Not Notgalerie
How to find and build a shell

29. Juli 2019 • Text von

Eine kleine hölzerne Baracke, nach dem zweiten Weltkrieg als provisorische Notkirche errichtet, wurde 2015 zur Notgalerie umfunktioniert. Doch ist das gefundene Gebäude am Rande der Wiener Seestadt nicht vielmehr selbst soziale, künstlerische Plastik?

Notgalerie 2015, Foto: Reinhold Zisser.

1. Staunen
Auf einer Busfahrt entdeckt der Künstler Reinhold Zisser den Fremdkörper. Unmittelbar ergriffen steigt er bei der nächsten Station aus, um sich das Gebäude näher anzusehen. Er findet eine im Verfall begriffene, von Pflanzen umwucherte Lagerbaracke wie sie eher in alten Westernfilmen vorkommt. „Jedenfalls hätte man dieses Objekt überall vermuten können, nur nicht hier in Wien mitten in einer Wohnbausiedlung im Jahr 2015.“, meint Zisser. Zwar waren Fenster eingeschlagen, der Rest jedoch seltsamerweise konserviert. Nirgends zu finden: die für urbane, vergessene Orte typischen Schmierereien, keine Spuren von nächtlichen Einstiegen.

2. Eine Koralle besetzen
Ein Einsiedlerkrebs zeichnet sich dadurch aus, dass er seinen Hinterleib in leeren, gefundenen Schneckenhäusern oder ähnlichen, von anderen Lebewesen gebildeten Behausungen wie beispielsweise Korallen verbirgt. Die Notkirche sollte wie eine gefundene Schale funktionieren und am Rand des Wiener Kulturbetriebs einen autonomen Raum öffnen. „Statt bei einem abstrakten Diskurs anzusetzen, ist da zunächst dieser tatsächlich vorhandene Körper bei dem die Geschichte der Notgalerie beginnt.“ Die einfache Message: „Alte Notkirche aus der Nachkriegszeit wird zu Notgalerie umfunktioniert“, fungierte als Parasit. Das unmittelbare Staunen über den brachliegenden Fremdkörper bildete das verbindende Element. 

Ausstellungsansicht 2015, Foto: R. Z.

3. Von den Rändern agieren
Was er so weit abseits vom Geschehen auf diesem Berg Müll wolle, fragten manche Freund*innen. Heute meint Reinhold Zisser, damals hatte er das starke Bedürfnis, sich von Institutionen abzuwenden. Als er die Notkirche am Ulanenweg entdeckt, hatte er sein Studium bereits zwei Jahre beendet und war schnell in verschiedensten Kontexten des Wiener Kulturbetriebs gelandet. „Das Problem waren nicht nur die Projekte, die man nicht bekommen hat, oder die Arbeiten, die nicht bezahlt wurden, sondern vor allem die Dinge, die ich bekommen habe.“, erinnert sich Zisser. Von fremden kulturpolitischen Vektoren, sowie Marktmechanismen habe er sich aufgesaugt gefühlt. Er wollte selbst ein Kartendeck in die Hand bekommen und von den Rändern aus eigens gesteuerte Vektoren ins Spiel bringen.

4. Einschreibungen zulassen
In einer ersten Ausstellung eignet sich der Künstler den Ort an, in dem er sein eigenes System in die vorhanden Gegenstände bringt. Alles ist danach ausgerichtet zunächst sein eigenes Staunen mit den Besucher*innen zu teilen. Schnell wird klar, der unkonventionelle Ort lockt Interessenten an, jedoch mit dem bleibenden Eindruck, dass dort keine Wertsteigerung zu holen ist. Eine Konstellation, die gegenseitige Einschreibungen und Rollenkonfusionen ermöglicht: Bei wem liegt hier die Autor*innenschaft? Wer ist bei dieser Ausstellung Kurator*in, wer Künstler*in, wer Hausmeister*in? Ist die Notgalerie ein Galerieraum oder selbst soziale Plastik? Profitieren eingeladene Künstler*innen von ihr oder werden sie von dieser affirmiert? Statt bei dem abstrakten, im Kunstkontext sehr häufig verwendeten Begriff vom „Kollektiv“ zu beginnen, werden verschiedene Konstellationen der Zusammenarbeit erprobt und unkontrollierbare gegenseitige Einschreibungen zugelassen.

5. Umstände zu eigen machen
Das Wort „Prozession“ leitet sich ab von dem lateinischen Wort „procedere“, was so viel bedeutet wie vorrücken oder voranschreiten. Es geht dabei um eine zeremoniell, organisierte Form des Umzugs einer Kulturgemeinschaft. „2017 hatte sich plötzlich eine wahnsinnige Spannung aufgebaut“, beschreibt Zisser den nächsten Einschnitt in der Chronik der Notgalerie. Zunächst 30.000, später 100.000 Euro Fördergeld wurden ihm von KÖR (Kunst im öffentlichen Raum) für 2017 zugesichert. Allein, das Grundstück, längst als Baugrund verkauft, soll gerade jetzt bebaut werden. Die Baracke muss weg. Die geförderten Projekte stehen auf dem Spiel. Bereits vorhandene Ideen müssen überschritten werden. Während Boris Manner aus den Gefängnistexten von Antonio Gramsci liest, werden erste Nägel entfernt und der Abbau organisiert. Alle Einzelteile werden fein säuberlich nummeriert. Ein zukünftiger Standort steht noch nicht zu 100 Prozent fest, da beteiligen sich bereits verschiedene Künstler*innen an der zeremoniellen Translokation der Notgalerie. Aus den Gräsern der Umgebung wird ein Öl hergestellt und in einem Gefäß, einem Replikat des Gebäudes, konserviert. Aus dem Furnierholz der Innenwände werden während der performativen Zerlegung Wörter und Silben geschnitten und zu Bannern umfunktioniert. Die Notgalerie, 1969 als Kirche schon einmal umgezogen, siedelt ein zweites Mal.

Notgalerie Translokation 2017, Foto: R. Z.

Notgalerie am neuen Standort 2017, Foto: R. Z.

6. Duellieren
Verlässt man die U-Bahn-Haltestelle Aspern Nord befindet man sich auf freiem, urbanem Feld. Die neue Haltestelle ist ganz Projektion der wachsende Seestadt, dem am Reißbrett entworfenen Vorzeigeprojekt der Wiener Stadtregierung. Dort gegenüber der schneidigen Haltestelle, auf einem kleinen Hügel, im Hintergrund die in den Himmel ragenden Baukräne, wird die Notgalerie wieder aufgebaut. Ein Duell ist ein freiwilliger Zweikampf, der von den Kontrahent*innen vereinbart wird, um eine Streitigkeit auszutragen. In Aspern steht sich ein ungleiches Paar gegenüber: auf der einen Seite die Kopfgeburt, auf der anderen Seite die flexible, reaktionsfähige Holzbaracke. Dass diese als Katalysator wirken würde, wie ein Parasit von der Qualität des Standortes profitieren wird, ist zunächst nicht absehbar. Zur Eröffnung kommt nur ein Besucher.

Musoä 2017, Foto: R. Z.

7. Institutions-Ass ausspielen
Schnell kommt es zu gegenseitigen Einschreibung von Seiten der Duellierenden. Der Standort Seestadt zieht Kunstpublikum. Die Notgalerie eignet sich als perfektes, dabei im Vergleich zu sonstigen Marketingausgaben sehr billiges Werbeinstrument für das Projekt „Seestadt“. Zu Beginn versucht Reinhold Zisser noch dieser Vereinnahmung, die die Notgalerie immer mehr zur Institution transformiert, entgegen zu wirken, indem er eine Ausstellung unter dem Titel „Musoä“ (Museum sozialer Ästhetik) inszeniert. Dafür erstellt er einen Plan des umliegenden Geländes, auf dem eine Route mit verschiedenen Kunststandorten eingezeichnet ist. Da aber bei der Vernissage keine Kunstwerke aufgebaut sind, wird die Umgebung selbst zum Kunstwerk erklärt und das Areal fiktionalisiert. Es kommt zu Verwirrungen und Wahrnehmungsverschiebungen unter den Besucher*innen. Da das Interesse weiter wächst und sich das Verhalten aller Beteiligten bei folgenden Veranstaltungen dennoch den Verhaltensmustern eines herkömmlichen Galeriebesuchs immer weiter annähert, beschließt Zisser die Institutionalisierung von außen anzunehmen. Sie soll wie eine temporäre Spielkarte eingesetzt werden. Dies betrifft v.a. den laufenden Projektzyklus „Notgalerie Kunstland Nord 2019“.

8. Geschichten retten
Bei der Frage wie es weitergehen könnte, wird Reinhold Zisser nachdenklich. Die Notgalerie als Objekt, als Schale ist längst Institution geworden. Ein bulgarischer Galerist hat es sich in den Kopf gesetzt die Holzbaracke zur Art Basel Miami ins Zentrum der Wertsteigerung zu bringen. Zisser lacht. Er tendiert eher dazu, den Holzkörper erneut zu zerlegen und einzelne Fragmente auf verschiedene Standorte zu verteilen. Schließlich ist es mittlerweile umgekehrt, der in der Schale entstandene Diskurs, die Kollaborationen und entstandenen Geschichten sind das, was vor politischer Vereinnahmung und Verwertung des Kunstmarktes gerettet werden muss und nicht mehr vordergründig das Gebäude selbst. „Da wäre es schon reizvoll das Ding in einem gemeinsamen Akt wieder verschwinden zu lassen“, gesteht Reinhold Zisser.

Inszeniertes Gruppenfoto bei Translokation 2017, Foto: R. Z.

WANN: Der von der Notgalerie ausgerichtete „Audiowalk – Kunstland Nord“ ist in der Seestadt noch bis 30. September zu besichtigen. Die Abschlussveranstaltung der Notgalerie, zumindest was den laufenden Projektzyklus 2019 betrifft, findet am 18.9. statt. Bei Interesse an weiteren Entwicklungsschritten empfiehlt es sich in den Newsletter eintragen zu lassen. 
WO: U2 Aspern Nord, Urbanes Feld, 1220 Wien.

Weitere Artikel aus Wien