German Angst versus Pinselschwinger
Sebastian Tröger infiltriert das Kunst-Spießertum

12. Mai 2016 • Text von

In den muffigen Hinterzimmern der Kunst wird mal ordentlich durchgelüftet, ohne dass man deswegen die Museen gleich komplett sanieren müsste. Mit seinen doppelbödigen, zitatenfreudigen Bildern infiltriert Sebastian Tröger die Spießigkeit des deutschen Kunst-Bürgertums von innen.

Sebastian Tröger: "Selbst als Wirtschaftsflüchtling", 2015

© Sebastian Tröger: „Selbst als Wirtschaftsflüchtling“, 2015.

Künstler zu sein ist ein Knochenjob! Wer dann noch meint, malen zu müssen, macht es sich nicht eben einfacher. Sebastian Tröger nimmt diese doppelte Herausforderung an. Seine Gemälde, Installationen und Performances reflektieren einen erstaunlichen Spagat: Verhaftet im Hier und Jetzt, den Rucksack voller Vergangenheit schulternd, tänzelt er mit leichtem Pinsel in eine ungewisse Zukunft. Wer das für paradox hält, sollte morgen unbedingt in die Oechsner Galerie kommen, um diese besondere Mischung aus Witz, Melancholie und Intellektualität live zu erleben. Wir sind auf Tuchfühlung gegangen und wollten genauer wissen, ob der Wilde oder der Bürger im Maler überwiegt.

gallerytalk.net: Was ist Dir wichtiger, Humor oder Kunst?
Sebastian Tröger: Die einzige falsche, aber richtige Antwort auf diese Frage ist: Beides. Innerhalb der Mathematik spricht man von hinreichenden und notwendigen Bedingungen. Versteht man das kausal, haben beide Begriffe mit der Frage zu tun, ob ausgewählte Ereignisse ursächlich für das Eintreten oder die Existenz anderer Ereignisse sind, und ob die Folgeereignisse unausweichlich einträten, sofern die vorangegangenen Ereignisse existent wären. Überträgt man das nun auf die Frage, heißt das: Humor sollte in allen Lebensbereichen hinreichend existieren. In der Kunst, sofern es sie im Singular gibt, sollte es auch humoristische Momente geben. Wobei allerdings weder das Leben immer humoristisch ist und sein muss, noch notwendigerweise die Kunst.

Ausstellungsansicht mit "Die große Angst", 2016. Sebastian Tröger: "I can't feel your pain, but you can see my painting", Oechsner Galerie, 2016.

Ausstellungsansicht mit Trögers „Die große Angst“, 2016. Ausstellung „I can’t feel your pain, but you can see my painting“, Oechsner Galerie, 2016.

Möchtest Du etwas zum „triadischen Endzeitprojekt“ diesen Freitag sagen?
Der vollständige Titel der Soundperformance und Installation lautet mittlerweile „The Fraternity of Doom feat. Das Triadische Endzeit Ballett“. Die Arbeit ist von der Grundkonzeption stark vom Theater beeinflusst und von bestimmten Ideen oder Utopien, die mit der Bühnensituation bzw. Inszenierung verknüpft sind. Das eigentliche Bühnenbild der Szene bildet meine wandfüllende Malerei „Die große Angst“. Davor werden drei autarke Soundobjekte installiert, die einen sich stetig verändernden Klangteppich erzeugen. Durch Kostüme und Motoren wird eine Art Choreographie erzeugt und erinnert dadurch entfernt an Schlemmers Triadisches Ballett. Ergänzt wird das Setting durch eine improvisierte Live-Performance von zwei Musikern und einem Tänzer. Die Stimmung ist, wie der Titel schon andeutet, eher im Moll-Bereich angesiedelt, wobei letztendlich das Motto „Aus dem letzten Strohhalm eine Flöte bauen“ dominiert. Weltuntergang mit Apfelbäumchen oder so. Es darf also auch getanzt werden, wer das möchte.

Sebastian Tröger: "Das nächste Abendmahl", 2016

© Sebastian Tröger: „Das nächste Abendmahl“, 2016.

Deine Arbeiten weisen Referenzen auf kunstgeschichtliche Vorbilder auf. Ist an Dir ein Kunsthistoriker verlorengegangen?
Mein Antrieb beim Kunstschaffen ist neben der pathetisch und romantisierend verklärten Suche nach dem kontextlosen Meisterwerk vor allem die Beschäftigung mit der Geschichte der Kunst, sowie mit den Bedingungen ihrer Produktion und Rezeption. Es erfordert natürlich eine gewisse Schizophrenie, einerseits viel über Kunst, Kultur, Gesellschaft und Politik nachzudenken, zu lesen und zu schreiben, und im nächsten Moment wieder unbefleckt und naiv mit archaischen Urenergien an der Leinwand stehen zu können. Für mich ist das Nachdenken über kunstimmanente und gesellschaftspolitische Grundsatzthematiken der Anlass künstlerisch tätig zu werden und Ideen zu materialisieren. Mit Worten alleine würde das für mich nicht funktionieren und dadurch viele spannende Ebenen ausschließen.

Deine Bilder werden meist von hintersinnigen und nicht selten sehr langen Titeln flankiert. Sind das überhaupt noch Werktitel oder nicht eher schon Bildkommentare?
Ich finde die Möglichkeit interessant über den Titel bestimmte Kontexte oder die Lesbarkeit von Arbeiten zu modulieren oder aufzufächern. Natürlich kommentiere ich mich, meine Arbeit, die Arbeit von KünstlerkollegInnen oder den Kunstmarkt über diese Ebene auch hin und wieder. Vielleicht kommt das auch daher, dass ich mich immer über „o.T.“ ärgere. Was soll das denn bedeuten „ohne Titel“? Das Werk spricht ganz alleine für sich? Worte tun ihm nur weh und machen es schlecht? So einen Werkbegriff halte ich nicht mehr für zeitgemäß.

Sebastian Tröger: "Triadisches Endzeit Ballett"

© Sebastian Tröger: „Triadisches Endzeit Ballett“.

Du machst auch Musik – gibt es da eine tiefergehende Verbindung?
Es gibt sicherlich Überschneidungen was den Denk- und Entstehungsprozess betrifft – Stichwort Improvisation oder wenn es ums Schreiben und die Texte geht. Innerhalb meines Lehrauftrags an der Akademie biete ich den Workshop „Hören und Sprechen“ an. Da hören wir uns im Schweinsgalopp durch die Geschichte der Akustischen Kunst. Natürlich muss man das Vorgehen Schönbergs in der Musik ähnlich lesen wie Kandinskys Reaktion auf die Paradigmenwechsel jener Zeit. Der Zeitstrahl dieser Schnittmenge von Bildender Kunst und Musik ist ja ebenso kontinuierlich im Wandel wie andere Bereiche des Lebens und deshalb ist die Wahl des Mediums heutzutage wohl eher eine Frage der Stringenz oder Fokussierung innerhalb der eigenen künstlerischen Forschung.

Hast Du künstlerische Vorbilder?
Ach, da gibt es viele. Fischli und Weiss, Kippenberger, Thomas Schütte, Courbet, Turner, Van Gogh, Cage, Klee, König Ubu usw.

Fühlst Du Dich als „Bad Painter“?
Nein als „Good Painter“.

Sebastian Tröger: "Manifest der Liebe und der Kunst"

© Sebastian Tröger: „Manifest der Liebe und der Kunst“.

WANN: Beginn der Sound-Performance und Installation ist am Freitag, den 13. Mai, um 19.30 Uhr. Im Anschluss gibt es noch mehr Musik und Barbetrieb.
WO: Oechsner Galerie im Atelier- und Galeriehaus Defet, Gustav-Adolf-Str. 33, 90439 Nürnberg

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