Der Knick in der Line
Fotografie von Vorbildern

10. Januar 2017 • Text von

Eine Linie muss nicht gerade verlaufen. Sie darf sich biegen, krümmen, Zacken werfen und sogar manchmal ganz schamlos einknicken. Wir sprechen nicht von Lebenslinien. Wir sprechen von der Linie als elementares Bildelement in den Werken dreier Größen der Lichtbildkunst. 

Richard Avedon, Verushka, Wrap by Giorgio de Sant‘Angelo, New York. 1972 © The Richard Avedon Foundation.

Richard Avedon, Verushka, Wrap by Giorgio de Sant‘Angelo, New York. 1972 © The Richard Avedon Foundation.

Herr Gundlach ist Gründungsvater des Hauses der Photographie in den Deichtorhallen, Fotograf, Galerist, Sammler, Lehrer und feierte im vergangenen Jahr seinen 90. Geburtstag. Zu diesem Anlass kuratiert Sabine Schnakenberg gleich zwei Ausstellungen im Haus der Photographie. Den Jahresbeginn nutzen wir, um mit einer Wucht an Fotografiekunst und dem von der Presse verteilten „Blumenstrauß“ in Ausstellungsform in das Kunstjahr einzusteigen.

George Hoyningen-Huené, 1900 – 1968ohne Titel (Miss Sonia, Kleid von Madeleine Vionnet), September 1931Silbergelatine, 15,4 x 20,1 cm© Estate George Hoyningen-HuenéSammlung F.C. Gundlach/Haus der Photographie.

George Hoyningen-Huené, 1900 – 1968ohne Titel (Miss Sonia, Kleid von Madeleine Vionnet), September 1931Silbergelatine, 15,4 x 20,1 cm© Estate George Hoyningen-HuenéSammlung F.C. Gundlach/Haus der Photographie.

Stellt sich also eingangs die Frage ob rechts oder links, links oder rechts. Wir entscheiden uns für den rechten Weg durch das Haus der Photographie und beginnen unsere Tour gegen den Uhrzeigersinn aber im Dienst der Linie. The Concept of Lines vereint in einer Ausstellung drei Fotografen des zwanzigsten Jahrhunderts amerikanischer Kultur von großem Format: Richard Avedon, George Hoyningen-Huené und Irving Penn. In 60 Werken wird ausschnittsweise das Schaffen der drei herausragenden Bildkünstler abgedeckt – abgearbeitet am Spiel mit der Linie. Porträts von Prominenz und Modefotografie bestimmen die Ausstellung, nicht umsonst taucht im Lebenslauf der Fotografen das einende Element „Vogue“ auf. Das soll uns nicht weiter stören, obwohl Promi- und Modezeitschriften ja nicht sehr gut für die Seele sind, das weiß heute jede.

Irving Penn, Girl in veiled hat (Jean Patchett), New York, 1949 © The Irving Penn Foundation.

Irving Penn, Girl in veiled hat (Jean Patchett), New York, 1949 © The Irving Penn Foundation.

Die Linie ist eine Aneinanderreihung einzelner Punkte, die wir zusammengesetzt als solche erkennen und dass der Effekt als solcher von der Beschaffenheit der Linie abhängt, ist klar: Ob die Linie gerade, kurvig, gezackt oder gar geknickt ist bestimmt die verschiedenartigen Wirkungen der jeweiligen Ursache. Unweigerlich starten wir also einen den Gang durch die Halle der Portraitierten mit dem Fokus auf der Inszenierung der Linie. Das tut der Seele eher gut. Die Linie kann klassisch gerade an einem langgebeinten Model der 50er Jahre leicht diagonal nach oben verlaufen, beruhigend mittig für Chanel in einem antiken Türbogen posierend ein kleines bisschen Frieden versprechen oder in einer blond gelegten Wasserwelle  den Ozean auf die Karte rufen. Das wären die zeitlich am weitesten zurückreichenden Modefotografien Hoyningen-Huenés. 

 Irving Penn, The Hand of Miles Davis, New York, 1949 – 1950 © The Irving Penn Foundation.


Irving Penn, The Hand of Miles Davis, New York, 1949 – 1950 © The Irving Penn Foundation.

In den berührenden Nahaufnahmen Irving Penns zeichnet die Linie das Gesicht wie die Ringe den Baum. Revolutionär intim sind die Fotografien, ohne zwangsläufig mit Nacktheit hausieren zu gehen. Keine Sorge, die ist schon auch zu finden. Richard Avedon lässt Allen Ginsberg und Peter Orlofsky blank ziehen. Wir stellen aber fest, dass weder voyeuristische Plattitüden noch Obszönität hier Platz finden. Feinfühligkeit und Eleganz in den Arbeiten mit den Porträtierten liegt in der Luft. Wenn sich Truman Capote in die Penn’sche Ecke kauert oder mit geschlossenen Augen die Brille baumeln lässt, bewandert uns so ein Gefühl. Wo sich Capote an die Linie in der Ecke zurückzieht, lehnt sich der braune Bomber Joe Louis lässig breitbeinig einfach dagegen. Psychologisch feinfühlig, so sind die Porträts des Irving Penn. Die Fotografien sind heruntergebrochen im Szenenbild, schlicht in der Aufmachung, scheinbar sehr simpel. Angefangen damit hat der Älteste im Bunde, Hoyningen-Huené. Der vom Assistenten zu einem der einflussreichsten Fotografen des Jahrhunderts aufgestiegene Amerikaner – apropos American Dream – wandte sich als einer der Ersten von einer an üppige Gemälde angelehnte Vorstellung von Fotografie ab. Seine Spuren zeichnen sich markant in den weißen Deichtorhallen ab. Das ist ziemlich schelmisch, wenn Jean Cocteau auf einem Stuhl posiert und man nicht weiß wo man hinschauen soll, obwohl mit ihm einfach nur ein Stuhl da steht. Und dann in „The Hand of Miles Davis“, denn das ist eine ganz präzise und aufgeregt ruhige Schau seines Werkzeugs. Eigentlich ist der Rundgang ein Psychogramm.

Richard Avedon, Nastassja Kinski and the serpent, Los Angeles, 1981, Printed 1982 © The Richard Avedon Foundation.

Richard Avedon, Nastassja Kinski and the serpent, Los Angeles, 1981, Printed 1982 © The Richard Avedon Foundation.

Dann geht das Spiel mit der Linie weiter bei Richard Avedon, wenn Nastassja Kinski eine umschlungene Einheit und gleichzeitig einen Linienbruch mit der Python begeht. Da bringt man die Schauspielerin noch mit einer stilvollen Vorstellung des Dschungels in Verbindung, in der sie sich wohl zu fühlen scheint. Heutzutage will sie ja verständlicherweise nur aus diesem raus. Ein paar Schritte weiter knickt die Verushka ihre langen Beine einfach hinter den hübschen Kopf. Gar nicht so richtig verwundert ist man, dass Monsieur Avedon sie einst als „the most beautiful woman in the whole world“ betitelte. Na, bei der Gelenkigkeit. Mit dem Fokus auf der Linie durch die Ausstellung zu marschieren bringt Freude, schult den Blick und macht ein bisschen demütig – ja, Instagram macht uns doch ein wenig arrogant. All die Schönheit und Prominenz wird zu einem netten Beiwerk auf der Suche nach der Ansammlung von Punkten im Bild.

Peter Keetman: Wassertropfen, c. 1956verwendet für Boehringer Ingelheim© Stiftung F.C. Gundlach

Peter Keetman: Wassertropfen, c. 1956verwendet für Boehringer Ingelheim© Stiftung F.C. Gundlach

Ganz vernachlässigt ist in diesem Text natürlich der linke Gang durch’s Haus der Photographie. Und das völlig zu unrecht, denn dort verbirgt sich das Lebenswerk Peter Keetmans unter dem Ausstellungstitel Gestaltete Welt – ein fotografisches Lebenswerk. Der Fotograf und Kriegsveteran revolutionierte die Nachkriegs- und Industriefotografie. Peter Keetman war experimenteller Fotograf, der sich, vielleicht durch den Verlust eines Beines nach dem Krieg, auf die Darstellung und Beobachtung seiner direkten Umwelt bis ins kleinste Detail konzentrierte. Experimente mit Langzeitbelichtung und dem Lichtpendel, die Zeit im Künstlerkollektiv fotoform und eines seiner bekanntesten Werke, die Serie aus dem VW-Werk in Wolfsburg machten ihn zu einem etwas anderen Industriefotografen. „Je tiefer ich fotografierend in die Materie eindringe, um so größere Welten tun sich auf“, sagt er selbst. Die trotz schwarz-weiß Fotografien sehr bunte Ausstellung findet ihr Ende in der Natur. Wer kennt nicht seine Wassertropfen. So schön.

WANN: Noch bis Mitte Februar sind beide Ausstellungen zu sehen.
WO: Haus der Photographie, Deichtorhallen Hamburg, Deichtorstraße 1 − 2, 20095 Hamburg
TIPP: Ganz cool für Sofakartoffeln ist natürlich der virtuelle Rundgang durch die Ausstellung auf flickr.

 

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