Ohne Moos viel los

13. Dezember 2018 • Text von

„Wieso gibt die Stadt so wenig Geld für die Förderung von Kultur und Kunst aus?“ fragten sich die Mitglieder der 20 freien Kunstorte Hamburgs und gründeten diesen Sommer die Initiative „Art Off Hamburg“. Ein Gespräch über ihre Forderungen mit Melanie Klapper und Julia Melzner.

Aktion vor der Kulturbehörde: Art-Off-Hamburg-Mitglieder überreichen Förderanträge an den Kultursenator Brosda ©JuliaMelzner

Aktion vor der Kulturbehörde: Art-Off-Hamburg-Mitglieder überreichen Förderanträge an den Kultursenator Brosda ©JuliaMelzner

Gallerytalk.net: Die Mitglieder von „Art Off Hamburg“ haben dem Kultursenator Brosda eine schlappe Null aus Plastik und ein Geschenk überreicht. Warum das?
Julia Melzner (Frappant e. V.): Wir haben unsere Fördergeldanträge für 2019 schön verpackt und zusammen mit der Null dem Senator überreicht. Unsere ehrenamtliche Arbeit ist ja schließlich ein Geschenk an die Stadt.
Melanie Klapper (Raum linksrechts): Eine Null mehr steht ganz oben auf unserer Forderungsliste. Wir wollen, dass der Fördergeldtopf für die Off-Orte um eine Null am Ende wächst. Im Moment bekommen alle zusammen 175.000 Euro Fördergelder pro Jahr. Wir möchten, dass sie auf 1.750.000 Euro angehoben werden. Die freien Kunstorte haben in den letzten Jahrzehnten eine große Off-Kultur in Hamburg etabliert, machen unglaubliche viele Ausstellungen, Veranstaltungen und Konzerte und kriegen dafür so wenig Budget, dass es bei den meisten von uns jedes Jahr wieder um die Existenz geht.

Über die Einnahmen der Kultur- und Tourismustaxe verteilte die Stadt dieses Jahr rund 13,3 Millionen Euro Fördergelder an Hamburger Institutionen und Projekte. Von diesen Geldern wurde z.B. der Hafengeburtstag in den letzten Jahren mit jeweils 200.000 Euro gefördert. Ihr erhaltet aus einem anderen Topf über die Programmförderung 175.000 Euro für alle 20 Häuser zusammen.
Julia Melzner: Das Geld für Großveranstaltungen verpufft an einem Wochenende und wir sind die ganze Zeit da. Die Summe, die für die freien Kunstorte übrigbleibt, ist lächerlich. Wir machen die Stadtviertel lebendig. Wir sind Impulsgeber, wagen Experimente mit Künstlern, die noch nicht etabliert sind und fördern so den Nachwuchs. Die Wertschätzung unseres Engagements ist uns wichtig. Es wäre mal nett, ein Feedback zu erhalten und uns nicht nur indirekt dazu zu benutzen, um die Stadtteile aufzuwerten.
Melanie Klapper: Es wird nicht vermittelt, wer wir sind und wofür wir uns einsetzen. Uns geht es darum, dass Kunst für jedermann zugänglich ist. Uns ist es wichtig, dass jeder es sich leisten kann, eine Ausstellung zu besuchen und am kulturellen Leben teilzunehmen. Die meisten Besucher der Galerien im Gängeviertel sind zum ersten Mal dort. Wir erklären ihnen dann, warum wir uns engagieren, was es im Viertel zu entdecken gibt. Außerdem geht es um die Vernetzung der Off-Räume in Hamburg. Wir wollen sichtbarer werden. Häufig werden die kleineren Off-Orte nicht wahrgenommen. Dafür möchten wir eine gemeinsame Plattform schaffen. Leute, die einen Besuch in Hamburg planen, könnten sich gezielt auf einer gemeinsamen Website über uns informieren. Auch Ortsfremde würden uns leichter finden.

Wofür verwendet ihr die 175.000 Euro, die ihr für dieses Jahr erhalten habt?
Julia Melzner: Den größten Anteil des Fördergeldes geben wir für die Mieten aus. Die Frappant-Galerie beispielsweise zahlt jedes Jahr ungefähr 9.000 Euro Miete und Nebenkosten. Von unserem Fördergeld bleiben uns dann bei 20 Ausstellungen noch 1.000 bis 3.000 Euro im Jahr. Für uns alle geht es jedes Jahr um unsere Existenz.

Wofür braucht ihr jetzt die Null mehr?
Julia Melzner: Wir können den Künstlern kein Honorar zahlen. In der Programmförderung, die wir alle beantragen, steht, dass wir das Geld nicht an die Künstler ausschütten dürfen. Das führt dazu, dass wir eine Lampe für die Galerie zwar kaufen, den Künstler aber nicht bei den Kosten für die Entstehung seines Kunstwerks von diesen Mitteln unterstützen dürfen, da es sich eben um Programmförderung handelt. Künstlerhonorare sind gar nicht vorgesehen. Die Künstler machen ihre Arbeit, wenden dafür viel Zeit auf und erhalten kein Geld. Auch wenn wir teilweise die Fahrtkosten erstatten dürfen, bleibt es ein Minusgeschäft für sie.
Melanie Klapper: Deswegen fordern wir von der Kulturbehörde, um die Künstler fair honorieren zu können, einen Fonds, der es uns ermöglicht, ihnen ein Ausstellungshonorar zu gewähren. Für die eine Null mehr in unseren Förderungsanträgen haben wir mit 500 Euro pro Künstler und Ausstellung kalkuliert. Das ist nicht viel. Das ist immer noch nur eine Art Aufwandsentschädigung, gemessen an der Zeit, die der Künstler für die Vorbereitung der Ausstellung investiert.

Ihr fordert außerdem Gelder für die Honorierung von professionell und ehrenamtlich Engagierten der freien Kunstszene. Ihr habt ausgerechnet, dass ihr der Stadt im letzten Jahr 44.534 nicht honorierte Stunden geschenkt habt. Wie kommt ihr auf diese Zahl und welche Arbeiten fallen an?
Melanie Klapper
: Jedes Kunsthaus hat aufgeschrieben, was es für nicht monetäre Eigenleistungen erbringt. Wir haben addiert, wie viel Zeit wir für die Pressemitteilung, den Aufbau, für die Barschicht, für das Streichen der Wände, für die Kuration, für die Aufsichten und Verwaltungssachen brauchen. Buchhaltung, Website, Social-Media-Betreuung. Das Kloputzen, Fensterputzen, die Kommunikation mit den Künstlern kann auch sehr zeitintensiv sein. Das läppert sich zusammen. Wenn man nicht viele Gelder hat, muss man viel organisieren, viele Leute anrufen und versuchen jemanden zu finden, der es umsonst macht. Das kostet Zeit. Die meisten von uns haben einen ganz normalen Day-Job. Wir arbeiten für die Kunsthäuser neben unseren Jobs, weil wir es gern machen. Aber wir möchten, dass diese Arbeit wertgeschätzt und honoriert wird.

Jetzt könnte man einwenden, dass ihr schon Geld von der Stadt bekommt…
Melanie Klapper: Die Stadt zahlt zusätzlich seit 2017 jährlich pro Kunstort 1.000 Euro für die kuratorische Leistung. Im Gängeviertel sind drei Galerien. Pro Galerie erhalten wir also ca. 333 Euro. Wir sind vier Personen und hinzukommen kommen weitere. Das wären dann für jeden der vier Engagierten 80 Euro pro Jahr. Wir zahlen uns das Ausstellungshonorar natürlich nicht aus, weil wir das Geld für das Programm brauchen. Jeder der Orte macht das so.

44.534 Stunden entsprechen, ausgehend von 20 Kunsthäusern, einer Vollzeitstelle pro Kunstort mit ca. 42 Stunden pro Woche…
Julia Melzner: In Wirklichkeit ist es viel mehr als eine Stelle. Eine Person alleine könnte diese Aufgaben nicht abdecken. Es helfen sehr viele Leute mit, um den Betrieb eines freien Kunstorts am Laufen zu halten. Einer kennt sich mit Licht und Beleuchtung aus, dann gibt es jemanden, der die Grafik macht, ein anderer kann Fenster austauschen, ein anderer kennt sich gut mit Finanzen aus. Das Prinzip ist das des lebendigen Miteinanders.

Ihr strebt einen runden Tisch mit der Behörde für Kultur und Medien, der Politik und Hamburger Institutionen an. Was versprecht ihr Euch davon?
Julia Melzner: Wir wünschen uns einen zukunftsweisenden Dialog auf Augenhöhe. Wir müssen dringend reden, wie wir Abläufe transparenter gestalten können, wie Gelder vergeben werden und wie die Jurys, die letztendlich über die Verteilung der Gelder entscheiden, zusammengesetzt sind. Auch glauben wir, dass die Behörde für Kultur und Medien die freien Kunstorte noch besser unterstützen könnte, nicht nur finanziell.
Melanie Klapper: Ich bin sicher, die Stadt könnte noch viel mehr für uns tun. Wir möchten gern gemeinsam erarbeiten, wie so eine Unterstützung aussehen könnte. Von der Vernetzung und dem Austausch werden alle profitieren. Wir möchten differenziert wahrgenommen werden in unserer Vorbildfunktion als Impulsgeber für nachhaltige Gestaltung unserer Stadtgesellschaft. Wir sind Kulturschaffende, die sich ein Ausstellungsprogramm überlegen und darüber Gedanken machen, wie man Kunst vermittelt und wie man Kulturkonzepte aufstellt. Das wird häufig übersehen und das wollen wir ändern.

Gallerytalk.net: Julia und Melanie, wir danken Euch für das Gespräch.

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