Ecce Homo
Lust und Leid in der St. Agnes Kirche

22. Dezember 2016 • Text von

Ihr Kinderlein kommet, oh kommet doch all! Zur Krippe in Betlehems Stall oder aber in die König Galerie in der St. Agnes Kirche für eine etwas andere Version von Jesus und Maria. Hier wird christliche Ikonografie von zeitgenössischen Künstlern instrumentalisiert, kritisiert und entlarvt.

"The Others" curated by Elmgreen & Dragset, Ausstellungsansicht, Courtesy of König Galerie, Berlin.

„The Others“ curated by Elmgreen & Dragset, Ausstellungsansicht, Courtesy of König Galerie, Berlin.

Es ist, als würde die ehemalige Kirche St. Agnes in Kreuzberg erst jetzt ihrer alten Funktion entweiht und als Kunstgalerie neu getauft. Johann König bespielt den brutalistischen Bau zwar schon seit längerem mit zeitgenössischer Kunst, doch bedurfte es scheinbar noch diesem einen radikalen Schritt: Eine blasphemische Show, die jeden fromm gläubigen Christen vor den Kopf stoßen und letzte biblische Geister ausräuchern würde, um sich offiziell als säkularer Betrieb zu behaupten. Für den kuratorischen Job konnte sich wohl auch kaum jemand besser eignen, als das dänisch-norwegische Künstlerduo Elmgreen & Dragset. International bekannt dafür, dass sie 2005 eine unbegehbare Prada Boutique mitten in die texanische Wüste verpflanzten, bewirken sie durch radikale Modifizierungen von Orten und Räumen deren Neuüberdenkung und -definierung.

"The Others" curated by Elmgreen & Dragset, Ausstellungsansicht, Courtesy of König Galerie, Berlin.

„The Others“ curated by Elmgreen & Dragset, Ausstellungsansicht, Courtesy of König Galerie, Berlin.

Nun auch in der St. Agnes Kirche, die als Ausgangspunkt der Kuration fungiert und gleichzeitig mit eigenen Mitteln entmachtet wird. In fünfzehn Arbeiten setzen sich zwölf Künstler individuell mit etablierten körperlichen Darstellungsformen der christlichen Ikonographie auseinander. Die Werke greifen gängige Bildtypen auf und entfremden oder ergänzen sie, ohne dabei die ursprüngliche Konnotation zu verschleiern. So stellen sie den limitierten Wirkungsraum der christlichen Religion infrage, provozieren Themen wie Rasse oder Sexualität im Glaubenskontext und liefern alternative, zeitgenössische Erzählformen zu den historisch überlieferten Beschränkungen.

Elmgreen & Dragset, Reversed Crucifix, 2016, Courtesy of Galerie König, Berlin.

Elmgreen & Dragset, Reversed Crucifix, 2016, Courtesy of König Galerie, Berlin.

Young-Jun Taks überlebensgroße, klassische Madonna mit betenden Händen und gütigem Lächeln ist über und über mit Auszügen von koreanischen Broschüren beklebt, in denen christliche Organisationen Homosexuellen Konvertierungen als „Erlösung“ anbieten. Dabei kritisiert der Künstler einerseits solcherlei Praxen und entlarvt das Paradoxon von Gottes bedingungsloser Liebe und der Ausgrenzung Homosexueller in vielen christliche Gemeinden. Andererseits räumt er ihnen durch die Verwendung christlicher Bildsprache aber auch einen Platz darin ein. In ähnlichem Kontext scheint auch Elmgreen & Dragsets eigenes Werk „Reversed Crucifix“ zu stehen: Ein schmächtiger, junger Mann mit frisiertem Kurzhaarschnitt – also definitiv nicht Jesus – ist bäuchlings an ein schwarz glänzendes Lackkreuz gefesselt, Qual weicht der mutwilligen Ergebung. Hier wird deutlich, wie fein die Linie zwischen Schmerz und Begehren, aber auch zwischen selbstloser Aufopferung und Sadomasochismus sein kann. Was „pervers“ ist, liegt im Auge des Betrachters.

Mark Wallinger, Ecce Homo, 1990, Courtesy of König Galerie, Berlin

Mark Wallinger, Ecce Homo, 1999-2000, Courtesy of König Galerie, Berlin

Politischen Beiklang liefert Mark Wallingers Skulptur „Ecce Homo“: Christus ist hier lebensgroß und zeitgenössisch unbehaart in einer relativ unauffälligen und unbekannten Pose widergegeben, die nur durch den Titel klar wird. Er verweist konkret auf die Bibelstelle, in der er gefoltert von Pontius Pilatus dem Volk ausgeliefert wird. Die Skulptur an sich und die Dornenkrone aus vergoldetem Stacheldraht verweisen dabei aber gleichzeitig auch auf einen säkularen, zeitgemäßen Kontext: Dort steht ein politischer Gefangener, der für eine abweichende Überzeugung leiden muss. Auch hier funktioniert der Titel der Ausstellung,  „The Others“: Dargestellt sind die Anderen – Jene mit aus christlichem Kontext „anderen“ Gesinnungen, Moralvorstellungen oder sexuellen Vorlieben. Der Titel führt gleichzeitig vor Augen, dass heute, wo Religion nicht mehr vorherrscht, wo keine Normen dieser Form bestehen, wo alles geht – sogar eine blasphemische Kunstausstellung in einer Kirche – wir alle zu den Anderen geworden sind.

WANN: Die Ausstellung „The Others“ läuft noch bis zum 22. Januar.
WO: König Galerie, St. Agnes, Alexandrinenstraße 118-121, 10969 Berlin.

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