Reisen durch Zeit und Imagination
C/O Berlin zeigt Wim Wenders und Stefanie Moshammer

18. Juli 2018 • Text von

Realität oder Fiktion? Digitales Sofortbild oder analoge Einzigartigkeit? C/O Berlin begeistert in den aktuellen Ausstellungen mit Reisen zu den Anfängen der Polaroid-Fotografie sowie an unwirkliche Orte der amerikanischen Wüste. Aufnahmen, die faszinieren und über unseren heutigen Umgang mit dem Medium der Fotografie nachdenken lassen.

Stefanie Moshammer, A truck and a car, 2017, © Stefanie Moshammer. a.d.S. I Can Be Her

„I bet AUSTRIA is beautiful and wonderful, too“, lautet der Titel einer großen Schwarz-Weiß-Fotografie, die sich am Eingang zu Stefanie Moshammers Einzelausstellung „Stefanie Moshammer. Not just your face honey“ befindet. Er gehört zu einer Aufnahme, die einen unbefahrenen Highway bei Las Vegas und die scheinbare Unendlichkeit der amerikanischen Landschaft zeigt. Wir sind in der unmenschlichen Weite Nevadas – mit Österreich hat das wenig zu tun. Dass der Titel nicht das Dargestellte widergibt, leuchtet schnell ein. Vielmehr bildet er die Antwort der jungen Künstlerin auf eine Fiktion. Die österreichische Fotografin Stefanie Moshammer ist Preisträgerin des C/O Talent Awards 2018, mit dem die C/O Berlin Foundation seit 2006 angehende Fotografen wie auch Kunstkritiker fördert.

Stefanie Moshammer, The Envelope from Troy C., 2015, © Stefanie Moshammer. a.d.S. I Can Be Her

In ihrer Werkserie „I Can Be Her“ von 2015, die sie im Rahmen dieser Auszeichnung im Amerikahaus präsentiert, erzählt Moshammer mit subtiler Komik ihre fantasievollen Gedanken, die sie einem eher ungewöhnlichen Liebesbrief eines Fremden entgegensetzt. 2014 kommt sie für drei Monate nach Las Vegas, um an einem Fotoprojekt zu arbeiten. Eines Tages klopft Troy, ein Redneck-Typ um die 30 an ihrer Haustüre, in der Erwartung seine Exfreundin anzutreffen. Ein kurzes Gespräch reicht aus, um ihn zu einem Liebesbrief zu veranlassen. Auf Schreibmaschine getippt und adressiert an „AUSTRIA GIRL“. Er bittet die „Lovely Lady“, ihr Leben mit ihm zu teilen, beruft sich auf sein Haus mit vier Schlafzimmern und bietet Geschenke wie ein „cute, special fast car that’s almost new so you feel special and appreciated“. Es ist die Geschichte von unerfüllter Liebe, Größenwahn und Ehrlichkeit, die Moshammer in ihrer bildlichen Fantasie seinem Brief entgegenbringt. Sie sucht sein Haus bei Google Maps, visualisiert spielerisch in intensiven Farbkontrasten seine wie auch ihre Gedanken, um diesen realen Fremden und seine imaginierte Bewunderung zu verstehen. „I Can Be Her“ verschwimmt zwischen Realität und Fiktion – amüsant und sehr gekonnt.

The almost new special Car to feel special and appreciated, 2015, © Stefanie Moshammer. a.d.S. I Can Be Her

Gekonnt eingefangen sind auch die Momente – rechteckige bildnerische Unikate – die dem Besucher in der zweiten Ausstellung im Erdgeschoss des Amerikahauses begegnen. Das ist kein Wunder, denn die Fotografie begleitet den Künstler seit der Kindheit. Mit „Wim Wenders. Sofortbilder“ zeigt C/O Berlin als einziges Ausstellungshaus in Deutschland erstmals eine Auswahl von 240 Polaroids des vielfach ausgezeichneten deutschen Filmemachers und Künstlers Wim Wenders. Es ist eine Reise zu den Anfängen der Polaroid-Fotografie. Man folgt Wenders anlässlich seines ersten Besuchs nach New York 1972 und taucht in die bunten Welten der Großstadt am Hudson ein. Mal hat er präzise die Skyline fotografiert, dann verschwommen das Lichtermeer der Straßenzüge abgelichtet, immer auf der Suche, die „kühne Einmaligkeit des Moments“ einzufangen.

New Yorker Parade, 1972, © Wim Wenders. Courtesy Wim Wenders Stiftung

Polaroids als Bildnotizen, wie er sie selber nennt. Das können Aufnahmen sein, die einen quer durch die USA mitnehmen und anlässlich seines Roadmovies „Alice in den Städten“ von 1974 entstanden sind, oder die von Reisen nach Japan, Paris und diversen anderen Destinationen erzählen. Alle sind autobiografische Stationen, die Wenders vor der Vergessenheit bewahren wollte. Die Polaroid-Kamera war dabei sein bevorzugtes Medium und das ideale Werkzeug, um das Handwerk des Filmemachens zu erlernen. Die Polaroid-Fotografie als Prozess – für die Materialisierung eines einmaligen Moments.

In Sydney, frühe 1980er, © Wim Wenders. Courtesy Wim Wenders Stiftung

Ein Prozess, der mit unseren zeitgenössischen digitalen Sofortbildern wenig zu tun hat. Wenders ist das ein Anliegen: Das digitale Zeitalter und das „Selfie“ haben uns wie ein kultureller Tsunami überrollt und den Akt des Fotografierens drastisch verändert. Schaute man früher mit dem Auge durch die Linse, um zu fotografieren, so hält man heute das Smartphone eine Armlänge weit weg. Digitales Sofortbild versus analoge Einzigartigkeit. Wim Wenders Momentaufnahmen sind eindeutig eine Hommage an Letztere.

WANN: Parallel präsentiert C/O Berlin außerdem die Ausstellung „Das Polaroid Projekt“. Alle drei Ausstellungen sind bis zum 23. September täglich von 11 bis 20 Uhr zu sehen.
WO: C/O Berlin Foundation, Amerika Haus, Hardenbergstraße 22–24, 10623 Berlin.

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