Are you lonely, too?
Kyungah Ham kommuniziert nach Nordkorea

31. August 2017 • Text von

So nah und doch so fern. Die tiefe Kluft zwischen Nord- und Südkorea scheint unüberbrückbar, konstruktive Kommunikation unmöglich. Doch Kyungah Ham unternimmt auf künstlerischer Ebene, was auf politischer nicht möglich ist. Carlier | gebauer zeigt die „Embroidery Series“ der südkoreanischen Künstlerin.

Kyungah Ham, exhibition view at carlier | gebauer, 2017, Courtesy of the artist and carlier | gebauer.

Opulente, glitzernde Kronleuchter in überdimensionaler Größe schwingen gefährlich durch den abgedunkelten Raum, scheinen sich jeden Moment von ihrer Halterung zu lösen und mit ihrem massiven Gewicht auf den Boden zu donnern – wären sie nicht in der Zweidimensionalität eingefangen. Vor ihrem flächigen, tiefschwarzen Hintergrund wirken die Arbeiten aus der Ferne wie kitschige Hochglanzfotografien. Tritt man näher heran, wird ersichtlich, dass es sich hierbei allerdings um akribische Stickarbeit handelt. Und hinter dem, was wie dekorative Handarbeit scheint, liegt wiederum ein aufwendig durchdachtes Konzept, verbunden mit kühnen und unerbittlichen Unternehmungen seitens der Künstlerin. Das Bild selbst steht hierbei nicht unbedingt im Fokus, es ist vor allem das visuelle Zeugnis der Prozesse und Geschichten, die mit seiner Produktion verbunden sind.

Kyungah Ham, What you see is the unseen / Chandeliers for Five Cities BC 02-05, 2015 / 2016, North Korean hand embroidery, silk threads on cotton, middleman, anxiety, censorship, ideology, wooden frame, approx. 2000hrs/4persons, 265,5 x 362 cm, Courtesy of the artist, carlier | gebauer and Kukje Gallery, Seoul. Photo: Kukje Gallery, Seoul.

„North Korean hand embroidery, silk threads on cotton, middleman, anxiety, cencorship, ideology, wooden frame, approx. 2200 hrs / 2 persons“ – die Materialangaben auf dem Grundriss weißen pragmatisch auf die Anstrengungen hin, die für das einzelne Werk aufgebracht wurden. Denn es stammt nicht etwa aus Kyungah Hams Hand, sondern aus der nordkoreanischer Kunsthandwerker. Seit 2008 lässt die Südkoreanerin mithilfe eines chinesischen Mittelmanns Entwürfe ihrer Arbeiten in das isolierte Nachbarland schmuggeln und dort ausführen. Manch ein Ergebnis schafft dank Schmiergeldern die Rückkehr, andere verschwinden in der Zensur des diktatorisch regierten Staates. Der Aufwand ist für alle Beteiligten äußerst gefährlich und von Ungewissheit und Furcht durchtrieben. Der Prozess des einzelnen Werkes macht dessen Essenz aus.

Kyungah Ham, What you see is the unseen / Chandeliers for Five Cities BR 01-04 , 2016 / 2017, North Korean hand embroidery, silk threads on cotton, middleman, anxiety, censorship, ideology, wooden frame, approx. 2200 hrs / 4 persons, 250,5 x 382 cm, Courtesy of the artist, carlier | gebauer and Kukje Gallery, Seoul. Photo: Kukje Gallery, Seoul.

Das physische Werk ist in seiner Materialität somit von Grund auf politisch unterfüttert, doch nicht nur das: Das Stickerei Projekt hat sich in diversen Serien entfaltet, in deren unterschiedlicher Bildsprache verschiedene historische und politische Themen und Ideen verwebt sind. Besagte Kronenleuchter – wuchtig und dekadent – repräsentieren die fünf Machtstaaten, die direkt oder indirekt 1945 an der Potsdam-Konferenz beteiligt waren und dort über das Schicksal Nordkoreas mit seiner offiziellen Trennung vom Süden entschieden haben. Doch die Sinnbilder für Macht und Reichtum sind instabil oder bereits am Boden zerborsten. Dennoch strahlen sie weiterhin Licht aus, üben noch immer ihren unberechtigten Einfluss auf die koreanische Halbinsel und deren Bewohner aus. Anders als diese Staaten arbeitet Ham transparent, stellt die Leinwände frei und legt die Rückseite der Kunstwerke offen, in der sich die harte Arbeit der nordkoreanischen Kunsthandwerker nachzeichnet.

Kyungah Ham, Abstract Weave / Morris Louis Alpha Upsilon 1960 NB001-01, 2014, North Korean machine embroidery, silk threads on cotton, middle man, anxiety, censorship, wooden frame, collected world Internet news articles, tassel, 195 x 354 cm, Courtesy of the artist, carlier | gebauer and Kukje Gallery, Seoul. Photo: Kukje Gallery, Seoul.

Die Message der Kronleuchterserie ist eindeutig an den Betrachter – den Außenstehenden -gerichtet. Sie macht aufmerksam, klärt auf, und übt Vergeltung. Im anliegenden Raum geht es entspannter, heller, farbenfroher zu. Die etwas ältere Serie “Abstract Weave / Morris Louis“ stellt ein formal direktes Zitat der Farbfeldgemälde des amerikanischen Protagonisten der abstrakten Malerei dar. Die in der jeweils unteren linken und rechten Bildkante verlaufenden Farbsteifen sollen an Nord- und Südkorea erinnern: Scheinbar so ähnlich, doch getrennt durch eine leere, weiße Fläche; ein Vakuum, das größer als die benachbarten Länder zu sein scheint. Dennoch bleibt die Möglichkeit offen, dass die Farbflüsse an einem anderen Punkt – jenseits der Leinwand – aufeinandertreffen, wo ein Austausch möglich ist. Einen solchen Ort kreiert Han, indem sie die Farbfelder mit kodierten historischen und sozialen Inhalten aus dem Internet versieht, die in Nordkorea nicht zugänglich sind. Hier kommuniziert Han ihre Ideen und Anliegen direkt mit ihren Nachbarn im Norden und übersetzt sie in ein Medium, das für beide Parteien zugänglich und verständlich ist: Stickerei. Sie kann somit gewiss sein, dass sich die Informationen Stich für Stich in den Gedanken der Ausführenden verweben und dort hoffentlich kritisch reflektiert werden. Sie liefert dabei nicht nur neues Gedankengut, sondern auch eine unbekannte Bildsprache – sehr wohl wissend, dass in Nordkorea nur figurative Kunst legitim ist. In provokanter Manier setzt sie hier den Modernismus als Symbol für Freiheit und Eigenmacht ein und verspinnt geschickt Politisches mit Persönlichem.  

Kyungah Ham, exhibition view at carlier | gebauer, 2017, Courtesy of the artist and carlier | gebauer.

Die dritte Serie „SMS Series in Camouflage“ ist die älteste der gezeigten Arbeiten. Hier hat Ham persönliche Nachrichten wie „Are you lonely, too?“ oder populäre Songtexte „Though, if you are like me“ in postmoderne, psychedelisch anmutende Farbexplosionen transkribiert. Sowohl in ihrer Ästhetik als auch der sprachlichen Substanz wirken die Arbeiten melancholisch, verspielt, beinah paradox im Hinblick auf ihren Entstehungskontext. Doch rollt man das Ganze von hinten auf, so erkennt man, wie sich das Konzept der Künstlerin mit den Jahren entfaltet und vertieft hat. Die Kommunikation mit Nordkorea wird direkter, politischer, transparenter. Was als impulsiv und sentimental erdachtes Projekt begann, ist zu einem vielschichtigen Konstrukt aus politischen, sozialen wie auch persönlichen Ebenen herangereift. Es hat das Potenzial entwickelt, den Laien wie auch den Westlichen abzuholen und anzusprechen. Die Tatsache, dass es bis nach Deutschland gereist ist und hier ein Publikum findet, beweist dies. 

Needling Whisper, Needle Country/ SMS Series in Camouflage / Thou, If you are like me C 01-01-02, 2014 / 2015, North Korean Hand Embroidery, silk threads on cotton, middle man, anxiety, censorship, wooden frame, approx. 1000 hrs/1 person, 146 x 145 cm, Courtesy of the artist, carlier | gebauer and Kukje Gallery, Seoul. Photo: Kukje Gallery, Seoul.

WANN: Die Ausstellung ist noch bis zum 9. September zu sehen.
WO: carlier | gebauer, Markgrafenstraße 67, 10969 Berlin.

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