Die Realität vor Gericht
Kunst tritt in den Zeugenstand

7. Dezember 2017 • Text von

Die Welt ist nicht so wie sie scheint, die Realität gleicht einem Spiegellabyrinth. Wie sollen wir uns so noch zurecht finden? Was Kunst zum Verständnis dieser Gegenwart beitragen kann, will die aktuelle Ausstellung der NOME Gallery zeigen.

Installationsansicht, „Evidentiary Realism“, NOME Gallery, 2017. Courtesy NOME Gallery

Die Ausstellung “Evidentiary Realism“ bei NOME zeigt Werke von KünstlerInnen, die sich der Suche nach Wahrheit und Realität verschrieben haben. Wenn nicht der Titel selbst, so doch dieser Satz der einen kurz zum Stocken kommen lassen sollte. Wahrheit und Realität gehören, besonders heutzutage, zu den wohl dehnbarsten Begriffen. Wird nun also der Kunst eine besondere Fähigkeit zugesprochen, die einer solchen Suche zuträglich ist, oder werden Möglichkeiten der Imagination, die der Kunst von jeher eigen sind, instrumentalisiert, um eine weitere Nischenrealität zu schaffen?

„Evidentiary Realism“ heißt übersetzt so viel wie „ein auf Beweisen beruhender Realismus“. Mitte des 19. Jahrhunderts stellten sich Künstler wie Jean-François Millet oder Gustave Courbet gegen eine romantisierende Tradition und begannen die soziale Realität der damaligen Zeit zu porträtieren. So einfach ist es heute nicht. Die Medien haben diesen Job gleichermaßen übernommen wie auch abgeändert, in dem sie gezielt, durch falsche Berichterstattung, unsere Realität beeinflussen. Anstelle also das Spektakel selbst zu inszenieren, bedienen sich die hier ausgestellten KünstlerInnen dokumentarischer, forensischer und investigativer Mittel, um die verborgenen Mechanismen und Strukturen hinter dieser Form von ‚Realität’ zu beleuchten. Der Ausstellungstitel lässt sich demnach vielleicht eher im Sinne eines Prozesses verstehen. Einerseits ein empirischer – wir sind gerade erst dabei zu erfahren und zu verstehen, in welchen immer gleichen Spiralen der Kritik und Repräsentation wir uns befinden. Andererseits, ein Prozess im juristischen Sinn, der die soziale und politische Ungerechtigkeit der heutigen Zeit verhandelt möchte.

Gegen wen oder was werden hier also Beweise angeführt? Die Angeklagten erscheinen schemenhaft, aber niemals fassbar in den einzelnen künstlerischen Zeugnissen. Der Vorwurf lautet: systematische Manipulation und Verschleierung der Geschehnisse. Unserer Gegenwart ist zu komplex, zu intransparent, rasend schnell und das Resultat sind allgemein verbreitete Ohnmacht und Apathie. Die KünstlerInnen, als Zeugen des Gerichts, schildern ihre je eigene Form der Gegenwartsbewältigung. Paolo Cirio, Künstler der Galerie, Kurator der Ausstellung und Ankläger vor diesem Gericht, ruft die Zeugen chronologisch in den Zeugenstand.

links: Hans Haacke, Comparison of 3 Art Exhibition Visitor’s Profiles, 1972-1976, Ten silkscreen prints mounted on aluminium, each 98 x 88 cm. Results of polls taken at Museum Haus Lange, Krefeld, 1972; Documenta 5, 1972; Kunstverein Hannover, 1973. Courtesy of the artist. Rechts: Mark Lombardi, George W. Bush, Harken Energy, and Jackson Stephens, c. 1979-91, 4th version, 1998, Graphite on paper, 47 x 109 cm. Courtesy of Robert Tolksdorf.

Cirio verortet die neue Form des künstlerischen Realismus Anfang der 70er Jahre. Hans Haackes „Vergleich von 3 Kunstausstellungs-Besucherprofilen“ (1972-1976) ist und steht hier exemplarisch für eine künstlerische Tendenz der Datensammlung und –verarbeitung. Ende der 60er Jahre begann Haacke Museums- und Galeriebesucher zu ihrem soziopolitischen und demographischen Hintergrund zu befragen und die Antworten in Diagramme zu übersetzen. Haackes Form des, später auch computergenerierten, Profiling funktioniert wie ein Spiegel für die BetrachterInnen. Zwar verstehen wir die Arbeit heute als Zeitzeugnis, doch entlarvt Haacke die Kunstwelt auch als Echokammer, in der es sich nicht zu leichtfertig zu verlieren gilt. Gerade in der Kunstwelt, die sich nur allzu gerne in ihrer eigenen Intellektualität suhlt, ist es einfach sich auf die ‚richtige’ Seite zu stellen.

Ebenfalls bekannt für seine Diagramme ist der amerikanische neo-konzeptuelle Künstler Mark Lombardi (1951-2000). Wie feine Spinnennetze erstrecken sich die zarten Bleistift-Diagramme über das Papier, deren Inhalte er allesamt aus öffentlich zugänglichen Quellen recherchiert hat. Nüchtern und verwirrend schön zugleich offenbart er die komplexen Verbindungen aus Wirtschaft, Politik und Finanzwesen. Die erschlagende Macht der Realität prallt hier auf die erhellende Macht von Information.

Khaled Hafez, The Video Diaries, 2011, Digital video, one channel, 5:30min, digital file. Courtesy: Khaled Hafez and Mercusol Biennial.

Eine jüngere Generation an KünstlerInnen haben, unter Einfluss neuer wissenschaftlicher und technologischer Möglichkeiten, alternative ästhetische Umgangsformen entwickelt. Es ist wieder mehr das Persönliche, der eigene Bezug zu den Geschehnissen, der in den Vordergrund tritt. Khaled Hafezs „The Video Diaries“ (2011) dokumentiert die Revolution in Ägypten 2011. Auf einem Bildschirm laufen drei verschiedene Filme – drei Facetten der gleichen Realität. Hafezs persönliche und selbst aufgezeichnete Erfahrungen, die Berichterstattung der Medien und Social Media sowie Aufzeichnungen von Bekannten des Künstlers. Alle Videos bilden synchron die identische Zeit ab. Der Betrachter erlebt verschiedene Perspektiven gleichzeitig, was selbst in kleinem Format überfordernd wirkt.

links: Sadie Barnette, My Father’s FBI File, Project 4, 2017. Special Agent 2, custom vinyl wallpaper, size variable, 2017; My Father’s FBI File: Government Employees, archival pigment print, 55,8 x 43,1 cm each, edition 5, 2017; Untitled (Dad in Post Office uniform), archival pigment print, 55,8 x 43,1 cm, edition 5, 2017. Courtesy of the artist and Charlie James Gallery.

Sadie Barnettes „My Father’s FBI File, Project 4“ (2017) hingegen ist eine persönliche Auseinandersetzung mit der Geschichte des Civil Right Movements in den USA. Ihr Vater, Rodney Barnette, war Gründer der Black Panthers Bewegung in Compton, Kalifornien. Die Arbeit besteht aus Kopien hunderter Seiten, teils zensierter Berichterstattung verdeckter Ermittlungen des FBI gegen ihren Vater. Mittels Verschwörung und Lügen, die Rodney Barnett letztendlich seinen Job kosteten, versuchte die Regierung die Bürgerrechtsbewegung um jeden Preis niederzuschlagen. Familienfotos zeigen Rodney Barnette als Familienvater, die FBI Dokumente einen gefährlichen Kriminellen, die Geschichte selbst einen Mann, der sich für seine Mitmenschen stark gemacht hat. Indem die Künstlerin die Dokumente mit pinken Graffiti übersprüht, weist sie auf die Zensierung seitens des FBI von damals hin. Umgekehrt aktualisiert sie das Problem und die Brisanz von Rassendiskriminierung in den USA und bemächtigt sich der Geschichte ihres Vaters, der ihr damals machtlos ausgesetzt war.

„Die Künstler des ‚Evidentiary Realism’ beleuchten das Nicht-Sichtbare in der Formierung unserer Gesellschaft“[1], schreibt Paolo Cirio in einem Begleittext zur Ausstellung. Der Anspruch ‚Licht ins Dunkle‘ zu bringen erinnert an einen moralischen Dogmatismus im Zuge der Gegenreformation in der Kunst des späten 16. Jahrhunderts oder auch an Propagandakunst des 20. Jahrhunderts. Es ist gefährlich, wenn Kunst versucht eine Form von Beweisführung für sich zu beanspruchen, und damit ein Vakuum zu füllen, das aus Mangel an politischer Handlung und klarer Sprache entstanden sein mag. Schlussendlich beraubt sie sich damit ihres Potentials alternative Denkräume zu schaffen. Zu einfach kann sie so instrumentalisiert werden, was zum Verlust ihrer Autonomie führen würde.

Allerdings beansprucht Cirio keine Deutungshoheit. Er instrumentalisiert die Werke nicht im Zuge eines kuratorischen Statements, sondern zeichnet eine künstlerische und kunsthistorisch verankerte, Tendenz nach. Die Werke sind eigenständige, autonome Kommentare zu und Übersetzungen der Welt, in der wir leben. Letztendlich geht es vor allem um die ästhetische Repräsentation und Interpretation der mannigfaltigen – politischen, ökonomischen, gesetzlichen und kulturellen – Strukturen unserer Gegenwart. Cirios Genealogie ist in Berlin mit teils anderen Werken als in der ursprünglichen Ausstellung in New York zu sehen. Die große Stärke der umfangreichen Show auf so kleinem Raum ist und bleibt, dass sie zu keinem Zeitpunkt einen finalen Punkt oder Ausgang vorgibt. Paolo Cirio spricht kein Urteil, sondern ruft lediglich Zeugen zur Beweisführung auf. Es sind wir, die Betrachter, die letztendlich über eine zukünftige Handhabung dieser Realität das Urteil sprechen.

WANN: Die Ausstellung ist noch bis zum 17. Februar 2018 zu besichtigen.
WO: NOME Gallery, Glogauer Str. 17, 10999 Berlin.

 

 

 

[1] Der Originaltext ist auf Englisch erschienen, das ist meine eigene Übersetzung. Der Originaltext ist hier nachzulesen. 

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