Geschichte als Spiel
Carmen Dobre-Hametner: „Consuming History“

9. Juli 2016 • Text von

Vergangenes erinnern, Geschichte am Leben erhalten, das Gestern physisch erfahren. Das scheint der ursprüngliche Gedanke der partizipativen Show „Survival Drama“ zu sein, in der Touristen und Darsteller in Litauen das Leben in der Sowjetunion nachstellen. Die rumänische Künstlerin Carmen Dobre-Hametner dokumentiert dieses bizarre Schauspiel und zeigt auf, wie schmal der Grad zwischen dem Versuch einer historischen Aufarbeitung und einem platten Unterhaltungsprogramm sein kann.

Carmen Dobre-Hametner: Serie "Consuming History", Fotografie

Carmen Dobre-Hametner: Serie „Consuming History“, Fotografie

Dobre-Hametner zeigt im Kunstraum München 24 Fotografien, die sie in Leuchtkästen inszeniert. Die Beleuchtung der Fotos lässt ihre Arbeiten zu Videostills werden, zu Fernsehbildern, die man per Stopp-Taste am Weiterlaufen hindert. Auch den Ton hat man ihnen abgestellt. So werden ihre Fotos zwar geräuschlos, dennoch sind sie auf spezielle Weise laut. Das aggressive Bellen eines Schäferhunds oder die harschen Ansagen eines Offiziers, der in ein Megafon brüllt, kann man in Dobre-Hametners Arbeiten förmlich hören. Der Betrachter wird hier zum teilnehmenden Beobachter und erfährt eine Inszenierung von Vergangenheit, die abschreckend wie glorifizierend zu gleich ist.

Carmen Dobre-Hametner: Serie "Consuming History", Fotografie

Carmen Dobre-Hametner: Serie „Consuming History“, Fotografie

Die Aufnahmen der Künstlerin sind im Umfeld eines alten sowjetischen Bunkers entstanden, nahe Vilnius im Winter. Sie zeigen eine beige-braune Tristesse, die man unmittelbar mit dem kollektiven Bild der Sowjetunion verbindet. Zugleich sind sie von einer intensiven, kontrastreichen Farbigkeit. Das Rot der Wände in einer Art Propagandaraum schmerzt, so frisch ist es. Die Ikone eines Offiziers, von Feuchtigkeit und Zeit fast gänzlich zerfressen, ragt aus einem leuchtend grünen Hintergrund.

Carmen Dobre-Hametner: Serie "Consuming History", Fotografie

Carmen Dobre-Hametner: Serie „Consuming History“, Fotografie

Man isst, gibt seine Fingerabdrücke ab, steht still, wird untersucht. Dobre-Hametner fängt Momente ein, die die Härte des politischen Regimes und ihre Auswirkung auf seine Gegner zeigen sollen. Sie nimmt auf, was dort – stets nach historischem Vorbild – geschieht und entblößt zugleich das Spiel als Farce. Da sind keine Blicke der Verzweiflung, da ist keine Angst. Da ist ein unterdrücktes Lächeln im Gesicht eines Teilnehmers bei der Bestrafung und eine absurde Gleichgültigkeit während der Leibesvisitation. Die Männer und Frauen, die sich dem „Survival Drama“ hingeben, scheinen sich stets der Sicherheit bewusst, in der sie sich befinden. Die Schilderungen in Geschichtsbüchern sind bedrückender als diese Fotoarbeiten. Sie kommen ohne Visualisierung aus und bringen doch tiefere Bilder hervor. Das Schauspiel, das Carmen Dobre-Hametner hier zeigt, ist erschreckend durchschaubar und dennoch bleibt ein mulmiges Gefühl.

WANN: Die Ausstellung ist noch bis zum 24. Juli 2016 zu sehen. Am 13. Juli 2016 um 19 Uhr findet das Künstlergespräch „The Fiction of History“ mit der Kunsthistorikerin Nina Neuper statt.
WO: Kunstraum Verein für aktuelle Kunst und Kritik, Holzstraße 10, Rgb., 80469 München.

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