Verortung verschieben
Ein Gespräch über die Munich OFF Week

28. Oktober 2016 • Text von

In der Sauna und in der Telefonzelle. In der Galerie und in der Bar. Die Munich Off Week vereint unterschiedliche Akteure und Orte der Münchner Kunstlandschaft in einem breitgefächerten Programm. Wir sprachen mit den Initiatorinnen Rosali Wiesheu und Viktoria Wilhelmine Tiedeke über das Projekt.

outside_new-copy

Tal Granit, Rosanna Merlin und Noa Snir.

 

gallerytalk.net: Die Munich OFF Week beschäftigt sich dieses Jahr mit Verschiebungen und Sichtbarkeiten. Gibt es in München überhaupt noch unbesetzte Nischen für junge Kunst?
Rosali Wiesheu und Viktoria Wilhelmine Tiedeke: Wir denken, dass Nischen nicht unbedingt vorab existieren, um nachträglich bespielt zu werden, sondern dass man sie zuallererst durch ihre Besetzung erschafft. Potenziell bestehen sie überall – in und als Telefonzellen zum Beispiel. Etwa 40 davon haben wir, in Kooperation mit dem Kunstverein München, durch Plakate in eine performative Installation von Erik Thys verwandelt. Ruft man unter der Nummer +49 89221152 dort an, kommt man beim Kunstverein München heraus und kann sich dort am Telefon sein Flötenkonzert anhören. In diesem Beispiel existierte der physische Ort „Telefonzelle“ natürlich bereits, wurde von uns aber umfunktioniert und fruchtbar gemacht als Ort der Kunst. Seine per se interaktive Qualität haben wir durch unseren Eingriff herauszustellen versucht. Zugleich verändert sich seine Zugehörigkeit: der öffentliche Raum wird zu einem Satelliten des Kunstvereins, dessen räumliche Verortung sich ebenfalls verschiebt.

untitled-1

Rosali Wiesheu und Viktoria Wilhelmine Tiedeke.

Wie seht ihr die breite und unterschiedliche Off-Szene in Bezug zum etablierten, kommerziellen „Kunstbetrieb“?
Zunächst mal möchten wir den Begriff der Szene in Frage stellen. Wir möchten mit unserer Veranstaltung kein softes Layer über verschiedene Räume legen, die sich gerade durch ihre Heterogenität auszeichnen. Stattdessen möchten wir zum einen den Räumen gerade in ihrer Individualität eine Sichtfläche bieten, zum anderen experimentell ausloten, wie man kreativ mit einem Problem umgehen kann, das gerade in den letzten Monaten sehr deutlich zu Tage trat: alternative, bzw. Non-Profit-Räume werden nach und nach geschlossen, weil entweder die Mieten zu rasant steigen, die Häuser abgerissen werden oder der Vermieter die Flächen gewinnbringender nutzen möchte.

14691963_546823852187755_7229878094210991676_o

RM Basics : HUMAN NEEDS.

Die Munich OFF Week findet dieses Jahr bereits zum dritten Mal statt. Hat sich Eure Herangehensweise dieses Jahr verändert?
Ja. Wir haben die diesjährige Munich OFF Week unter das Thema Nischen und Verschiebungen gestellt, da wir mit diesem Ansatz einen experimentellen Umgang mit Raum- bzw. Raumverlust testen wollen: weg vom Ort, hin zum Prozessualen. Wir haben versucht, die prekäre Ausgangslage als Möglichkeit für ein kreatives Umdenken zu nehmen und uns folgende Fragen gestellt: Können auch Zustände als Orte funktionieren, die man durch bestimmte künstlerische Strategien hervorbringt? Inwieweit kann man vorhandene „Schauflächen“ künstlerisch unterwandern oder sie dezidiert als Kunstfläche nutzbar machen? Und welches Bedeutungspotential geht daraus hervor? Anne Marguerite Steinbeis beispielsweise hat an einem Sonntagvormittag ein Schaufenster im hyperkommerzialisierten Labyrinth der Eillespassage in der Residenzstraße bespielt und somit das Schaufenster als kapitalistische Webefläche zum Schauraum für Kunst umkodiert. Dass die Performance an einem Sonntag stattfand und die Passage ursprünglich Teil eines Klosters war, hat der Aktion eine zusätzliche Dynamik verliehen.

In diesem Rahmen kooperieren wir auch mit dem Projekt RM Basics, das im Zeitraum der Munich OFF Week unterschiedliche Lokalitäten wie die Münchner Sternwarte, die St. Johannes Kirche am Preysingplatz oder die öffentliche Toilette am Sendlinger Tor mit spezifisch ausgewählten, internationalen Künstlern bespielt.

Wie hat sich in Euren Augen die Landschaft für junge Kunst in München in letzter Zeit verändert? Positiv? Negativ?
Sowohl als auch. Gerade in den vergangenen Jahren haben sich neue Akteure und Initiativen herausgebildet, die für ein Umdenken sowohl im kultur-wirtschaftlichen Sektor wie auch im Denken von Subkultur plädieren; gerade weil diese Positionen oftmals nicht vereinbar sind, entstehen neue Reibungsflächen. Das fördert die Diskussion und Fragen nach dem Verhältnis von Freiraum und seinen ökonomischen Grenzen. Wo die intellektuelle Auseinandersetzung über junge Kunst aller Bereiche zuzunehmen scheint, bricht die konkrete Finanzierung unserer Ansicht nach immer mehr weg. Speziell in München ist die Raumsuche sicherlich eines der akutesten Probleme, die nicht immer mit einer kreativ-flexiblen Organisation aufgefangen werden kann. Das fängt beim Ausstellungsraum an und geht weiter über die Unterkunft von Künstlern, die nicht direkt aus München kommen. Die Künstlergruppe super+ versucht seit Jahren, aktiv gegen dieses Problem anzugehen, indem sie immer wieder leerstehende Flächen auftreibt und diese nutzbar macht als Arbeitsflächen für Kreative.

otto

Bigott Spritzbar at Otto-Bar.

Neben unabhängigen Off-Räumen sind auch junge Galerien und Institutionen mit im Programm. Ist Euch diese Öffnung wichtig?
In diesem Fall ist sie dem Konzept der Munich OFF Week geschuldet. Wir versuchen, dieses Jahr auch mit Institutionen zu kooperieren, in deren Programm wir im Sinne des Smuggling (Irit Rogoff) eine aktive Unterwanderung erkennen. Es ist ja ein Fakt, dass Aktionen von Non-Profit-Ausstellungsräumen nicht ohne Rückwirkungen auf den etablierten Kunstbetrieb bleiben, was sich z.B. in Ausstellungsprojekten wie den FAVORITEN im Lenbachhaus zeigt. Wir fragen uns: gibt es diese Dynamik auch in entgegengesetzter Richtung? Und was passiert mit Off-Positionen, wenn sie temporär in einem institutionellen Rahmen verhandelt werden, ohne Teil der Institution zu sein? Die Künstlergruppe super+ lotet diese Fragen aus und hat die von Adolf Loos 1908 entworfene American oder auch Kärntnerbar nach- bzw. umgebaut und als Ausstellungsobjekt in der Galerie Handwerk temporär installiert. Diese wird nun abwechselnd von verschiedenen Künstlergruppen mit Performances bespielt. Damit ruft die OTTO-bAR verschiedene heterogene Räume gleichzeitig auf: Im Galerieraum fungiert sie als kommerziell erwerbbares Produkt, inszeniert neben einer Vielzahl anderer Ausstellungsobjekte. Zugleich zitiert sie den kulturellen Mythos „American-Bar“ und dient als Spielfläche für Bar-Performances.

WANN: Die Munich Off Week findet noch bis zum 30. Oktober statt.
WO: An unterschiedlichen Orten in ganz München. Das Programm findet man hier.

Weitere Artikel aus München