Mikro- und Makroansichten
Die Ausstellung zum ars-viva-Preis

1. November 2017 • Text von

Das sprachliche Spiel mit der lebendigen Kunst, der gegenwärtigen, einer, die hochleben soll, hatte sich in diesem Jahr schon die Biennale in Venedig auf die Fahne geschrieben. In München werden nun drei zeitgenössische Positionen gezeigt, die man sich in Venedig hätte wünschen wollen.

Zac Langdon-Pole: Paradise Blueprint (2017),© The artists and Kunstverein München e.V.

„Viva Arte Viva“ lautete der diesjährige Titel der Biennale, die mit Anne Imhoff und Co. eine lebendige Autorenschaft und aktive Kollaboration in der Auseinandersetzung mit drängenden Fragen unserer Zeit feierte. Eben diese Fragen sind es auch, die die Preisträger des diesjährigen ars-viva-Preises Anna-Sophie Berger, Oscar Enberg und Zac Langdon-Pole umtreiben. Ihre individuelle Annäherung an sie und ihren Umgang mit ihnen zeigen sie aktuell im Kunstverein München.

Bereits im Treppenhaus begegnet man einer Arbeit des neuseeländischen Künstlers Zac Langdone-Pole. Eine königsblaue Tapete, durchzogen von den hellen Abdrücken kleiner Vogelbeine, kleidet das Gewölbe aus, das zum eigentlichen Ausstellungsraum führt. Grundlage dieser Arbeit sind die ersten Exemplare ausgestopfter Paradiesvögel, die Europäer im 16. Jh. von ihren ersten Reisen nach Papua Neuguinea mitbrachten. Da den Präparaten häufig Beine und Krallen fehlten, ging man in Europa davon aus diese Wesen lebten in der Luft und fielen nur zum Sterben auf die Erde. Langdone-Pole stellt diese fehlenden Beine nun in den Mittelpunkt seiner Arbeit „Paradise Blueprint“ und mit ihnen den Diskurs um Kolonialisierung, Exotismus und Eurozentrismus.


Ausstellungsansicht: ARS VIVA 2018, Kunstverein München © The artists and Kunstverein München e.V.

In der Serie „Punctatum“ spielt ein anderes Tier die Hauptrolle: der Holzkäfer. Auch er hat in etwa die gleiche Reise wie der Paradiesvogel zurückgelegt, nur eben in die entgegengesetzte Richtung. Europäische Siedler brachten den Schädling einst nach Neuseeland, wo er sich dann durch die Holzmöbel im elterlichen Wohnzimmer des Künstlers fraß. Tiefe Gänge und Windungen entstanden, die äußerlich nur durch kleine Punkte oder Kratzer erkennbar sind. Langdone-Pole füllte diese Gänge mit Gold und macht – wenn auch erst auf den zweiten Blick – die Geschichte des Käfers deutlich, die dieser den Möbeln förmlich eingeschrieben hat. Es ist weder didaktisch noch wertend, was Langdone-Pole dem Betrachter vermittelt, es ist ein kluger und feinsinniger Umgang mit den Themen Migration und Identität, der eine ganze Welt an Assoziationen eröffnet.

Anna-Sophie Berger: Keeping Things (2017), © The artists and Kunstverein München e.V.

Anna-Sophie Bergers Arbeit „Keeping Things“ steht prominent im ersten Raum. Zwei große eiserne Fußballtore, aneinander gestellt und miteinander verkettet. Aus den Elementen fröhlichen Spiels im öffentlichen Raum wird ein großer, verschlossener Käfig im White Cube. Hier, zweckentfremdet und ästhetisch aufgeladen, wird aus den Toren, die nach der Ausstellung wieder zurück in eine Salzburger Parkanlage kommen, ein Medium, das die Fragen aufwirft, an welchem Punkt Kunst zur Kunst wird und was es für den Kunstmarkt bedeutet, wenn sich das stilisierte Objekt nach der Ausstellung wieder auflöst und seine eigentliche Funktion übernimmt. Zugleich evoziert Berger, indem sie das Spiel im Park unterbindet und die Tore zum hermetisch abgeriegelten Raum macht, die Frage nach gesellschaftlicher Teilhabe.

Das Motiv des Spiels nimmt Berger auch in den beiden Fotografien „the well“ und „a rock“ wieder auf. Ihre Aufnahmen zeigen die allbekannten Anleitungen für den Aufbau von Playmobil-Landschaften: Genaue Hinweise mit Pfeilen versehen, die den Bewegungsablauf beim Zusammenstecken andeuten und Vergrößerungsansichten bei kleinteiligeren Sequenzen zeigen. Was letztlich entsteht ist die Imitation von Realität en miniature, So entwickeln sich unter akkurater Anleitung kleine Welten, die sich von Kinderzimmer zu Kinderzimmer nur minimal unterscheiden. Berger legt dabei die Diskrepanz zwischen vermeintlich individuellem Kreations- und vorgefertigtem Reproduktionsgedanken dar.

Oscar Enberg, table d’hôte or Soldier with Whore (2017), © The artists and Kunstverein München e.V.

Oscar Enbergs Arbeiten im Kunstverein werden durch einen skurrilen Protagonisten miteinander verbunden: Crocodile Harry, zunächst Mienenarbeiter, dann Opalschürfer und letztlich Besitzer eines Hotels für Sextouristen im australischen Coober Pady. Coober Pady ist ein Ort, der die weltweit größten Opalminen beherbergt und doch importierte Opale verkauft, für die Umoona-Aborigines von großer Bedeutung ist und Schaulustige, wie Filmemacher gleichermaßen anzieht. Enberg nimmt in seinen Video- und Installationsarbeiten den Menschen wie den Ort in den Blick, die sich reziprok beeinflussen. Keineswegs jedoch positiv. In einer Abwärtsspirale – ein krokodilszahnbesetzter Korkenzieher in der Ausstellungswand deutet schon darauf hin – nähern sich beiden dem Abgrund, der den ökonomischen, physischen und moralischen Kollaps bedeutet. Enberg arbeitet diese Querverbindungen aus, nimmt Crocodile Harrys Geschichte als pars pro toto und findet einen ästhetischen und stringent konzeptuellen Umgang mit kultureller wie ökologischer Ausbeutung in Zeiten des Hyperkapitalismus.

Die Arbeiten der drei Preisträger stehen für sich und zeichnen doch ein globales Bild gegenwärtiger Fragestellungen, die sich zwangsläufig kreuzen und aufeinander reagieren. Die drei Werkgruppen ermöglichen durch ihre Materialität zunächst einen sehr assoziativen Zugang, der sich dann in der Auseinandersetzung mit den dahinterliegenden Konzepten (an dieser Stelle sei das kompakte wie kluge Begleitheft zu empfehlen) theoretisch festigt und deren Narrative ein durchweg gelungenes Ganzes kreieren.

WANN: Die Ausstellung ist noch bis zum 19. November zu sehen.
Im Anschluss an den Kunstverein München, zieht die Ausstellung weiter ins S.M.A.K. in Gent und auf Fogo Island.
WO: Kunstverein München e.V., Galeriestraße 4, 80539 München.

 

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