Vom Wasser, der Musik und den Sternen
Drei zeitgenössische Positionen aus Istanbul

9. Mai 2018 • Text von

Tiefseetauchen, Stricknadeln und Katzen hinter Fensterläden: Das Neue Museum widmet sich in der Sonderausstellung „Saum der Zeit“ den drei türkischen Künstlern Bilge Friedlaender, Füsun Onur und Ahmed Dogu Ipek

Blick in die Ausstellung (Werke von Füsun Onur) © ARTER Istanbul, Foto: Neues Museum (Annette Kradisch)

Auf goldene Garnrollen schräg aufgesetzte, weiße Podeste empfangen den Besucher, wenn man die Ausstellung betritt, der Blick durch den Raum ist durch hohe Wände versperrt. Für die Ausstellung wurde eigens eine Struktur von Kabinetten und Gassen errichtet, die ein wenig an die verwinkelte Stadtstruktur von Istanbul erinnert. Die zwei Künstlerinnen und der Künstler, die hier präsentiert werden, haben einen persönlichen Bezug zu der Metropole, sie sind wie Füsun Onur dort geboren und geblieben, und auch wenn Bilge Friedlaender inzwischen in New York lebt und arbeitet ist ihr spezieller künstlerischer Ansatz doch stark mit der Heimatstadt verbunden; im Grunde sind aber alle drei, auch der Newcomer Ahmed Dogu Ipek, Teil einer internationalen Moderne, wodurch ihre Herkunft vor den ausufernden Werken in den Hintergrund tritt.

Die einzelnen Kunstwerke sind in den Wegen verwoben und kunstvoll in Beziehung gesetzt, das größte und zugleich subtilste ist Füsun Onurs „Opus II – Fantasia“, das sich auf dem Boden des Raums durch alle Sektionen ausbreitet. Als hätte sie den quadratischen Steinboden als Notenzeilen interpretiert entwickelt die Künstlerin eine musikalische Komposition aus Garnrollen Stricknadeln, Podesten und Porzellanfigurinen, in die der Besucher behutsam eintauchen muss. Durch dieses intermedielle Werk, das an die Fluxus-Bewegung der 1970er Jahre erinnert, wird man unter anderem durch einen sanften Nebenstrang zu einer Filminstallation geleitet: „Pink Boat“ setzt ein kleines Schlauchboot in Szene, das auf den Wellen des Bosporus schaukelt, acht Stunden ununterbrochen vor dem Haus der Künstlerin gefilmt. Der Film startet mit dem Ausstellungstag und endet mit ihm, und währenddessen kann man einen ganzen Tag in Istanbul in diesem kleinen Ausschnitt miterleben. Im folgenden Flur wird man zu „Third Dimension – Come in“ geleitet, einem Kubus aus blauer Wolle, innen mit einem Himmel aus Perlen und Fäden bestückt. Durch das verspielte Licht entsteht eine sanfte Erinnerung an osmanische Haremsszenen, oder an das, was man sich nostalgisch darunter vorstellt.

Blick in die Ausstellung (Werke von Bilge Friedlaender) © the artist, Foto: Neues Museum (Annette Kradisch)

Im vordersten Kabinett ist Bilge Friedlaender mit der bisher größten Werkschau in Deutschland zu finden. Ihre sanften Malereien sind immer auch skulptural, Linien und Kurven sind nicht was sie auf den ersten Blick scheinen. Diese schwebende Indifferenz des Materials beschreibt sie mit dem Gefühl, in größerer Tiefe zu tauchen, wo die Wahrnehmung von Raum und Schwerkraft sich aufhebt. Die Installation River/House/Book überträgt diese Mehrdeutigkeit auf unsere Assoziation von Dingen. Sandboxen aus Holz mit länglichen Rechenspuren sind mit einem Aufbau von Ästen besetzt, die ein dickes Papier zu einer dachartigen Konstruktion zusammenschieben. Sieht man die Sandfläche als Meer, werden die Dächer zu Schiffen; betrachtet man sie als Baugrund, wird das Papier zur Hütte. Zieht man den Museumsboden als Meer heran, schwimmt das ganze Objekt wie ein Hausboot auf dem stillen Meeresspiegel, mit einem Basaltstein als Anker vor sich ausgeworfen. Das Papier verweist außerdem auf die traditionelle Buchkunst der Region, auf die hohe Literatur und Dichtung des Landes.

Ahmed Dogu Ipek: Sterne (Nacht), 2017 © the artist, Foto: Neues Museum (Annette Kradisch)

Im letzten Kabinett sind zwei Werke des jungen Newcomers Ahmed Dogu Ipek präsentiert. Die Seitenwände sind mit der Großsserie „Days (Black Water Records)“ besetzt, eine Art Tagebuch, 100 Aquarellnotizen in loser Folge. Der Künstler malt ohne Pinsel, die Aquarelle entstehen nur durch das Verlaufen der Farbe und die Bewegungen des Papiers. So versiegelte er nahezu täglich eine Erinnerung in den Bildern, die sich manchmal ähneln, aber auch manchmal verblüffende Landschaften oder Räume erschaffen. An der Stirnwand hängt ein großformatiges dunkles Bild, das als „Sterne (Nacht)“ betitelt ist. Eine schwarze Farbfläche wird von dem Künstler immer wieder mit einem Messer aufgebrochen, bis der weiße Malgrund sichtbar wird. Die Sterne werden so ganz konkret zu Löchern im Firmament, was auch das poetische Weltbild antiker Philosophen reflektiert. In Zeiten zunehmender Spannungen zwischen den verschiedenen Weltregionen ist es ergreifend beobachten zu können, dass Brückenschläge wie diese Ausstellung mit Mitteln der zeitgenössischen Ästhetik in solch freundschaftlicher Leichtigkeit möglich sind. Um den anderen zu verstehen muss man ihn zuerst kennen. Es gibt für diese Begegnung schlechtere Wege als über die Kunst.

WANN: „Saum der Zeit“ läuft noch bis zum Sonntag, den 10. Juni. Jeden Samstag um 15 Uhr und Sonntag um 11 Uhr gibt es eine öffentliche Führung durch die Ausstellung.
WO: Im Neuen Museum, Klarissenplatz 1, 90402 Nürnberg.

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