Palmen, Kraken, Spiegeleier
Takeshi Makishimas im Institut für moderne Kunst

7. März 2017 • Text von

Abendland und Land der aufgehenden Sonne treffen sich im Werk eines grenzüberschreitenden Künstlers. Konsequent malt Takeshi Makishima die Stunden der Dämmerung; im Zwielicht der Bilder mischt sich europäische Irrationalität mit japanischer Leere. Wir haben die Ausstellung besucht.

Takeshi Makishima - Charleys Field 2016 - (c) Takeshi Makishima

Takeshi Makishima: „Charleys Field“, 2016 © Takeshi Makishima

Ein schlichter grauer Ball fliegt auf ein einsam im Raum stehendes Fußballtor zu, zu sehen aus der Perspektive des uns abgewandten, anonymen Schützen. Oder ist es der ballförmige Mond, in dessen kaltem Licht ein melancholischer, sentimental veranlagter Fußballfan seine große Liebe betrachtet? Die Arbeiten von Takeshi Makishima, dem diesjährigen Stipendiaten des Marianne‐Defet‐Malerei‐Stipendiums, sind zweideutig und oft irritierend, und manchmal schwingen große japanische Bild‐ und Literaturtraditionen mit. Man hört bei einigen Arbeiten im Hintergrund sanft Hokusais Welle anbranden, oder das Unterbewusstsein flüstert ein Haiku über den so abrupten japanischen Sonnenuntergang. Matsu Bashô, der große japanische Dichter, beschreibt bereits im 17. Jahrhundert in einem Haiku diese fremdartige japanische Nacht:

Wolken ziehen auf, dann und wann.
Das ist die Zeit, um ein wenig auszuruhen
von der Betrachtung des Mondes.

Takeshi Makishima: "Leuchtturm", 2016 © Takeshi Makishima. Foto: Thomas Bergner

Takeshi Makishima: „Leuchtturm“, 2016 © Takeshi Makishima. Foto: Thomas Bergner

Diese Stille und Ausgeglichenheit schwingt in vielen früheren und aktuellen Bildern Takeshi Makishimas mit, auch wenn die Szenen an sich überhaupt nicht alltäglich oder beruhigend sind. Riesengroße Kalmare fahren in seinen frühen Bildern auf kleinen Fischerbooten über fremdartige Wasserflächen. Surreale Körper sind in brueghelhaften Wimmelbildern zu kafkaesken Handlungen versammelt. Sie lesen düstere, übermenschengroße Bücherstapel, während ihre Freunde mit Seemonstern baden gehen. Oder sie beten ein überdimensionales Hühnerei an, ein japanisches Grundnahrungsmittel, dort in der Qualität penibel kontrolliert und in nahezu allen Konsistenzen zu allen Gerichten erhältlich. Es sind oft japanische Alltagserfahrungen, die sich in den Werken mit europäischen Avantgarde‐Strömungen verschiedenster Epochen vermischen, ästhetisches Fusion‐ Food aus altniederländischen Sujets, magrittehafter Dramatik und der minimalistischen, zenbuddhistischen Leere der japanischen Hochkultur.

Takeshi Makishima: "3PM", 2017 © Takeshi Makishima. Foto: Thomas Bergner

Takeshi Makishima: „3PM“, 2017 © Takeshi Makishima. Foto: Thomas Bergner

In der aktuellen Ausstellung sind nun die Werke der letzten Monate versammelt, in denen der Künstler eine sichtbare Entwicklung durchlebt hat: die Szenerien sind heller geworden, die Handlung hat sich reduziert. Die surrealen Elemente raffinieren sich zu pointierten Details und Anspielungen, die sich im Ölbild „3 PM“ von 2017 exemplarisch zeigen: Takeshi Makishima schenkt uns hier eine nachmittägliche, tropische Strandszene, drei Palmen sind am rechten Bildrand – etwas zu exakt – untereinander angeordnet. Drei Figuren mit weißem Hemd und schwarzer Hose, dem typischen japanischen Arbeiteroutfit, blicken von einem oval geschwungenen Strand auf das krakelige, blaue Meer. Die Personen stehen schräg, sie müssten fallen, und nur ein waagrechter Strich bindet sie an ihre Palme. Es ist ein irrational präziser Schatten, der in dieser Welt existiert, zumal die Sonne dieser Welt als orangeroter, erkalteter Zwergstern über den Köpfen der Uniformierten schwebt, in einer irritierenden Grenzwelt zwischen dritter und zweiter Dimension.

Takeshi Makishima - On Sunday 2017 (Mitte) - (c) Marian Wild

Blick in die Ausstellung „Evening Shadows“ von Takeshi Makishima. Mitte: „On Sunday“, 2017

Noch lakonischer zeigt sich das Bild „On Sunday“ von 2017, in dem die ehemals riesigen Hühnereier früherer Jahre nun zu dreieckigen, minimalistischen Spiegeleiern verarbeitet wurden. In der kleinen, aber sorgsam komponierten Ausstellung sticht die große Varianz der Bildformate ins Auge, Rechtecke, Rauten und Kreise sind vertreten, und eine kombinierte Form aus einer Raute, auf deren Spitze ein kleiner Kreis balanciert. Für “Leuchtturm“ von 2016 entwickelt diese Form einen feinen inhaltlichen Hintersinn, sieht man im Kreis doch wie durch ein Fernglas ein Schiff segeln, während in der stehenden Raute zwei Mädchen Bücher lesen (die Stapel sind ebenfalls kleiner und weniger bedrohlich geworden): dem vorderen sehen wir über die Schulter, wie sie ihre brennende Kerze zwischen die aufgestellten grauen Buchseiten hält, als wolle sie auch dort die neblige, gedruckte Dunkelheit vertreiben.

Takeshi Makishima: "Wave (Egg)", 2014. © Takeshi Makishima

Takeshi Makishima: „Wave (Egg)“, 2014. © Takeshi Makishima

Diese feinen Beobachtungen, die dem oft skizzenhaft‐expressiven Stil mit teils unbemalten, grob braunen Leinwänden gegenüberstehen, machen einen Reiz der Werke aus. Es sind der Dämmerung und den abendlichen Schatten gewidmete Erzählungen eines Wanderers zwischen japanischen und europäischen Kunstsphären.

WANN: Die Ausstellung ist noch bis zum 11. April zu sehen.
WO: Institut für moderne Kunst, Gustav‐Adolf‐Straße 33, 90439 Nürnberg.

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