeigen wechselnde Aufnahmen der maßgeblichen Ereignisse, die die damaligen Protestbewegungen ausgelöst haben. Bilder von Rassenunruhen in Detroit treten neben Aufnahmen des toten Che Guevara, Szenen des Vietnamkriegs neben Bilder der chinesischen Kulturrevolution. Im Hintergrund läuft Bob Dylans „The Times They Are a-Changin‘“. Dieses Intro macht die Vielschichtigkeit und die Globalität der damals prägenden Konflikte spürbar und stimmt ein auf das Lebensgefühl, aus dem das globale Streben nach tiefgreifender Umwälzung der herrschenden Strukturen hervorgegangen ist.

 	  Atelier Populaire, La base continue le combat, 1968, Siebdruck, 65,4 x 50 cm, Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg


Atelier Populaire, La base continue le combat, 1968, Siebdruck, 65,4 x 50 cm, Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg

Ganz unterschiedliche Ausstellungsstücke zeigen dann, welche Ausdrucksformen die Zivilgesellschaft für ihren Protest und ihre Forderungen nach Veränderung gefunden hat. Unzählige Soundquellen sorgen für eine unruhige Atmosphäre im Raum und unterstreichen wirkungsvoll die Aufruhr und Aufbruchsstimmung der damaligen Zeit. Originales Bild- und Videomaterial zu Massenkundgebungen und Straßenprotesten für mehr Bürgerrechte ist genauso präsent wie politische und gesellschaftskritische Stellungnahmen von Künstlern. Letztere reichen von Plakaten aus der École des Beaux-Arts, die im Zuge der Mai-Demonstrationen in Paris besetzt und als „Atelier Populaire“ für den Druck von Protestplakaten genutzt wurde, bis zu innovativen Designobjekten mit erotischen Konnotationen. Zu sehen sind sowohl Kostproben des Neuen Deutschen Films wie auch neue Formen des Theaters.

Kurzum: Es wird anschaulich deutlich, dass Kunst- und Kulturschaffende sich mit ihrer Arbeit aktiv an gesellschaftlichen und politischen Strömungen beteiligten, dass Kunst in diesem Sinne politisch wurde. Die Ausstellung zeigt auf, dass diese Zeit avantgardistische Kunstformen hervorgebracht hat, die alte Strukturen aufgebrochen und die kritische Auseinandersetzung mit bestehenden Verhältnissen zu einem Hauptanliegen der zeitgenössischen Kunst gemacht haben.

Ronald Traeger, Twiggy 1966, © Tessa Traeger

Ronald Traeger, Twiggy 1966, © Tessa Traeger

Immer wieder geht es auch um die Rolle der Medien, und zwar sowohl als willkommener Multiplikator der eigenen Botschaft wie auch als verhasstes Mittel einer monopolistischen Meinungslenkung. Ein Thema, das aktueller wohl kaum sein könnte.

Soviel zum Protest – und was ist mit Pop? Wer möchte, kann sich im zweiten Teil der Ausstellung ganz dem Lebensgefühl und der Kultur der Masse hingeben. Die Besucher stehen gebannt vor Lavalampen und Werbefilmen für Afri Cola. Space-Age-Designobjekte zeugen in Anlehnung an die rasante Entwicklung der Raumfahrt von neu entfachtem Fortschrittsdenken und Technologiebegeisterung. Massenhaft produzierte Wegwerf-Papierkleider – sei es mit „Campbell Soup“-Druck oder Wahlkampf-Werbung – repräsentieren die selbstbewusste junge Frau.

Dabei sind Pop und Protest eng miteinander verzahnt, das zeigt die Ausstellung immer wieder. Pop-Art-Ikone Andy Warhol ist mit politischer Plakatkunst präsent. Mao ist nicht nur der Führer der chinesischen Kulturrevolution, sondern zugleich Objekt eines übersteigerten Personenkults, der mit der kommunistischen Ideologie eigentlich nichts mehr zu tun hat. Avantgardistische Mode- und Möbeldesigns, die als Statement der Abkehr von herkömmlichen Statussymbolen und als Hinwendung zu mehr Individualismus gemeint waren, werden von der Industrie vereinnahmt und so zum Mainstream, zur Popkultur. Sie laufen Gefahr, damit ihre Schlagkraft zu verlieren, in der Masse zu verhallen. Und so drängt die Ausstellung die Frage auf: Wo stehen wir heute? Was ist geworden aus den Forderungen der 68er nach einer toleranteren, humaneren und friedlicheren Gesellschaft? Welche Auswirkungen haben die Mechanismen einer kapitalistischen Konsumgesellschaft?

"68. Pop und Protest" im Museum fürAusstellungsansicht, Foto: Michaela Hille

Ausstellungsansicht, Foto: Michaela Hille

Der Ausstellung gelingt schließlich nicht nur der Spagat zwischen Pop und Protest und zwischen damals und heute, sondern auch zwischen globaler und lokaler Betrachtung. So freut sich das Hanseaten-Herz immer wieder über Bezüge zu Hamburg, zum Beispiel zu F.C. Gundlach, durch den die Modefotografie über die reine Werbung für Bekleidung hinausgewachsen ist. Unübersehbar ist auch das Denkmal für den Militäroffizier Hermann von Wissmann, das einst neben dem Kuppelbau der Hamburger Uni als Anerkennung für dessen Dienste im ehemaligen Deutsch-Ostafrika aufgestellt wurde. Als Symbol für die verhasste deutsche Kolonialpolitik wurde es 1968 von Studenten endgültig vom Sockel gestürzt und liegt nun, wie frisch gefallen, auf dem Boden des MKG.

Der gerade in den Ruhestand verabschiedeten Direktorin Sabine Schulze gelingt mit der Ausstellung genau das „komplexe Stimmungsbild“, das sie kreieren wollte. Nicht nur für Zeitzeugen, sondern für alle lohnt sich der Besuch.

WANN: Die Ausstellung läuft noch bis zum 17. März.
WO: Museum für Kunst und Gewerbe, Steintorplatz, 20099 Hamburg.

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