Im post-disziplinären Raum
Die Kuratoren des BNKR im Gespräch

11. Oktober 2017 • Text von

Seit April wird im Kunstbunker BNKR in der Ungererstraße ein breites Programm zwischen Kunst, Literatur, Architektur und Wissenschaft präsentiert. Unter dem Titel „Stop making sense, it’s as good as it gets.“ werden bis Juli 2018 zeitgenössische und historische Vorstellungen von Zeit in unterschiedlichen Formaten zur Diskussion gestellt. Ein Gespräch mit den Kuratoren.

Ausstellungsarchitektur von Johanna Meyer-Grohbrügge, mit der das Programm „Stop making sense, it’s as good as it gets.“ eröffnete. Fotografie: Edward Beierle.

„Stop making sense, it’s as good as it gets.“ im BNKR ist keine herkömmliche Ausstellung, das Projekt vereint unterschiedliche Ansätze zu einem sich organisch entwickelnden Programm. Die Kuratoren beziehen verschiedenste Akteure ein, referieren auf Literatur und Wissenschaft und transformieren die Architektur des Kunstbunkers. Ausgangspunkt für das Konzept ist der Roman „Satin Island“ von Tom McCarthy, in dem es um die Unmöglichkeit geht, in der Gegenwart anzukommen. Gallerytalk.net sprach mit den Kuratoren Joanna Kamm und Ludwig Engel über das Projekt.

gallerytalk.net: Ein zentraler Aspekt von „Stop making sense, it’s as good as it gets.“ ist die Auseinandersetzung mit der Wahrnehmung von Zeit und Zeitabläufen. Etwa ein Drittel des Programms im BNKR hat nun stattgefunden und neue Projekte starten bald. Wie gut habt ihr euch als Kuratoren in eurem Projekt eingefunden?

Ludwig Engel: Ganz gut. Es gibt jetzt eine gewisse Klarheit, was noch alles kommt und ein gutes Gespür dafür, wie wir zusammenarbeiten. Im BNKR sind jetzt auch genug Artefakte angesammelt und Geschichten passiert, so dass wir das Gefühl haben, uns den Raum angeeignet zu haben. Und es kommen noch viele, spannende Programmpunkte auf uns zu, auf die wir uns sehr freuen.

Joanna Kamm: Es war eine absurde Situation als wir im April angefangen haben, da wir ja wussten, dass am Anfang vielleicht noch nicht richtig zu verstehen ist, was wir genau vorhaben. Die Idee unseres Programms ist, dass es sich über die 15 Monate aufbaut – und am Anfang war noch nicht viel zu sehen, obwohl der Eröffnungsabend der Zeitpunkt ist, an dem die meisten Besucher mit den größten Erwartungen kommen… Aber das ist Teil des Experiments, das wir eingehen wollten. Wir wollten uns offen halten, dass die Dinge sich entwickeln können. Wir wachsen auch mit unseren Kooperationspartnern weiter zusammen, zum Beispiel mit dem Autor Tom McCarthy, dessen Roman „Satin Island“ ja Basis und Grundlage für unser Konzept war. Er stellt uns während der Programmlaufzeit regelmäßig Aufgaben, die wir im Untergeschoss des BNKR unter dem Titel „U’s Office“ präsentieren. U ist der Protagonist von „Satin Island“, ein Anthropologe, der im Keller einer Unternehmensberatung Dossiers zu Themen wie ‚Ölkatastrophen’ oder ‚Fallschirmabsturz’ für die Firma zusammenstellt. Tom stellt uns Aufgaben zu den Themen, die seinen geschaffenen Charakter U beschäftigen.

U’s Office im Untergeschoss des BNKR. Fotografie: Edward Beierle.

Es ist interessant, dass sowohl inhaltlich als auch im Umgang mit dem Raum eine Entwicklung zu erkennen ist. Ihr präsentiert ja keine klassische Ausstellung, sondern ein sich immer wandelndes Display.

JK: Wir nennen es „Programm“, Display trifft es vielleicht auch. Wir haben lange überlegt, wie wir unser Vorhaben benennen. Es war uns wichtig, eine Bezeichnung zu finden, die umfassen kann, dass visuell etwas zu sehen ist, aber es auch Abendveranstaltungen gibt und generell etwas über die Dauer von fünfzehn Monaten wächst – mit unterschiedlichen Formaten und Aspekten, die sich immer wieder überlagern und aufeinandergeschichtet werden. Der BNKR hat unser Vorgehen von Anfang an unterstützt, auch als wir gesagt haben, wir wollen das Programm flexibel gestalten und uns die Möglichkeit offen halten, auch neue Ideen und Veranstaltungen umzusetzen. Wir haben zum Beispiel einen Architekten kennengelernt, der im Rahmen der Antarktis-Biennale auf einer Expedition in der Antarktis war. Da ja der Protagonist von „Satin Island“ Anthropologe ist, fanden wir das ein spannendes Thema. Also haben wir ihn und den Kurator eingeladen, von ihrer Expedition zu berichten und zeigen dazu “A Journey That Wasn’t” von Pierre Huyghe. Das ist spontan entstanden und im BNKR haben wir die Möglichkeit, das ohne große Abstimmung und Vorlaufzeiten noch in unser Programm zu integrieren.

Eröffungstalk „Buffering Before The Future“ mit Ludwig Engel und Quentin Walesch. Fotografie: Edward Beierle.

Diese Herangehensweise deckt sich ja auch mit dem Inhalt. Man hinterfragt Ordnungen, Strukturen und Ansätze. Kontext und Bedeutung hängen zusammen. Ihr nehmt unterschiedliche Elemente in euer Programm und es entsteht organisch ein neuer Kontext. Wie wichtig ist euch ein transdisziplinärer Ansatz?

LE: Als Behauptung ist uns das nicht wichtig, als gelebter Ansatz ist es zentral. Letztendlich sind die Disziplinen, aus denen wir kommen und in denen wir arbeiten, Joanna als Galeristin und ich als Zukunftsforscher, per se als transdisziplinäre Arbeitsformen angelegt. Deshalb ist das für uns ein natürlicher Urzustand, in dem man arbeitet.

JK: Ich finde den Begriff aber auch sehr schwierig. Ich habe das Gefühl unser Ansatz ist nicht inter- aber auch nicht transdisziplinär. Das sind für mich beides aktuelle Modebegriffe. Eigentlich kannst du die Welt nicht denken, ohne über Kategorien und Disziplinen hinaus zu sehen. Letztendlich sind die Gäste, die wir einladen, in ihren Disziplinen Profis. Es soll kein „Jeder kann alles“-Ansatz sein. Wir laden Architekten ein und Schriftsteller, aber jeder für sich denkt eben auch immer im größeren Kontext.

LE: Um das hier vielleicht mit einem Neologismus noch weiter zu überladen: Das Programm könnte man vielleicht als ‚post-disziplinär’ bezeichnen. Es ist ja auch fast ein bisschen der Hilflosigkeit des Begriffs ‚Interdisziplinarität’ geschuldet, wenn wir uns erklären müssen, dass wir Wissenschaftler, Architekten, Künstler und Schriftsteller einladen. Wen soll man sonst einladen?

Der Roman „Satin Island“ von Tom McCarthy mit einem für das Programm entworfenen Cover von Quentin Walesch.  Fotografie: Edward Beierle.

Ihr bezieht euch in eurem Programm auf den Roman “Satin Island” von Tom McCarthy, das Buch bildet gewissermaßen den roten Faden für Euer Programm. Ihr kommt von den Themen des Buches auf Eure eigenen. Wie hat sich dieser Ansatz entwickelt?

JK: Das war eigentlich sehr einfach. Wegen des Buches haben wir angefangen, zusammen zu arbeiten. Wir waren beide hin und weg von diesem Buch, das hat uns verbunden. Dann haben wir begonnen, darüber nachzudenken, wie wir ausgehend von diesem Roman ein Konzept entwickeln können.

LE: Es war ein wenig so, wie sich eine Band zusammenfindet. Man mag die gleiche Musik und dann spielt man das erstmal nach, jeder auf dem Instrument, von dem er glaubt, dass es am ehesten zu ihm passt. So ist das mit „Satin Island“ für uns gewesen. Das Buch war Dreh- und Angelpunkt unserer Diskussionen. Die Begriffe, die unser Programm ausmachen und wie wir es entwickelt haben, stammen aus dem Buch, oder besser aus dem, was wir gemeinsam aus dem Buch herausgelesen haben. Deshalb war unser erster Konzeptentwurf zumindest für uns auch gleich ganz klar, frei von Missverständnissen oder Zufälligkeiten. Es gab nur dieses Buch, nicht der Autor, nicht die Umstände, einfach nur den Text.

Dann sind die Artefakte und Narrative, die ihr im BNKR präsentiert, Produkte von Ideen, die in diesem Buch angedeutet werden und die ihr ausverhandelt?

JK: Es ist wie eine Essenz, die wir aus diesem Buch herausziehen. Es gibt für uns bestimmte Begriffe, die wir wichtig finden in diesem Buch und basierend darauf haben wir überlegt, was man machen könnte. Wir hatten eine Menge Ideen und wir haben aus diesen dann einen Grundstock ausgewählt und damit angefangen. Und jetzt entwickelt es sich.

Ausstellungsansicht „Do Things“ von Something Fantastic. Fotografie: Edward Beierle.

Wenn man im BNKR ist, sieht man Spuren der vorhergehenden Programmpunkte, der Raum verändert sich, Inhalte sammeln sich an. Wie geht es weiter?

LE: Ganz konkret gibt es dieses Jahr noch eine große Veranstaltung, am 11. November. Das ist eine Ausstellung, die „Do Things“ von Something Fantastic als Hauptausstellung in den Räumen des BNKR ablösen wird, die noch bis 29. Oktober läuft. Im Anschluss zeigen wir dann das „Salvage Art Institut“, die wir eingeladen haben, ihre Ausstellung „No Longer Art“ das erste Mal in Deutschland zu zeigen. Joanna und ich haben ein anderes Buch, 10:04 von Ben Lerner, gelesen und das hat uns sehr gefallen. Und in diesem Buch beschreibt der Protagonist, dass er eine Freundin trifft, die ein Institut gegründet hat, das Kunstwerke zusammenbringt, die in Bezug auf ihren Versicherungswert Totalschäden sind. Also die Kunstversicherung hat den Wert ein Kunstwerks, das zerstört oder beschädigt wurde, bereits erstattet und sie bringt diese kaputten Arbeiten in einem Archiv zusammen. Im Buch hat diese Frau mit den Versicherungen einen Deal gemacht, dass sie diese Artefakte, die keine Kunstwerke mehr sind, weil sie ja de facto zerstört sind, ausstellen will. Und so etwas wollten wir auch machen. Eine Ausstellung mit Arbeiten, die keine Kunstwerke mehr sind.

Die Betonung liegt hier auf dem “mehr”, die Frage ist, wann der Status aberkannt wurde.

LE: Joanna hat bei Recherchen herausgefunden, dass dieses Institut gar keine Fiktion ist, diese Frau gibt es wirklich und auch dieses Institut gibt es wirklich. Also haben wir das „Salvage Art Institute“ aus New York eingeladen, im BNKR eine Ausstellung zu zeigen, mit Kunstwerken, die nun keine Kunstwerke mehr sind.

JK: Der Grundstock des Instituts geht auf eine Spende der AXA Versicherung New York zurück. Eine Sammlung von Arbeiten, bei denen der Totalschaden deklariert wurde. Es gab schon eine Ausstellung an der Columbia University in New York. Die Initiatoren werden im November auch nach München kommen und beschreiben, wie die Abläufe und Verhandlungen mit den Versicherungen waren. Da gibt es große Hallen, in denen diese “Nicht-mehr-Kunst” gelagert wird. Wir bereiten auch gerade den Transport der Arbeiten aus New York vor und wir wissen gar nicht, wie wir das machen. Machen wir das mit einem Art-Shipper oder nicht? Diese Arbeiten haben doch de facto noch einen Wert.

LE: Es gibt ein Foto auf dem eine kleine Schale ist. In dieser Schale liegen pinke Spiegelstücke: Ein zerbrochener Pudel von Jeff Koons. Normalerweise würde man solche Scherben in einem Umschlag verschicken, aber es sind eben nicht nur Scherben, es war mal eine Arbeit von Jeff Koons. Darin steckt die ganze Absurdität, auch die der Zeitlichkeit. Ab wann ist etwas ein Artefakt, ab wann ist etwas Kunst, ab wann nicht mehr.

WANN: Das Projekt „Stop making sense, it’s as good as it gets.“ läuft noch bis April 2018. Die Ausstellung No Longer Art: Salvage Art Institute wird am 11. November um 19 Uhr eröffnet.  Um 20 Uhr wird es einen Vortrag von Elka Krajewska (Gründerin Salvage Art Institute) und Mark Wasiuta (Columbia University) geben.
WO: BNKR, Nina Pettinato, Ungererstraße 158,  80805 München, www.bnkr.space, pettinato@bnkr.space. Öffnungszeiten: Jeden Samstag und Sonntag, 14.00 – 18.00 Uhr. Führungen nach Vereinbarung unter info@bnkr.space. Öffentliche Verkehrsmittel: U-Bahn U6, Haltestelle „Alte Heide“.

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