Mehr als Mode und Märchen

20. Januar 2016 • Text von

Vögel, Blumen und Märchenfiguren. Dunkle Schatten treffen auf verschwommene Umrisse und glühende Farbakzente: Die Deichtorhallen zeigen das Werk von Sarah Moon in einer umfangreichen Retrospektive. Neben surreal angehauchten Modefotografien jenseits aller Glossyness, finden vor allem ihre filmischen Arbeiten Beachtung.

Natürlich sind die Arbeiten von Sarah Moon feminin, verträumt und märchenhaft. Neben aller Dekorativität wohnt ihnen jedoch eine gewisse Düsternis inne. Wie in den Märchen von Hans Christian Andersen, die die 1941 geborene Künstlerin mit mehreren Filmarbeiten adaptiert hat, verweben auch Sarah Moons Werke magische Schönheit immer wieder mit den dunklen Seiten des Lebens. Im Haus der Fotografie wird dieser Kontrast in Form von rund 300 Exponaten in der Retrospektive „Now and then“ thematisiert. Darunter finden sich Fotos, Filmarbeiten und eine extra für die Deichtorhallen geschaffene Installation.

Sarah Moon: o.T., 2008 © Sarah Moon

Sarah Moon: o.T., 2008 © Sarah Moon

Während die Fotoserien teils konventionell aufgereiht, teils in thematischen Clustern über die Wände verteilt sind, werden die Filme in offenen, leicht zugänglichen Nischen in die Ausstellungsarchitektur eingebunden. Die Hemmschwelle sich mit den durchaus einmal fünfzehn Minuten langen Streifen auseinanderzusetzen ist dadurch niedrig – hier muss man keine Vorhänge beiseiteschieben oder in abgedunkelten Kabinen ausharren.

So können Besucher einen Film wie „Circus“ (2005) auf sich wirken lassen. Sobald man liest, dass es sich um eine Adaption von Hans-Christian Andersens „Mädchen mit den Schwefelhölzern“ handelt, ahnt man jedoch, dass die romantisch inszenierte Geschichte einer Zirkustänzerin nicht gut ausgehen wird. Die stringente Narrative des Films ist auch ohne Kopfhörereinsatz über die Untertitel nachvollziehbar. Nicht immer scheinen Bild und Text jedoch die gleiche Geschichte zu erzählen. Oft malen die filmischen Bilder die verbal erzählte Handlung poetisch aus und immer wieder werden Standbilder als Leerstellen eingesetzt – hier lädt der Film den Betrachter ein, seine eigene Fantasie spielen zu lassen.

Wie „Circus“ greifen auch Sarah Moons andere Filme bekannte (Kunst-)märchen auf – stets mit einem gewissen Twist. So wird aus Rotkäppchen in „Le Petit Chaperon Noir“ (1985/2010) ein „Schwarzkäppchen“ und aus dem bösen Wolf ein bedrohlicher Mann, der ein Mädchen durch die Stadt verfolgt. „L’Effraie“ (2004) arbeitet mit Motiven aus Hans Christian Andersens „Standhaften Zinnsoldaten“ in zum Teil bewusst ruckelig-verwackelten, hypnotisch-repetitiven Bildern. Das Märchen wird nicht direkt nacherzählt, stattdessen zeigt der Film die Welten dreier Figurengruppen: dem Zinnsoldaten und seiner Geliebten, den Kindern, die mit den Figuren spielen und „Eindringlingen“ von außen, die brutal in das verlassene Haus vordringen, in dem die Binnenhandlung angesiedelt ist.

In einer Filmarbeit von 2005 bringt Sarah Moon Charles Perraults Märchen von König Blaubart in eine surreale, stark stilisierte Gegenwart: Der König tritt in Gestalt eines alternden Musikmanagers auf, der jungen Frauen eine große Karriere verspricht. Sein Schloss ist eine Industrielandschaft vor namenloser Großstadtkulisse. Märchen und reale Welt verschwimmen – erst in Schwarz-Weiß dann in Farbe. Im Gegensatz zu den Hans-Christian Andersen-Adaptionen gibt es hier jedoch ein Happy End: Die Braut kann ihrem blutrünstigem Ehemann entkommen.

Sarah Moon: Fashion 9, Yohji Yamamoto, 1996 © Sarah Moon

Sarah Moon: Fashion 9, Yohji Yamamoto, 1996 © Sarah Moon

Sarah Moon absolvierte zwar ein Kunststudium, war danach aber zuerst als Model und später als Modefotografin tätig. Im Spannungsfeld von Kunst und Modebranche inszenierte sie Kampagnen für große Labels und Fotostrecken für die Vogue und Harper’s Bazaar. Dementsprechend sind ihre Modefotos integraler Teil der Ausstellung. Ihre Aufnahmen für Comme des Garcons, Chanel, Yohji Yamamoto oder Gaultier sind in ihrer Bildsprache malerisch-verträumt mit leicht verschwommen Umrissen und einzelnen glühend-intensiven Akzenten in Grün oder Rubinrot. Teilweise wohnt den Bildern sogar ein Hauch von Fin de Siècle oder Zwanziger Jahren inne.

Darüber hinaus lassen sich in der Ausstellung zahlreiche weitere Beweise für die Vielseitigkeit der Künstlerin entdecken. Die Bilderreihe „Inferno“ von 2015 zum Beispiel: Tentakel, organische Formen, monströse, geradezu gigeresk-lovecraftianische Monstrositäten im Kleinformat. Dagegen zeigen fragile Platinum-Prints aus demselben Jahr zarte Landschaften auf edlem dünnem Reispapier

Sarah Moon: Der Birnbaum, 1992 © Sarah Moon

Sarah Moon: Der Birnbaum, 1992 © Sarah Moon

Die Traumwelt der Ausstellung kulminiert in einem Kabinett mit extra von der Künstlerin für die Deichtorhallen zusammengestellten Arbeiten: Florale Motive, Frauenfiguren, viele Tiere und vor allem Vögel tummeln sich hier auf den Wänden – immer wieder taucht der Marabu auf. Dazu kommen Filmstills – immer mit einem Touch magischer Realismus und dem Anspruch den Betrachter zwar in eine Traumwelt zu entführen, ihn aber gleichzeitig einzuladen, seine eigenen Assoziationen einzubringen.

WANN: Sarah Moon „Now and then“ läuft noch bis zum 21. Februar. Am Donnerstag, den 28. Januar von 17 bis 19 Uhr findet ein exklusives Booksigning mit der Künstlerin statt.
WO: Im Haus der Fotografie der Hamburger Deichtorhallen

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