Videokunst made in China
Die Eröffnung des Times Art Centers Berlin in drei Episoden

24. Januar 2019 • Text von

Weit, weit weg scheint das Land der aufgehenden Sonne, obwohl China längst im globalen Mainstream angekommen ist! Um die Entwicklung zeitgenössischer Kunst auch in der westlichen Welt sichtbar zu machen, eröffnete das Times Art Center in Berlin und zeigt bereits die zweite Episode der Eröffnungsausstellung.

Video

K.O.H.D. (from far east to far west) (2014­2016), HUANG Xiaopeng, courtesy of the artist

Erst in den späten neunziger Jahren entdeckten westliche Kunstsammler den chinesischen Markt. Schon immer spannend gewesen, blieb chinesische Kunst dem Blick aus dem Westen lange verschlossen oder stand nicht im Fokus der Aufmerksamkeit. Es fehlte der Markt, die internationalen Galerien, das globale Publikum. Dies änderte sich jedoch schlagartig Anfang 2000, als chinesische Kunst plötzlich en vogue wurde. Preise, die vorher im tausender Bereich lagen, schossen plötzlich in Millionenhöhe.

In den vergangenen Jahren verankerte sich zeitgenössische chinesische Kunst immer stärker im globalen Mainstream. Chinesische Künstlerinnen und Künstler bekamen den gleichen Zugang zu Reisen, Medien und künstlerischen Mitteln, wie ihre westlichen Kolleginnen und Kollegen. Der internationale Austausch wuchs damit immer stärker.

Mann im Fenster

Project pour une révolution à Hong Kong, Transmission (2013), CHEN Tong, courtesy of the artist

Um diese Entwicklung zu fördern, gründete im Juli 2018 das Guangdong Times Museum – ein privates Non-Profit-Kunstmuseum in der chinesischen Perlflussdelta-Region – das Times Art Center in Berlin. Dieses ist die erste Partnerinstitution eines in Asien ansässigen Kunstmuseums im Ausland. Sein Ziel ist die Förderung des kulturellen Dialogs zwischen Asien und Europa, erreicht werden soll dies unter anderem durch Ausstellungen, Forschungsprojekte und Künstlerresidenzen. Die Kommunikation mit lokalen Kunstschaffenden steht im Vordergrund und hat das Ziel von Koproduktion und Kosmopolitismus. Angeführt wird dies durch die Präsentation und den Diskurs von Ästhetiken und Visionen im Zusammenhang mit der vom Guangdong Times Museum gegründeten „New Institutional Geography”.

Regenbogenrutsche

Real Mass Entrepreneurship (2017), Simon DENNY, courtesy of the artist

Mit der dreiteiligen Eröffnungsausstellung “The D-Tale, Videokunst aus dem Perlflussdelta“ präsentiert das Times Art Center zeitgenössische Kunstproduktion aus dem wenig bekannten Perlflussdelta. Diese Metropolregion zeichnet sich seit jeher durch starke internationale Vernetzung aus, was sie zu einem Herzstück der hiesigen Popkultur macht. Durch regelmäßigen Austausch zwischen Guangdong, Hongkong und Macau, verknüpfen sich hier seit langem spannende Ströme aus Film, Fernsehen und Popmusik und fördern Experimente im Bereich der Medienkunst.

Astronaut

Windows on the World (Part 1) (2014), Ming WONG, courtesy of the artist, carlier/gebauer and Vitamin Creative Space

Besonders Videokunst und Bildkultur nehmen in der Region des Perlflussdeltas seit Mitte der achtziger Jahre einen besonderen Platz ein. Kreative Prozesse fanden ihre Sammelstätten erstmals in „Videotage“ in Hongkong oder dem „Southern Artists Salon“ in Guangzhou und wurden durch Kollektive und Individuen in den neunziger Jahren weitergeführt. 1986 gegründet, hat sich das Künstlerkollektiv „Videotage“ über die Jahre zu einem einflussreichen Netzwerk weiterentwickelt.  Heute ist es eine NGO mit Sitz in Hongkong, die sich auf Promotion, Präsentation und Kreation neuer Medien in allen Sprachen und Formen spezialisiert hat.

Besonders in den Vordergrund traten im Laufe der Entwicklung die „Big Tails Elephants Working Group“, der „Borges Bookstore“, „T-theque“, Jiang Zhi und Cao Fei. Bewegtbild dient den Künstlerinnen und Künstlern nach wie vor dazu, Freiheiten zu schaffen und Widerstand gegen vorherrschende Ideologien aufzuzeigen. Auch persönliche Utopien werden entworfen und alltägliche Gesten in künstlerische Strategien umgeformt. Das Times Art Center präsentiert in Episode II „Towards Autonomy“ der Eröffnungsausstellung eine vielfältig zusammengesetzte Selektion feinster Filmkunst, deren Stücke zeitbasiert ablaufen. Die Themen umfassen Bereiche von Liebe zu Politik, von Traum zu Science-Fiction. Manchmal in schwindelerregendem Tempo durch Fragmente der Realität, dann wieder in gemächlicher Langsamkeit, begleitet von Opernklängen durch den Weltraum. Um alle Stücke anzuschauen, sollten die Besuchenden Zeit mitbringen, oder aber sich dem Zufall als Entscheidungskraft hingeben. So oder so eröffnet jedes Stück einen neuen Blick auf die chinesische Kultur, lässt einen in private Kämmerchen spannen, Sehnsüchte erkunden, Humor entdecken oder politische Strukturen erleben.

Zeichnung in Erde

Concurrence: About the geographical relationship of two shores and three lands (19­ 20 August 2006), PAK Sheung Chuen, courtesy of the artist and Vitamin Creative Space

Die Eröffnungsausstellung ist in drei Episoden unterteilt. Der erste Teil „Urban Explosion“ lief bis Mitte Januar, der zweite Teil „Towards Autonomy“ kann bis zum 23. Februar besichtigt werden und der dritte Teil „The Politics of Shelf“ eröffnet am 1. März und läuft bis zum 13. April. Die Ausstellung findet im Rahmen des kuratorischen Programms „Operation PRD“ statt und folgt auf „Big Tail Elephants“ in Guangzhou.

WANN: Die Eröffnungsausstellung läuft bis zum 13. April.
WO: Times Art Center Berlin, Potsdamer Straße 87, 10785 Berlin.

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