Berliner Kunstgriff
09.02. - 16.02.2016

9. Februar 2016 • Text von

Die Kunstwoche beginnt beschwingt: Die Sängerin Peaches spricht über ihre Beziehung zu Cindy Shermans Oeuvre, bei Burnrate werden Legosteine in die Sphäre der Kunst erhoben. In der Ballery steht eine andere Unterscheidung zwischen oben und unten im Mittelpunkt: In der Gruppenausstellung „Saints&Sinners“ zeigen junge KünstlerInnen, wie sie in ihren Bildern religiöse Symbole und Inhalte im Zeitalter des Postsäkularen verwenden. Das KW Institute for Contemporary Art stellt mit der Ausstellung „Secret Surface“ die Frage: Was wäre, wenn dem Diesseits kein Jenseits gegenübersteht? Wie sähe die Kunst dann aus?

Liebe Berliner und Berlinerinnen, am Mittwochabend, den 10. Februar, habt ihr die Möglichkeit das Fangirl in euch raus zulassen. Anlässlich der Ausstellung in me Collectors Room spricht die Popikone Peaches über ihre Faszination für und Inspiration durch Cindy Sherman sowie ihr neues Album „Rub“. Für beide Künstlerinnen ist der eigene Körper Ausgangspunkt für eine vielschichtige, provokante und emanzipierte Auseinandersetzung mit Identität und Sexualität, welche jenseits von männlicher Blickökonomie und Rollenbildern einen Beitrag zu unserem Verständnis von Gender leistet. Der Eintritt zu der Veranstaltung und der Ausstellung beträgt 7€. Voranmeldung unter info@me-berlin.de.

WANN: 10. Februar, 19.30 Uhr.
WO: me Collectors Room/ Stiftung Olbricht, Auguststraße 68, 10117.

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Andrea Galad: Saint John the Baptist, 20 x 20 cm, Digitaldruck. © Andrea Galad.

Für Freitag, den 12. Februar, werden gleich zwei Empfehlungen ausgesprochen. Zunächst eröffnet der kommerzielle Projektraum Burnrate die erste Einzelausstellung des Internetphänomens Philipp Herfeldt. Die Philosophie des Hauses steht im Einklang mit dem Künstler: Man versteht sich als Gesamtkunstwerk, verschreibt sich „Post Contemporary Art“ und fokussiert sich auf postmodernes Design aus den 80ern und Popkultur – äh, Popart! Herfeldt gilt als eine Berühmtheit in der Lego-Onlinecommunity, seine Youtube-Videos und Bilder auf Flickr sind Zeugnisse von den Anfängen des Web 2.0 gegen Ende der 00er Jahre. Nachdem das Internet sich von einem Rückzugsort für Nerds in einen Mainstream-Unterhaltungsmarkt verwandelt hat, erschließt Philipp Herfeldt nun die Sphäre der Kunst. Man sagte ihm, „learning by doing“ ist der Weg durchs Leben.

WANN: 12. Februar, ab 19 Uhr.
WO: BURNRATE / commercial space, Hohenzollerndamm 201, 10717 Berlin.

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Philipp Herfeldt: Plastic Splash (Detailaufnahme). © Philipp Herfeldt, Burnrate Berlin

Auf eine gänzlich andere Art und Weise untersucht die Ausstellung „Saints & Sinners“ in der Galerie The Ballery die Grenze zwischen Pop- und Hochkultur. Viele der Songs, die tagein tagaus im Radio gespielt werden, viele der Werbeplakate, an denen man tagein tagaus vorbeihetzt, unterscheiden sich von Musik in der Philharmonie und Kunst im Museum dadurch, dass sie eher eine unmittelbare emotionale Reaktion auslösen. Demgegenüber ist unser positives oder negatives Empfinden bezüglich Mozart oder Kandinsky etwas Gedachtes, eine intellektuelle und weniger eine körperliche Reaktion. Die Trennung von Geist und Körper, genauer gesagt die Abwertung des sinnlichen, menschlichen Körpers, hat eine lange Tradition im christlichen Glauben. In der Gruppenausstellung „Saints & Sinners“ werden künstlerische Positionen präsentiert, welche sich sowohl mit der Bejahung des Sinnlichen und Körperlichen innerhalb der religiösen Bild- und Symbolwelt auseinandersetzen, als auch mit der strukturellen und gesellschaftlichen Funktion religiöser Tradition. Wer sind die Heiligen, wer die Sünder, in unserem Zeitalter des Postsäkularen? Anhand des ästhetischen und kritischen Potentials von Bildern und Symbolen, die nun unabhängig von der theologischen Praxis und ihrer ursprünglichen Bedeutung verwendet werden, versuchen die austellenden KünstlerInnen diese Frage zu beantworten.

WANN: 12. Febraur, ab 18 Uhr.
WO: The Ballery, Nollendorfstraße 11-12, 10777.

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Eduardo Basualdo: THE END OF ENDING, 2012, Schwarzes Aluminium, Maße variabel. Courtesy PSM Gallery, Berlin.

Thematisch fungiert die letzte Veranstaltung dieses Kunstgriffs gewissermaßen als der Schlussstein für Fragen, die in den Ausstellungsformaten von Burnrate Berlin und The Ballery mitschwingen. Es begann mit Alltagskultur, die Einzug in den Kunstkosmos feiert – Pop Art, Design und jetzt Lego Steine. Gewissermaßen ist die wertende Unterscheidung zwischen Hoch und Tief mit der theologischen Abwertung von dem affektgeladenen, sinnlich-menschlichen Körper und der gleichzeitigen Aufwertung von immaterieller Geistigkeit zusammen zubringen. Tief verankert im christlichen Glauben ist das Bewusstsein, dass nur die Seele nach dem Tod aufersteht, der Körper jedoch im Grab liegen bleibt. Doch was wäre, wenn dem Diesseits kein Jenseits gegenübersteht? Im KW Institute for Contemporary Art eröffnet am Samstag, den 13. Februar, die Ausstellung „Secret Surface / Wo Sinn entsteht„. Darin werden künstlerische Positionen vereint, die die Oberfläche der Welt – gemeint ist unsere menschliche Existenz – nicht abwerten, sondern die Leere nach dem Tod als treibende Kraft konzipieren. Welchen moralischen Standpunkt nimmt einen Kunst ein, die das Jetzt und das Danach als gleichwertig erachtet und somit Körper und Geist eine Einheit versteht? In den Kunstwerken lautet die Frage: Wie kann Bedeutung ohne Rückgriff auf metaphysische Erklärungsmuster entstehen?

WANN: 13. Februar, ab 17 Uhr
WO: KW – Institute for Contemporary Art, Auguststraße 69, 10117
!: Eintritt 6€, ermäßigt 4€

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