Waterworld in Willytown
Das MS Artville 2017

31. Juli 2017 • Text von

Bevor das Dockville die Insel rockt, schlägt in Wilhelmsburg die Kunst auf. Zum „Richtfest“ am Samstag erschafft das MS Artville trotz Matschwetter magische Oasen vor industrieromantischer Kulisse.

ALC "Quintessenz" MS Artville 2017: Credits: Asja Caspari

ALC „Quintessenz“ MS Artville 2017: Credits: Asja Caspari

Eins vorweg: Es hat nicht die ganze Zeit geregnet. Obwohl unsere Schuhe nach dem Gang über das „Richtfest“ des diesjährige MS Artville schlammverkrustet sind, haben wir tatsächlich blauen Himmel gesehen und konnten die Kunstwerke bei Sonnenschein bewundern. Im Hamburger Sommer 2017 ist das durchaus eine erwähnenswerte Tatsache.

Und auch sonst hat sich die Odyssee ans südliche Ende der Elbinsel gelohnt. Zwischen Büschen und Bäumen, und mit dem monumentalen Rethespeicher und dem Wasser des Reiherstiegs im Hintergrund, ist hier eine Open-Air-Ausstellung entstanden, die auf den ersten Blick an einen Abenteuerspielplatz erinnert. Überall laden große Holzgerüste, Treppen, Sitzecken und Bars zum Herumklettern, Hineingucken und Ausprobieren ein.

Bordalo II: "Trash Animals", MS Artville 2017, Foto: Martina John

Bordalo II: „Trash Animals“, MS Artville 2017, Foto: Martina John

Aufgrund des sich erst langsam aufklarenden Regenwetters sind anfangs leider nur ein paar wenige, tapfere Besucher auf dem Richtfest unterwegs. Mit Gummistiefeln und Regenschirmen kämpfen sie sich durch den Schlamm. Zusammen mit den wilden Holz- und Container-Konstruktionen und den pulsierenden Electro-Klängen, die von der Bühne über das Pfützenchaos schallen, verleiht das der Szenerie auch etwas Postapolalyptisches: Waterworld in Willytown.

Labor Fou: "La Baleine", MS Artville 2017, Foto: Martina John

Labor Fou: „La Baleine“, MS Artville 2017, Foto: Martina John

Dabei lautet das Motto des diesjährigen MS Artville „Oasen“ – und tatsächlich wirken Arbeiten wie die Garteninstallation „Himmel und Erde – Das Initial“ von Sowatorini Landscha oder „La Baleine“, der große Wal mit integriertem Pool von Labour Fou, wie magische Zufluchtsorte inmitten der industriellen Wüste. Das hat man in Hamburg ja eigentlich viel zu selten: verspielte Freiräume, in denen sich Kunst und Künstler großflächig ausprobieren können. Zumindest südlich der Elbe und für ein paar Tage im Jahr dürfen die Kunstfreunde der Hansestadt nach Berlin versetzt fühlen.

Die entspannt-spielerische Amosphäre und das eindrucksvolle Gelände lassen die einzelnen Kunstwerke allerdings auch zu einer einzigen großen Kulissenlandschaft verschwimmen – da werden die kleinen White-Cube-Installationen der HFBK-Studenten im Kubendorf schonmal übersehen und das eindrucksvolle Trash-Wiesel von Bordalo II bloßer Hintergrund für Instagram-Selfies.

Thomas Dambo: "Anna of Green", MS Artville 2017, Foto: Martina John

Thomas Dambo: „Anna of Green“, MS Artville 2017, Foto: Martina John

Der gigantische Baummensch von Thomas Dambo, der noch vom Artville 2016 übrig ist, der hypnotishe Op-Art-Regenbogentunnel von Darko Caramello und der provokante Porno-Spruch-Stand von Daniel Chluba und Lukas Julius Keijser wollen sich dagegen nicht so einfach in den industrieromantischen Abenteuerspielplatz einfügen und dürften auch dem Social-Media-hungrigsten Besucher mehr abverlangen, als nur als simple Fotokulisse zu fungieren. Und spätestens, als am späten Nachmittag die Sonne durch die Wolken bricht, wird die Kunstlandschaft des MS Artville ihrem Oasen-Motto dann wirklich gerecht – und wir wollen am liebsten gar nicht mehr weg.

Wer auch in die magische Welt des MS Artville eintauchen will, hat dafür noch zweimal die Gelegenheit.

Am Sonntag, den 6. August, lädt das Artville zum entspannten “Kunstgucken” – Kunstpaziergänge und spannende Gespräche mit freiem Eintritt.

Und am Samstag, den 12. August, wird dann “Burgfest” gefeiert. Gleichzeitig Finissage der Ausstellung und Wilhelmsburger Stadtteilfest – auch hier ist der Eintritt frei.

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