Noch nicht aufs Dach gestiegen
"Verfall Dekadenz Hybris" – Bunkerhill Galerie

16. Januar 2017 • Text von

Hamburg hat einen neuen Off-Space. Wer im sich im Feldstraßenbunker eine Etage über das Uebel & Gefährlich wagt, landet in der Bunkerhill Galerie. Dort präsentieren sich seit Samstag junge Künstler in einer umfangreichen Gruppenausstellung unter dem Motto „Verfall Dekadenz Hybris“.

Simone Fezer: Fragile Worlds, Foto: Martina John

Simone Fezer: Fragile Worlds, Foto: Martina John

Im Dezember gab es bereits eine Art Sneak Preview für das neue Kunstprojekt im Bunker in Form der Ausstellung des Hamburgers Errkaa und seines luxemburgischen Kollegen Jean-Claude Mondot. Mit „Verfall Dekadenz Hybris“ legt die Bunkerhill Galerie auf stolzen 270 Quadratmetern jetzt richtig los. 14 Künstler zeigen seit Samstag ihre ganz persönliche Interpretation des bewusst offen belassenen Ausstellungstitels.

Ein Stockwerk über dem Uebel & Gefährlich kann sich die Galerie über viel Platz freuen: ein langgestreckter Raum mit hohen Wänden und rauem Off-Charme. Die kleinformatigen Arbeiten der teilnehmenden Künstler wirken dort fast ein bisschen verloren. Große Installationen wie die „Fragile Worlds“ von Simone Fezer, eine retrofuturistische Raketenarchitektur aus Stahl und Industrieglas, fügen sich dagegen perfekt in das schroffe Ambiente ein. Der Kontrast zwischen den stabilen Metallrahmen und den brüchigen Glaselementen, kann mit etwas interpretatorischem Mut auch auf den Gegensatz zwischen den wuchtigen Bunkermauern und den fragil-vergänglichen Kunstwerken der Ausstellung übertragen werden.

Wolf Martens: Relikt, Foto: Martina John

Wolf Martens: Relikt, Foto: Martina John

Apropos Vergänglichkeit: Der Titel „Verfall Dekadenz Hybris“ ist weniger strenges kuratorisches Konzept als freie lnspirationsanregung für die Künstler. Im Dezember riefen die Kuratoren Errkaa und Rustiana Nolte zu einem Wettbewerb auf, bei dem primär und noch nicht etablierte Künstler ihre Arbeiten einreichen konnten – 14 von ihnen zeigen jetzt ihre Positionen im Bunker. In der Wettbewerbsnatur und dem losen Konzept liegt leider auch der Schwachpunkt von „Verfall Dekadenz Hybris“. Der Titel und die teilweise bedrückende Architektur des 1942 errichteten Flakbunkers als Location hätten durchaus Potenzial für eine konzeptuell fester gestrickte Ausstellung geboten. Stattdessen wirkt alles etwas vage zusammengewürfelt, auch wenn sich unter den Exponaten durchaus spannende Ansätze befinden. So zum Beispiel die Objets trouvés von Wolf Martens. Der Künstler sammelt Alltagsgegenstände in verschiedenen Stadien ihres Verfallsprozesses und erhebt sie per Sockel zum Kunstwerk. Da wird ein vergammeltes Telefonbuch zum archäologischen Fundstück und ein Maracujakern gewinnt skulpturale Natur.

Andreas Eschment: Dystopia, Foto: Martina John

Andreas Eschment: Dystopia, Foto: Martina John

Das Stichwort „Verfall“ inspiriert auch die Künstlerin Olympia Sprenger. Ihr Triptychon aus drei fotografischen Selbstporträts hat sie so lange mit verschiedenen chemischen Substanzen bearbeitet, bis das Endergebnis zum organisch-gigeresken Horrorobjekt transformiert wird.

Auch die Arbeiten von Andreas Eschment nehmen akuten Bezug auf den Ausstellungstitel. In seinen kleinformatigen Radierungen, die optisch an Buchillustrationen des 18. und 19. Jahrhunderts erinnern, versetzt er die Wahrzeichen deutscher Metropolen in apokalyptische Katastrophensituationen. So kann man zum Beispiel die „Bauruine des Berliner Schloss“ besichtigen, aber auch die Hamburger Hybris bekommt mit dem „Großbrand der Elbphilharmonie 2019“ ihr Fett weg.

Ausstellungsansicht: Verfall Dekadenz Hybris, Foto: Martina John

Ausstellungsansicht: Verfall Dekadenz Hybris, Foto: Martina John

Die Bunkerhill Galerie ist in ihrem jetzigen Zustand selbst ein vergängliches Projekt. Sie fungiert als eine Art Schnittstelle zwischen dem Inneren des Bunkers und dem, was auf seinem Dach entstehen soll. Sie ist Teil von Hilldegarden e.V. – dem Verein, der sich für das viel diskutierte Stadtgarten-Projekt auf der Dachfläche des Bunkers einsetzt. Geht es nach den Hilldegarden-Machern, soll die Galerie eines Tages weiter nach oben wandern und sich als fester Kunstraum in der Dacharchitektur des Bunkers etablieren.

Auch wenn die Bunkerhill Galerie im Zuge der Umbauarbeiten noch einmal schließen wird, handelt es sich dezidiert nicht um eine Pop-up-Galerie, sondern um ein längerfristig angelegtes Projekt. „Wir sind gekommen, um zu bleiben“, erklärt Errkaa mit Nachdruck. Bevor es aufs Dach geht, wird noch einige Monate unten im Bunker Kunst gezeigt – und dafür ist bereits die nächste Ausstellung geplant. Bis zum 23. Januar können sich interessierte Künstler zum Thema „The Surface Surfer“ bewerben.

WANN: Die Eröffnung war am 14. Januar, seitdem hat die Ausstellung jeweils Mittwoch bis Sonntag von 17 bis 21uhr geöffnet.
WO: Im 5. Stock des Bunkers an der Feldstraße. Feldstraße 66, 20259 Hamburg.

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