Subjektive Abstraktion
Atelierbesuch bei Jürgen Partenheimer

27. Januar 2020 • Text von

„Der Intellekt ohne die Emotion ist blind und die Emotion ohne den Intellekt bleibt sprachlos“, so formuliert es Jürgen Partenheimer. Im Mittelpunkt seines Werkes steht die Sublimierung emotionaler Impulse in abstrakte Bildkompositionen. Dadurch entstehen pulsierende Form- und Farbkompositionen von eindrucksvoller Präsenz.

Jürgen Partenheimer, Studioansicht, München 2019, Foto: Jürgen Partenheimer

Die Herangehensweise Jürgen Partenheimers lässt sich unter dem Attribut der „subjektiven Abstraktion“ treffend zusammenfassen. Der Künstler übersetzt subjektive Erfahrung als Ich-Erfahrung und Welterfahrung in Zeichnungen, Malereien, Skulpturen, Installationen und Lyrik. Der lyrischen Komponente kommt dabei ein besonderer Stellenwert zu. Einerseits schreibt Partenheimer selbst, andererseits behandelt er Erfahrung und Aneignung fremder Lyrik in seiner Kunst. Seit 2015 wählt der Künstler für seine Werkgruppe „100 Poets“ dazu Lyrik von internationalen Autoren und Autorinnen aus und transformiert sie zu eigenständigen Kompositionen abstrakter Zeichnungen und Bilder. Dieses Konzept des „work in progress“ umfasst mittlerweile über 80 Lyriker und Lyrikerinnen in mehr als 150 Werken.

Jürgen Partenheimer, Ausstellungsansicht „Verwandlung“, Häusler Contemporary München, Foto: Günter König

Die Münchner Dependance der Galerie Häusler Contemporary zeigt noch bis Mitte Februar eine Auswahl an Ölgemälden des Künstlers. Darunter finden sich auch einige Arbeiten aus der Werkgruppe „100 Poets“. Die mit „Verwandlung“ betitelte Ausstellung nahmen wir zum Anlass, Jürgen Partenheimer in seinem Atelier im Münchner Stadtteil Solln zu besuchen. Im Interview gab er Einblicke in seinen Gedankenkosmos und diskutierte mit uns die Parameter seines Kunstverständnisses.

Jürgen Partenheimer, Studioansicht, München 2019, Foto: Jürgen Partenheimer

gallerytalk.net: Sind Ihnen gegebenenfalls Friedrich Schillers Briefe „Über die Ästhetische Erziehung des Menschen“ bekannt? Darin beschreibt er den ästhetischen Zustand als „Harmonisierung von Sinnlichkeit und Geist“.
Jürgen Partenheimer: Es geht nicht so sehr um die Harmonisierung selbst, als um die harmonisierte Störung, eine energische Verschiebung von Harmonie, es geht um intellektuelles und imaginatives Erleben, Erkenntnis.

Schiller spricht auch vom Hervorrufen einer „mittleren Stimmung“. Bezieht er sich damit nicht vor allem auf die Betrachtung von Kunst?
Für den Betrachter geht es im besten Sinn um Ent-äußerung, um die Aufgabe einer Projektion. Diese entscheidende „inspirierende Stimmung“ entspricht eher einer Offenheit oder einer Zentriertheit, eines natürlichen Bei-Sich-Seins.

Setzt das Verständnis Ihrer Werke voraus, dass dem Rezipienten dieses Konzept bekannt ist?
Es geht nicht so sehr um ein Konzept, als eher um Haltung, die kein bestimmtes „Wissen“ voraussetzt. Es handelt sich vielmehr um ein intuitives, unverstelltes Verständnis, das jedem Menschen innewohnt, uns jedoch droht, verloren zu gehen.

Jürgen Partenheimer, Studioansicht, München 2019, Foto: Jürgen Partenheimer

Ist das bei konkreter Kunst einfacher zu vermitteln?
Die figurative Darstellung scheint in der Kunst einen unmittelbareren Zugang zu vermitteln, als das Abstrakte, Ungegenständliche. Wobei der Betrachter schnell dem Irrtum der einfacheren Lesbarkeit unterliegt, denn auch das Narrative erfährt im Bild eine Sublimierung.

So bleibt ihm die ästhetische Erfahrung nach Schiller gerade hier verwehrt?
Die Frage ist, ob er das dem Kunstwerk innewohnende Ereignis als Haltung entdeckt und erkennt, oder ob es sich ihm verschließt. Die Gefahr, durch das Gegenständliche einer verkürzten Wahrnehmung zu unterliegen ist ebenso groß, wie sich im abstrakten Bild zu verlieren.

Besteht gerade diese Gefahr nicht auch bei der Werkgruppe „100 Poets“?
Die Herausforderung einer Werkgruppe von Zeichnungen und Bildern, deren Ausgangspunkt 100 ausgesuchte Gedichte bilden, liegt in der zweifachen Empfindung. Es ist der subjektive Impuls für jedes einzelne Gedicht, der sich als wesensverwandte Empfindung mitteilt. Ein Gedicht und sein inneres Bild als Spiegelung und gleichzeitige Eröffnung für eine neue Bildvorstellung.

Jürgen Partenheimer, Studioansicht, München 2019, Foto: Jürgen Partenheimer

Was halten Sie von politischer Kunst?
Ich sehe mein Werk durchaus als politisch. Allerdings in Bezug auf den Begriff „polis“ nach Aristoteles, das heißt, der Gesellschaft zugewandt und nicht als Kommentar tagespolitischer Ereignisse.

Trifft nicht solche Kunst, die sich beispielsweise mit Geschlechter-, Herkunfts- oder Nachhaltigkeitsfragen beschäftigt, eher unseren Zeitgeist?
Zeitgenossenschaft drückt sich nicht allein im politischen Zeitgeist aus. Politische Kunst in diesem Sinne erschöpft sich möglicherweise in der Beschreibung ohne kritischen Kommentar, wobei die beschreibende Erklärung in Gefahr gerät die Magie von Zeigen und Verbergen zu verlieren. Möglicherweise beschränkt sich die Erfahrung auf die beschreibende Überprüfung und bleibt affirmativ.

Die Kunst also als bloßer Zeitzeuge?
Kunst zeigt nicht das Gesehene, sondern enthüllt das, was Geist ist, Bewegung, Spur und Energie. Das Kunstwerk zeigt uns nicht die geschaute Welt, sondern die Wahrnehmung der Erfahrung als Bild. Erst das Bild des Bildes wird zum Original, es formuliert das Maß der Empfindung als zeitlose Fiktion. 

WANN: Die Ausstellung kann noch bis zum 14.02.2020 besucht werden.
WO: In der Münchner Galerieräumen von Häusler Contemporary München, Maximilianstraße 35, 80539 München.

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