Unser täglich Konsum gib uns heute
Christian Hoosen im Kunstverein Jesteburg

3. April 2019 • Text von

Bisher konnte man den Fratzen in den Arbeiten von Christian Hoosen mit gelassener Distanz begegnen. Sie befanden sich auf der Leinwand oder standen als Plastiken im Raum. In der Ausstellung „Eure Kirche“ im Kunstverein Jesteburg katapultiert der Künstler uns jetzt mit einem raumgreifenden Konzept direkt in seinen Figurenkosmos hinein und rüttelt an den Grundwerten unserer konsumorientierten Gesellschaft.

Ausstellungsansicht Christian Hoosen: Eure Kirche“ © Kunstverein Jesteburg

Über der Tür des Kunstvereins Jesteburg hängt ein Kreuz, genau genommen Kreuzi, das lustige Kreuz“, wie es in der Werkliste heißt. Es hängt besoffen an der Wand und streckt einem mit glasigem Blick grinsend die Zunge entgegen. Auf einer kleinen Empore stehen drei Gemälde auf Lehmfüßen: Hölle und Ewigkeit“, Himmel und Demut“ und Versuchung und Sünde“. Zusammen ergeben sie ein Triptychon. Fratzenhafte Gesichter, Phallussymbole und Schokoriegelverpackungen tummeln sich auf den großformatigen Leinwänden.

Christian Hoosen kreiert mit seinen Figuren und Bildern einen Kosmos, der Geschichten erzählt, die den Betrachter mit den Abgründen und der Lächerlichkeit der eigenen Gesellschaft konfrontieren. Münder, Schnäbel, Augen und Hände, die ins Leere greifen, stehen neben weit aufgerissenen Augenpaaren. Kolorierte Karikaturen erinnern an die Neue Frankfurter Schule und lassen an den beißenden Humor von George Condo und Martin Kippenberger denken. Überall in den Ausstellungsräumen entdeckt man liturgische Bezüge – stets mit einem Augenzwinkern in Szene gesetzt.

Orgelmusik erklingt. Spätestens jetzt wähnt man sich als Besucher in der Kirche und kann sich diesem Gefühl auch nicht mehr entziehen. Nachdem Hoosen vor einiger Zeit begonnen hat, die Figuren seiner Leinwände auch als Plastiken zu bauen und sich von der Leinwand in den Raum zu bewegen, löst sich in der Ausstellung Eure Kirche“ die Grenze zwischen Werk und Betrachter nahezu auf. Hoosen bittet den Besucher in seinen Bilderkosmos hinein, indem er den Ausstellungsort als Kirche inszeniert. Er stellt ihn mit den wundersamen Wesen seiner Figuren und Plastiken auf eine Ebene, ohne zu moralisieren, mit vielen ironische Anspielungen und schwarzem Humor.

Christian Hoosen: HDK Keven, Marvin und Haftbefehl“ © Kunstverein Jesteburg

Auf einem Tisch reihen sich Devotionalien: In seiner Arbeit Dear Mr. President“ rotzt uns Hoosen mit breitem Grinsen einen Stapel ungeöffneter, geleimter Strafzettel des Polizeipräsidenten Berlin neben drei Kerzen hin, die mit Kevin“, „Marvin“ und Haftbefehl“ beschriftet sind. Aus der Werkliste erfährt man, dass der Kaufpreis der Arbeit sich auf die voraussichtliche Strafzahlung bezieht. Der Käufer vollbringt damit gleich zwei gute Taten: Er erlöst den Empfänger der Strafzettel von seinen Sünden und beschert dem Künstler eine klingelnde Kasse. Es lebe der Kapitalismus! Und die Kirche! Ganz beiläufig spielt Hoosen auf den Ablasshandel und das Erkaufen von Seelenheil an.

Über dem Tisch hängt eine Wandarbeit mit aufgeklebter Aspirin-Verpackung, die Heilung von körperlichen Gebrechen verspricht. Ist dies unser Schutzpatron, den wir bei Krankheit anbeten? So geht es munter weiter, wenn man vor der Wunschnase“-Madonna steht, die eine lange Nase und einen zerbeulten Sockel hat. Sie glotzt uns mit großen Brustaugen an und ist beschriftet mit dem Wort Hure“. Welche Schönheitsideale beten wir eigentlich an? Die Madonna auf dem Huren-Sockel mit der schönheitsoperierten Wunschnase?

Der Schutzpatron der SB-Bäcker“, eine Plastik mitten im Raum mit verzogenem und verzerrtem Gesicht, passt gut zu der Saga vom Jüngling in Zuckerguss“, der beim Naschen des Teigs und dann auch noch beim Lügen erwischt wurde. Daraufhin blieb er zur Bestrafung in der Wand stecken und wurde zu Teig, wie man in dem Text auf einer Postkarte erfährt. Diese zeigt auf der Rückseite das Antlitz von Hoosens Jüngling und ist eine schöne Anspielung auf die apokryphen Texte um das Vera Icon“, das Schweißtuch Christi. Die heilige Veronika reichte Jesus besagtes Tuch auf dem Weg zum Kreuz. Das Tuch, mit dem er sein Gesicht trocknete, wurde fortan als Reliquie verehrt.

Mit der subversiven Kritik seiner Arbeiten hinterfragt Hoosen auf humorvolle Weise, welche Grundwerte unsere Gesellschaft bestimmen und welche Werte wir für wichtig erachten. Dabei wird der Betrachter immer wieder aufgefordert, selbst individuelle Schlüsse zu ziehen. Da aber fast alle Arbeiten auch darauf angelegt sind, verkauft zu werden und somit Hoosen als Künstler von diesem System direkt profitiert, bewegt sich die Ausstellung stets auf der Grenze zwischen der Kritik von Kapitalismus, Konsum, Religion und Kunst, gerade indem der Künstler selbst die ihm zugespielte neoliberale Rolle perfekt erfüllt.

Zu diesem Konzept gehören auch das Markenlogo der Ausstellung auf gelbem Grund, die gelbe Wandfarbe in den Räumlichkeiten der Ausstellung, die das Farbkonzept fortführt und die Instagram-Seite des Künstlers. Überspitzt formuliert, nutzt der Künstler seinen Social-Media-Auftritt als verkaufsunterstützende Werbekampagne für die Ausstellung, deren Inhalt die Kritik am Konsum der Gesellschaft und am Kunstmarkt ist. Das ist ein Widerspruch. Und genau das gilt es zu demonstrieren. Als Werber trug Hoosen vor Jahren dazu bei, eine idealisierte Konsumwelt zu erschaffen, jetzt schlägt er uns als Künstler eben diese Welt um die Ohren.

Christian Hoosen: Verkaufsoffener Sonntag (Kaufhof Alexanderplatz)“ © Kunstverein Jesteburg

Seine Werktitel setzt Hoosen dramaturgisch geschickt ein, um die Widersprüche und Ambivalenz von Konsumwelt und Kirche hervorzuheben. Verkaufsoffener Sonntag (Kaufhof Alexanderplatz)“ sagt etwas Anderes aus, wenn die Arbeit für sich allein steht, als wenn sie im Umfeld dieser Ausstellung hängt. Hoosen bettet sie in den kirchlichen Kontext ein und stellt damit den verkaufsoffenen Sonntag dem kirchlichen Sonntag gegenüber, an dem man auch zum Gottesdienst in die Kirche gehen könnte. Welche der beiden Veranstaltungen wird besser besucht? Und was treibt die Menschen an, sich an Sonntagen in Kaufhäusern zu tummeln und Kirchen zu meiden?

Auch der Ausstellungsort und seine Geschichte spielen in das Konzept hinein: Zwei seiner Arbeiten inszeniert Christian Hoosen in den unteren Räumen des Kunstvereins, die die Geschichte des Gebäudes sichtbar machen: Es handelt sich um den Tresorraum der Bank, die früher einmal hier ansässig war. Durch dieses ortsspezifische Umfeld und die Inszenierung des Kunstvereins als Kirche verwebt Hoosen die Themen Kapitalismus, Konsum, Kunst und Religion nicht nur inhaltlich, sondern auch räumlich miteinander. Kapitalismus und Religion bilden bei Hoosen kein Gegensatzpaar, sondern zeigen frappierend ähnliche Züge. Und plötzlich landet man bei Walter Benjamins Kapitalismus als Religion“ und fragt sich, was eigentlich der Unterschied zwischen Religion und Kapitalismus ist. Oder sind der Kapitalismus und damit der Konsum der Ersatz für die Religion in unserer konsumorientierten Gesellschaft?

Die Schlagkraft dieser Ausstellung liegt in der rotzig-subversiven Attitüde von Hoosens Arbeiten, deren Figuren, Worte und Satzfetzen häufig böse, inkorrekt und obszön sind und in der Inszenierung des Ausstellungsortes als Kirche. In all diesen Inkorrektheiten steckt neben der tragischen Komik ein Funken Wahrheit. Und vielleicht schaut man deshalb so bereitwillig in den Spiegel, den der Künstler einem vorhält.

WANN: Am 7. April um 16 Uhr steht der Künstler in einem Artist-Talk Rede und Antwort. Die Ausstellung läuft bis zum 8. Mai 2019.
WO: Kunstverein Jesteburg, Hauptstraße 37, 21266 Jesteburg.

 

 

 

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