Kunst im Epizentrum der City-Höfe
Kai Erdmann im Gespräch

28. März 2016 • Text von

Auf der „anderen Seite“ des Klosterwalls liegt die Galerie Kai Erdmann. Wer nach einem Besuch von Kunstverein und Co. die Straße überquert, findet mitten im 50er-Jahre-Stahlbeton der heiß diskutierten City-Hochhäuser auch ein kleines Juwel der Hamburger Galerieszene. Wir haben uns mit Kai über den Weg vom Städel nach Hamburg, die Eigenarten der hanseatischen Kunstlandschaft und natürlich seine Position im Architekturstreit um die City-Höfe unterhalten.

gallerytalk.net: Zum Einstieg vielleicht ein kurzer Abriss, woher du kommst, und wie es dich ins Kunstgeschäft verschlagen hat.

Kai Erdmann: Die Galerie war letztlich ein konsequenter Unfall und so nicht von langer Hand geplant. Kunst begleitet mich bereits seit meinen ersten Erinnerungen: Mein Vater sammelte, ebenso wie befreundete Studenten am Städel in Frankfurt.
Während und nach meinem Hamburger Grafikstudium arbeitete ich schon im Kunstbetrieb. Ich gestaltete Bücher für Künstlerfreunde und war in Aufbauteams. Als wir 2007 eine Außenskulptur von Thomas Zipp für die Messe in Basel frühzeitig fertigstellten und die freie Zeit im Biergarten genossen, erreichte uns ein Anruf, dass ein Frankfurter Galerist seinen Betrieb eingestellt hatte. Damit war der anwesende Künstler Phillip Zaiser auf einmal vertretungsfrei. Kurzerhand beschlossen wir, eine Galerie ohne festen Wohnsitz zu gründen, und ab sofort für Phillip zuständig zu sein. Nach Ausstellungen in Wien, Los Angeles und vor allem in Berlin und Hamburg fragte ich mich 2010, ob ich mir einen ordentlichen Galeriebetrieb mit all seinen Vorzügen und Pflichten zutraue. Das Wasser schien nicht eiskalt sondern eher lauwarm zu sein. So sprang ich hinein und es gibt uns noch heute.

Kai Erdmann, Foto: dasystemeloise, 2016

Kai Erdmann, Foto: dasystemeloise, 2016

gallerytalk.net: Was würdest du als typisch für die Hamburger Kunstszene bezeichnen – auch im Vergleich mit anderen Städten?

Kai Erdmann: Den Standort Hamburg hat letztlich die Geburt meines Sohnes entschieden. Vorher überlegte ich, nach Berlin oder London zu ziehen. Wir sind immer zwar immer noch gerne auf Reisen, konzentrieren uns aber doch sehr auf Hamburg.
Die Hamburger Kunstszene kann ich nicht genau auf den Punkt bringen. Vielleicht ist sie ein wenig konzeptlastig. Ich weiß aber, was mir fehlt: Das Schwerverdauliche, das psychisch wehtut und im Zweifel schwer verkäuflich ist.
Was mich von Anfang an verwunderte, ist, dass in der freien und reichen Hansestadt meine geschätzten Künstlerfreunde komischerweise alle nicht oder nur vereinzelt ausstellten. Es kann sein, dass das an der Nähe zu Berlin liegt, wo alles möglich ist und scheint. Aber dort stehen sich die Kulturschaffenden auf den Füßen herum, was okay ist, weil die Welt drauf schaut. Hier in Hamburg ist es einfacher, wahrgenommen zu werden und sein Profil zu schärfen. Mich erstaunt trotzdem, dass die zweitgrößte Stadt des Landes ein hellgrauer Fleck auf der deutschen Kunstkarte ist. Denn die Institutionen wie der Kunstverein, die Deichtorhallen, die Sammlung Falckenberg oder die Kunsthalle machen tolle Arbeit. So recht scheint das leider nicht über die Stadtgrenzen hinaus wahrgenommen zu werden. Und daran ändert die Affordable Art Fair nichts. Im Gegenteil, sie macht es eher schlimmer. Da mach ich den Rollladen runter und verlasse die Stadt. Dafür haben Künstler nicht über 100 Jahre lang gekämpft. Hier könnte die Politik, mit etwas Geld, mehr bewegen. Die P/ART ist da schon einmal ein Anfang.

Galerie Kai Erdmann: Ausstellungsansicht: Thomas Zipp „RRR. (METHOD OF AVERAGE ERROR)“ 05.2015; Courtesy Galerie Kai Erdmann und der Künstler

Galerie Kai Erdmann: Ausstellungsansicht: Thomas Zipp „RRR. (METHOD OF AVERAGE ERROR)“ 05.2015; Courtesy Galerie Kai Erdmann und der Künstler

gallerytalk.net: Deine Galerie befindet sich am Klosterwall im Untergeschoss der 1958 errichteten City-Höfe: Was macht ein solches, oft geschmähtes Gebäude der Nachkriegsmoderne als Galeriestandpunkt für dich besonders?

Kai Erdmann: Zunächst ganz klar die Nähe zu den Institutionen. Reist ein Kurator oder ein Sammler nach Hamburg, kommt er auf dem Rückweg zum Hauptbahnhof eher auf einen Kaffee vorbei. Natürlich ist es auch elegant, auf den Kunstverein zu schauen und die Deichtorhallen zu unseren Füßen zu haben. Als wir den neuen Raum 2013 eröffneten, kam mein Münchner Kompagnon auf mich zu und sagte: „Wow, so New York City!“ Und ganz unrecht hat er nicht. Die Höfe und ihr charmanter Innenhof sind die letzte, nicht durchsanierte Insel in der Innenstadt, die Luft zum Atmen lässt. Der Brutalismus steht unserer Kunst außerdem recht gut. Die Künstler und Besucher sind sehr angetan vom Standort und seiner Umgebung.

Galerie Kai Erdmann: Ausstellungsansicht: Stefan Pfeiffer „Tourniquet“, 12.2014; Courtesy Galerie Kai Erdmann und der Künstler

gallerytalk.net: Zurzeit sitzt du außerdem in dem vielleicht am meisten diskutierten Bauwerk von ganz Hamburg. Nachdem die Firma August Priem im November den Investorenwettbewerb gewann, will die Stadt das Grundstück für 35,2 Millionen Euro verkaufen – die City-Hochhäuser sollen 2017 abgerissen und ein Neubau errichtet werden. Anfang März hat sich ein Sachverständigenausschuss doch gegen diese Pläne ausgesprochen und forderte einen neuen Wettbewerb. Aufgrund der Nähe zum historischen Kontorhausviertel wurde sogar der UNESCO-Welterbe-Status Hamburgs mit ins Spiel gebracht. Ende März soll in der Hamburgischen Bürgerschaft endgültig über den Abriss entschieden werden.
Was bedeutet das für deine Galerie? Kannst du bei dem Hin und Her noch Interesse auf deine Ausstellungen lenken oder profitierst du sogar von der Mediendiskussion? Musst du dir schon Gedanken über einen neuen Standort machen?

Kai Erdmann: Die Diskussion um das Ensemble, die gerne noch an Fahrt aufnehmen dürfte, macht die Galerie tatsächlich zu einem begehrten Ansprechpartner. Nur ist ihr das im Zweifel egal. Ich kann mir nicht vorstellen, dass bis 2018 hier irgendwas passiert. Das [in den City-Höfen ansässige] Behördenzentrum muss ja erst umgesiedelt werden. Und wohin die Reise gehen soll, wissen die Mitarbeiter selber nicht. Ein bis zwei Jahre sind für eine Galerie fast schon mittelfristige Planungen. Ich würde aber gerne auf der Ecke bleiben. Vielleicht auf der anderen Seite der Gleise oder runter in den Kasematten. Aber erst mal hier weiter machen. Das Jahr ist voll und will realisiert werden.

Galerie Kai Erdmann: Ausstellungsansicht: Martin Neumaier „Schöpfung. Tränen.“ 12.2015; Courtesy Galerie Kai Erdmann und der Künstler

gallerytalk.net: Im Gegensatz zu anderen Architekturstreits der jüngeren Stadtgeschichte wie dem ums Gängeviertel oder um die Esso-Häuser scheint die Diskussion um die City-Höfe bisher vor allem von Kunst- und Architekturfachleuten ausgefochten zu werden. Ottonormalbetrachter sieht in den vier grauen Blöcken eher einen der hässlicheren Auswüchse der Nachkriegsbauwut. Wie stehst du denn persönlich zu den Bauten und ihrer Rolle im Stadtbild?

Kai Erdmann: Für den Erhalt engagieren sich vor allem Architekten. Die Hochhäuser sind nie bewohnt, kulturell genutzt oder gar besetzt worden, um die Obrigkeitsresistenten auf die Straße zu locken. Ich würde mich freuen, wenn sich das ändert. Die ganze Sache scheint politisch gesteuert. Wie kann es sein das Gebäude unter Denkmalschutz stehen aber die Bürgerschaft darüber entscheiden kann, ob er wirksam bleibt? Warum wird ein Sanierungsvorschlag [von Architekt Volkwin Marg] wegen Formfehlern abgelehnt, der die Baumasse sowie den Charakter erhält und auch noch zeitgemäß ansprechend wirkt? Stadt- und architekturhistorisch wäre dem Ensemble Rechnung getragen und der vermeintlich graue Schandfleck instand gesetzt und angeglichen. Einsturzgefährdet sind die Häuser nicht. Der Stahlbeton ist so solide, dass wir bei einigen Wänden mehrere Bohrer benötigen, um irgendwas zu befestigen.
Ich habe ja überhaupt nichts gegen zeitgenössische Architektur! In der Hafencityplanung, ein paar Meter weiter, kann sich doch bis 2050 ausgetobt werden. Warum markant Vorhandenes einreißen, um Verwechselbares zu schaffen?
Ich hätte einen Vorschlag, wie man die ganze Sache lösen könnte. Das wäre, den Kulturstandort Hamburg zu stärken. Zum Beispiel, indem man die Kunstmeile auf der anderen Straßenseite durch kommerziell arbeitende Galerien erweitert. Dann kämen vielleicht mehr Kulturtouristen und der Senat hat seinen städtischen Mehrwert, den der reine Erhalt des Gebäudes nicht hergibt. Das würde natürlich auch in einem Neubau gehen, wäre aber nicht halb so charmant.
Also: Das Behördenzentrum umziehen lassen, die Häuser mit dem vorhandenen Sanierungsvorschlag umbauen und dann Kultur reinsetzen. Unten Galerien zu machbaren Mieten, ich bilde mir ein, einige Kollegen zu kennen, die sofort einziehen würden, oben Proberäume und Labels mit der altwürdigen Markthalle gegenüber. Start-ups, Ateliers, sozialverträglichen Wohnraum, um die Innenstadt zu beleben und meinetwegen obendrauf vier Luxus-Eigentumsapartments mit Rundumblick! Das wäre doch was, und wir könnten weiter hoffen, dass Hamburg irgendwann auf der Kulturlandkarte erscheint.

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