Scheinsaniert
Tim Bennetts „Neueröffnung“ in Obergiesing

20. September 2018 • Text von

Eigeninitiativen von Künstlern waren in den letzten Jahren im durchgentrifizierten München eher auf dem Rückzug. Umso schöner, dass diese Woche mit „Neueröffnung“ in Giesing ein temporärer Ausstellungsraum entsteht, der eine spannende Mischung an Münchner Künstlern zusammenbringt.
Gastautorin Linn Born sprach mit dem Initiator Tim Bennett.

Das „Neueröffnung“ in Giesing, Bild: Tim Bennett.

Obergiesing gilt als ein Ort der Sehnsucht in München, ein Stadtteil, der noch nicht bis zum letzten Pflasterstein durchgeplant, durchgerechnet und durchgestylt ist. Oder ist auch dieser Gedanke nur reine Nostalgie? Mit dem Projekt „Neueröffnung“ startet Tim Bennett eine Reflektion zu diesem Thema. Zusammen mit den KünstlerInnen Benedikt Gahl, Veit Kowald, Anna McCarthy und Marcel Ralle präsentiert er in zwei leerstehenden Ladenlokalen bis Ende September künstlerische Interventionen.

gallerytalk.net: Wie kam es zu dieser Initiative, die doch so rar gesät sind in München?
Tim Bennett: Es gibt immer wieder Eigeninitiativen von Künstlern in München, das ist aber das erste Mal, dass ich ein eigenes temporäres Projekt ins Leben gerufen habe. Der Veranstaltungsort, zwei Läden in meiner Nachbarschaft stehen schon seit einigen Jahren leer. Der langfristige Leerstand der Ladenlokale und die großen Schaufenster waren die zwei Hauptbeweggründe, zu versuchen das Projekt zu starten. Ich habe mit dem Eigentümer Kontakt aufgenommen und ihm meine Projektidee vorgestellt. Er hat den Vorschlag gerne angenommen und mir die Räume für das Projekt „Neueröffnung“ zur Verfügung gestellt. Es sind einfach schöne Räume an einem schönen Ort in München.

Das „Neueröffnung“ in Giesing, Bild: Tim Bennett.

Die Auswahl der teilnehmenden Künstler ist spannend, es lässt sich jedoch nicht direkt ein Zusammenhang erkennen. Wie kam es zu deiner Auswahl?
Ich kenne alle teilnehmenden Künstler vom Studium und bin von ihrer Arbeit begeistert. Die Auswahl traf sich leicht, da sie alle in ihrer künstlerischen Praxis und auch privat eine bestimmte Haltung haben, sich nicht an marktwirtschaftliche Systeme oder gesellschaftliche Trends anschmiegen. Diese Haltung passt gut zum Projekt „Neueröffnung“. Ich wollte einfach gute Münchner Künstler einladen ohne thematische Vorgaben zu machen. Mir ist es sozusagen egal, was sie für Ideen für das Projekt entwickeln, da sie alle wie ich eine bestimmte, ambivalente Weltanschauung vertreten, ohne verbindlich und platt zu sein.

Das „Neueröffnung“ in Giesing, Bild: Tim Bennett.

Was verstehst du unter „ambivalenter Weltanschauung“?
Ich weiß nicht, ob sich die anderen Künstler durch den Begriff „ambivalente Weltanschauung“ auch vertreten fühlen, ich finde aber, dass es möglich ist, bestimmte Themen künstlerisch zu bearbeiten ohne direkte Aussagen zu treffen. „Ambivalent“ heißt für mich nicht, dass eine Arbeit unentschieden ist, sondern es ist eher ein Versuch, neue Zusammenhänge zu erforschen, „ohne das Kind beim Namen“ nennen zu müssen.

Der Titel „Neueröffnung“ erinnert an Nagelstudios und Restaurants mit schick leuchtenden Aufklebern in den Fenstern und kurzer Lebensdauer. Wie kam es zu dem Titel?
Genau aus diesen Grund habe ich das Projekt „Neueröffnung“ genannt. Es ist eine kurzlebige Intervention.

Tim Bennett.

Was hat das Thema „Scheinsanierung“ und „Gentrifizierung“ mit deinem künstlerischen Oevre zu tun?
Gar nichts und alles. Ich finde diese Themen, sowie viele anderen Themen, einfach interessant und ein solches Interesse fließt oftmals automatisch in den Arbeits- und Gedankenprozess mit ein, bewusst oder unbewusst. Die Arbeit, die ich für „Neueröffnung“ entwickelt habe entstand aus einer Faszination für eine Gruppe von „Anti-Gentrifizierungs-Sprayern“, die bis zu Ihre Verhaftung letztes Jahr eine Serie von „Spray-Angriffen“ in verschiedenen Stadtteilen Münchens verübt haben. Es geht mir um den Versuch, ihre Motivation und ihren Inhalt aufzuzeigen und in einen anderen Kontext zu bringen, der damit nicht unbedingt vereinbar ist.

Die zwei Ladenlokale werden die meiste Zeit als Schaufenster fungieren, sie werden nur in einen flüchtigen Moment des Vorbeigehens wahrgenommen. Was würdest du dir wünschen für die Beobachter, Zuschauer, Flaneure, die es sehen?
Die Leute, die in der Nähe wohnen sind natürlich daran interessiert, was in ihrem Viertel passiert. Welche Gebäude werden abgerissen, welche werden saniert, wie ist das Angebot. Gerade am Einzelhandel kann die Qualität eines Viertels abgelesen werden. Obwohl das Projekt in Handelsräumen stattfindet, wollen wir etwas anbieten, das eventuelle Erwartungshaltungen enttäuscht. Bei uns gibt es keine neonfarbenen „Neueröffnung“ Aufkleber auf den Fensterscheiben. Was sich hinter den Schaufenstern abspielt bleibt für die Passanten unerklärt und regt im besten Fall zu einem kurzen Moment des Innehaltens an. Es gibt für die Passanten keine weiterführenden Informationen wie Konzeptbeschreibung oder Details zu den Künstlern zu sehen. Nach der Eröffnungsveranstaltung am Donnerstag, bei der wir in persönlichen Kontakt mit Kunstinteressierten und Kollegen treten, gibt es vor Ort nur das Bild.

WANN: Die Eröffnung ist am 20. September ab 18 Uhr. Special Guest Pacifico Boy wird Live im Schaufenster zu sehen sein. Bis zum 30. September ist das Projekt ständig von aussen einsehbar.
WO: Neueröffnung, St.-Bonifatius-Straße 3, 81541 München.

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