Neonbunte Zauberei
Tjorg Douglas Beer in der Gerisch-Stiftung Neumünster

14. Juni 2018 • Text von

Im Foyer der ehrwürdigen Villa Wachholtz werden Besucher von einem eigentümlich zusammengepuzzelten Brunnen begrüßt. Drei blau lasierte Keramikknaben tragen einen vierten Kameraden, um ihn herum sind jugendstilige Absinthkaraffen auf einem schnöden Baumarktgestänge platziert. Der Künstler, der hier gleichermaßen als Bastler wie als Rauschspender in Erscheinung tritt, ist Tjorg Douglas Beer.

Tjorg Douglas Beer: Mogul (City) #2, 2006, Herbert F. Johnson Museum, NY, © 2011 Artists Rights Society (ARS), New York / VG Bild-Kunst, Bonn

Der in Lübeck geborene, international erfolgreiche Künstler, greift gerne auf grelle Neonfarben, Klebeband und düstere Themen zurück – nicht gerade die Art Kunst, die in einer traditionellen Villa zu erwarten ist. Zum Glück handelt es sich bei dem Anwesen mitten in Neumünster tatsächlich um ein ungewöhnliches Kunst-Highlight, das nur darauf wartet, gestresste Hanseaten und andere Ausflügler zu verzaubern. Schon der Zaun ist traumhaft: Von Olaf Nicolai gestaltet, locken mit Spitze verzierte Glaselemente Besucher an, statt sie abzuhalten. Dahinter verbirgt sich die Gerisch-Stiftung mit Skulpturenpark, Gerisch Galerie und besagter Villa Wachholtz.

In diesem Sommer hat Beer die Stiftung geentert, um sie mit einem zweischneidigen Zauber zu belegen. Der Ausstellungsauftakt ist ein fliegender Teppich, auf dem Flüchtlingskinder Besucher mit Hitlergruß und Stinkefinger willkommen heißen. In dem Stil geht es auch weiter, immer wieder vermischt Beer die traurige Realität globaler Krisen mit dem Märchenhaften. Schon der Titel der Ausstellung „Abracadabra Simsalabim“ weist darauf hin – der vermeintliche Zauberspruch geht vermutlich auf die Begegnung von Christen und Muslimen im Mittelalter zurück. Diese Verquickung von Verspieltheit, Ernst und Schnoddrigkeit findet sich auf allen Ebenen, von der Material- bis zur Themenwahl.

Ausstellungsansicht Tjorg Douglas Beer Foto: Christina Grevenbrock

Beer arbeitet wie ein Schwamm, der die Stimmungen und Situationen um sich herum aufsaugt und in Kunst transformiert. Im ersten Teil der Ausstellung in der „Gerisch Galerie“ finden sich Arbeiten aus den letzten 15 Jahren. Hier werden ernste Themen und Alltagsbegebenheiten völlig gleichwertig behandelt und in Klebeband, Pappe und Fundstücken umgesetzt. Es tummeln sich Referenzen auf den Waffenwahn in den USA neben komischen Typen aus Kreuzberg, ein bissiger Dackel knurrt Klebeband-„Flaggen“ an, in denen es um Religion und Weltpolitik geht – alles gestaltet mit Strichmännchen aus Isolierband. Das Ganze hat etwas vom Bastelzimmer eines sozialkritischen Grundschülers auf Crack, nur sehr viel besser.

Tjorg Douglas Beer: O Neos Anthropos / The New Human Being (Utopia), 2012, Courtesy Private Collection Copenhagen, Denmark, © VG Bildkunst

Zu seinen aktuellen Arbeiten zählt eine Reihe von Keramikskulpturen, für die er mit einem syrischen Keramiker aus Aleppo zusammenarbeitet. Kinderschaufensterpuppen liefern das Modell, nur dass Beers Versionen die Vorlage an Gruseligkeit noch übertreffen: bettelnd mit Altkleidern am fragmentierten Leib, als Mischwesen zwischen Hund und Kind oder als besagter Absinthbrunnen im Foyer der Villa.

Skulpturenpark mit „kissing birds“ von Menashe Kadishman

Bevor es zum zweiten Teil der Ausstellung weiter geht, lockt der Skulpturenpark mit einem Kontrastprogramm. Blütenpracht, Kunst und verwunschene Ecken laden zum Verweilen und Entdecken ein. Hier gibt es zwischen prächtigen Sträuchern, Bäumen und Blumenbeeten allerhand hochkarätige Außenskulpturen unter anderem von Bogomir Ecker, Carsten Höller, Brigitte Kowanz und seit neuestem auch Mischa Kuball zu sehen. So wird aus „einer kleinen Runde“ ein „ach nur kurz noch eben…“ und ganz nebenher ein längerer Aufenthalt wird.

Ausstellungsansicht Tjorg Douglas Beer, Foto: Christina Grevenbrock

Reißt sich der erquickte Besucher letztendlich vom Garten los, geht es in der Fabrikantenvilla mit aktuellen Gemälden und Keramikskulpturen von Beer weiter. Hier finden sich zwar die klassischeren Techniken, das Themenspektrum bleibt aber gewohnt breit, vom Drogendealer bis zum Märchenwald finden sich Verweise querbeet. Auch das Faible für Leuchtfarben behält Beer bei. War bei seinen älteren Arbeiten die ungewöhnliche Materialität noch ein wichtiger Eyecatcher, so wandelt sich das in den neueren Bildern hin zu Zufallstechniken. Beer mischt Malmittel wie Tinte, Marker, Lack, Acryl- und Ölfarben genauso bunt wie seine Farbigkeit, aus den Überlappungen ergeben sich groteske Figuren, Gesichter und Strukturen, die die ehemaligen Wohnräume mit einem Augenzwinkern neu beleben.

Am besten fügen sich letzich die vielfältigen Eindrücke bei Kaffee und köstlichem Kuchen im Erdgeschoss oder auf der Terrasse zusammen. Dabei schweift der Blick über den verwunschenen Park, der Beers Arbeiten letztlich doch die optimale Leinwand bietet.

WANN: Die Ausstellung läuft noch bis zum 19. August. Am Sonntag, den 5. August findet das legendäre „Picknick im Park“ statt.
WO: Herbert Gerisch-Stiftung, Brachenfelder Straße 69, 24536 Neumünster

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