Reset your identity
"Touch Deeper" in der Lothringer13

16. Dezember 2016 • Text von

Smart Devices, Avatare, Internet of Things – hat man schon alles gesehen, denkt man. Die Ausstellung Touch Deeper überrascht dennoch und zeigt auch, wie erfrischend analog unsere Zukunft aussehen kann.

„BLESS N° 56 Worker ́s Delight“, Installation View © Vitra Design Museum, photo: Bettina Matthiesen

„BLESS: N° 56 Worker ́s Delight, Installation View © Vitra Design Museum, photo: Bettina Matthiesen“

Gerne würde man treten und boxen, beißen und schlagen ob des öden Büroalltags, der für gewöhnlich dominiert ist von sich füllenden In- und Outboxes, von Floskeln, Terminen und anderen Nichtigkeiten der Hyperkommunikation. Zum gezielten Aggressionsabbau am Arbeitsplatz oder auch nur, damit man sich am Abend das Fitnessstudio sparen kann, hat das Designduo BLESS einen raffinierten Protoypen erschaffen: Den Workoutcomputer. Große und kleine codierte Punchingbälle aus hellem Leder müssen geschlagen werden, damit auf dem Bildschirm eine Nachricht entsteht. Ein erneuter Tritt genügt und die Botschaft geht ins Netz. Der Workoutcomputer ist nur ein Teil der partizipativen Rauminstallation „Workers Delight“, in der Sprungbrett und Orientteppich, Massagebank und Couchtisch, Bett und Arbeitsplatz ironisch fusioniert werden. BLESS führt den allgegenwärtigen Effizienzgedanken ad absurdum und lädt ein zu einem ästhetischen Mitmachspiel, das durch Humor und technische Feinheit brilliert.

"BLESS: N° 56 Worker ́s Delight, Installation View, photo: Jörg Koopmann"

„BLESS: N° 56 Worker ́s Delight, Installation View, photo: Jörg Koopmann“

Während BLESS sich auf der Zielgeraden Richtung Zukunft befindet, wirft Thomas Thwaites einen Blick zurück und besinnt sich in seiner Arbeit auf die Details und Grundbausteine eines Alltagsgegenstands, mit dessen Hilfe ein großer Teil der westlichen Welt allmorgendlich sein Weißbrot bräunt. In „The Toaster Project“ zerlegt der britische Künstler ein billiges Küchengerät in seine über 400 Einzelteile, um diese dann in mühsamer Handarbeit selbst zu produzieren. Er schürft Rohstoffe, stellt materielle Verbindungen chemisch her und formt zu guter Letzt einen Gegenstand, der einem überfahrenen Toaster doch sehr nahe kommt. Thwaites Arbeit ist brachial, zäh, entschleunigend und dadurch ein wichtiger Bestandteil dieser antithetisch aufgebauten Ausstellung.

"Thomas Thwaites: The Toaster Project © Daniel Alexander"

„Thomas Thwaites: The Toaster Project © Daniel Alexander“

Letzteres gilt auch für Keiichi Matsudas Videoarbeit „Hyper-Reality“, die die Aufzeichnung eines hyperrealen und doch realen Spaziergangs einer Protagonistin ist. Mit Hilfe eines Virtual Reality-Tools läuft sie durch Straßen, geht einkaufen, fährt öffentlich. Rings um sie herum baut oder besser bauscht sich eine blinkende, werbende, Punkte sammelnde Welt auf. Auf fast alles weiß das Gerät oder der zuständige Avatar eine Antwort. Was ist im Angebot? Was frisst mein Hund am liebsten? Wo kann ich noch schnell zum Katholizismus übertreten? Kläglich scheitert das System jedoch an ihren existentialistischen Fragen: Who am I? Where do I go? Als Antwort gibt es nur Koordinaten und Eckpunkte aus der ID-Card. Echte und virtuelle Welt gehen in Matsudas Arbeit harmonisch ineinander über – solange der Akku hält. Doch dann wird die Diskrepanz zwischen Schein und Sein größer und nie wird es schwieriger zu entscheiden, welche Welt die lebenswertere ist. Deshalb besser nicht entscheiden, warnt das Gerät: Reset your identity!

"Keiichi Matsuda: Hyper-Reality (video still)"

„Keiichi Matsuda: Hyper-Reality (video still)“

Die Lothringer 13 ist bekannt für ihre interdisziplinären Gruppenausstellungen, die in gewisser Weise auch immer aufeinander aufbauen: Nach „Echo of untouched matter“ Anfang des Jahres, in der die Auseinandersetzung mit dem Ursprung allen Seins in Zeiten von Globalisierung und Digitalisierung Thema war, nun „Touch deeper“. Wir sind im Hier und Jetzt angekommen. Die Auswahl an Künstlern und Arbeiten ist diesmal besonders geglückt, so auch der Raum, der den Videos und Installationen in fast schon musealer Manier eingeräumt wird. Das Gesamtkonzept also: Sehr empfehlenswert.

WANN: Die Ausstellung findet noch bis zum 05. März 2017 statt.
WO: Lothringer13 Halle, Lothringer Str.13, 81667 München.

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