Wabernde Formen und digitale Schwere
Cyber Corporeality in der Sanatorium Gallery

22. September 2017 • Text von

Der Auftakt der neu eröffneten Sanatorium Gallery erfrischte am 7. September in der Schleifmühlgasse durch technologisch geprägte Vielfalt. Kuratiert von Sabrina Steinek, wird ein gemeinsames Zusammenspiel von Technik und Körperlichkeit im 21. Jahrhundert gezeigt.
Text: Lynn Kühl

Ausstellungsansicht: Cyber Corporeality curated by Sabrina Steinek, SCAG, 2017, Courtesy:  keen on magazine © Kristina Kulakova.

Die Sanatorium Gallery in Wien ist die erweiterte Ablegerin der in Istanbul gegründeten und ansässigen Galerie, die seit 2011 kommerziell auf lokaler und internationaler Ebene agiert und die zeitgenössische Kunstszene erweitert. Ihre Anfänge fand Sanatorium erstmals 2009 in der Etablierung einer Kunstinitiative durch acht KünstlerInnen mit dem Ziel, Kunst nicht nur als Resultat, sondern auch im Werdungsprozess zu unterstützen, ohne dabei die Kunstschaffenden außen vor zu lassen. Nach wie vor dienen die Ideale als Grundlage und sollen sich durch verschiedene Kooperationen innerhalb des Zeitgenössischen vertiefen. Die Wiener Einleitung, kuratiert von Sabrina Steinek, die auch das keen on Magazine herausgibt, durch die Ausstellung „Cyber Corporeality“ mit Arbeiten von LaTurbo Avedon, Delia Jürgens, Jennifer Mehigan und Adam de Neige gibt bereits einen Vorgeschmack auf die angestrebte Variabilität, die Sanatorium sich als Ziel setzt.

Adam De Neige, Ausstellungsansicht ‚Cyber Corporeality‘ curated by Sabrina Steinek, SCAG, 2017, Courtesy: keen on magazine © Kristina Kulakova.

Hier wird der Körper als relationales Mittel in den Fokus gestellt, um so das Verschwimmen von Realität und Virtualität in hiesigen Zeiten deutlich zu machen. Getrieben von der Geschwindigkeit aktueller technologischer Entwicklungen zieht sich eine permanente Veränderung des Sächlichen durch unsere heutige Welt und zeigt sich in der Erweiterung physischer Möglichkeiten durch Digitalität. Fliegende Pferde, übergossen von geleeartiger, wie Opal leuchtender Masse bleiben keine Träume mehr, sondern erlauben sich einen realen Freiraum in einer neuen Umgebung, die sich von fleischlichen Fähigkeiten löst, um Illusionen Tatsächlichkeit zu verleihen. Muskeln werden geschaffen, wo vorher keine waren oder vielleicht sogar dort entworfen, wo sie eigentlich nicht hingehören. Geschlecht, Zuordnung, Können ist variabel, ausbaubar, modellierbar. Menschen können eine virtuelle Gestalt annehmen, ihren Körper, alle Körper, neu erfinden und sich so von jenem Selbst entfernen, das sie in der Schwerkraft fesselt. Die Interdependenzen zwischen digitalem Handeln und Wirklichkeit verschwimmen und erzeugen so eine neue gemeine Wahrnehmung, die Altes ablösen wird und erlaubt den Sprung und das Eintauchen in einen Teppich aus Datenströmen, die wie wilde Würmer durcheinanderschwimmen.

Delia Jürgens: To the Unknown Man, ‚Cyber Corporeality‘ curated by Sabrina Steinek, SCAG, 2017, Courtesy: keen on magazine © Kristina Kulakova.

Es stellt sich die Frage nach der Evolution und nach dem was folgen wird, wenn die Digitalisierung nicht nur Einzug in den Kopf des Menschen nimmt, sondern auch in den Leib einströmt und eine neue Körperlichkeit erschafft, die Natürliches nicht mehr von Technik unterscheiden lässt, die Wahrnehmung trübt und die Einschätzung manipuliert. Perfektere Ebenbilder des Realen und die Eröffnung eines Wettkampfs zur Vollkommenheit. Roboter und Cyborgs als gesellschaftliche GespielInnen, die biologischer Künstlichkeit eine Omnipräsenz und Normalität verleihen könnten und Erwartungen auf ein neues und vielleicht längeres Leben wecken. Der Wunsch nach Unendlichkeit und ewigem Sein rückt in greifbare Nähe und füttert die Hoffnung und den Ehrgeiz mehr zu erschaffen. Manifestiert in der Digitalisierung suchen sich die menschlichen Träume ihren Weg und tragen zur Erweiterung der Identität bei. Einer neuen digitalen Identität, dessen Grundlage das weltliche Dasein verlassen kann und sich zu definieren versucht. Flimmernd und verschleiert erscheint der Wandel derzeit, mit gewisser Angst und Skepsis betrachtet und doch auch mit Vorfreude und Neugier. Der Beginn einer Ära ins Obskure.

WANN: Die Ausstellung ist noch bis zum 14. Oktober zu sehen.
WO: SANATORIUM, Schleifmühlgasse 3, 1040 Wien.

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