Narratives Flechtwerk
Oscar Enberg bei Frankfurt am Main

21. August 2017 • Text von

In der von Maurin Dietrich kuratierten Ausstellung „Der Amethyst, Die Opale, Die Agamemnon“ spinnt der diesjährige Ars-Viva Preisträger Oscar Enberg die Besucher*innen in ein endloses Netz von Geschichten. Und zeigt dabei, dass die ganz großen Storys oft im klitzekleinen beginnen.

Oscar Enberg ‚Der Amethyst, Die Opale, Die Agamemnn‘, 2017. Courtesy of the artist, Frankfurt am Main.

Zunächst einmal ist nicht viel zu sehen: In dem Projektraum „Frankfurt am Main“ tastet sich das Auge an kahlen Wänden und weißen Fliesenmosaiken entlang. Man muss den Blick schon heben, um Oscar Enbergs neuster Skulptur zu begegnen. An einem Gehstock, dessen Ende ein Schwanenkopf ziert, baumelt eine marionettenartige Konstruktion, in der ein Vogelkörper eine Frau umschlingt. Das zugleich robust wie auch zart anmutende Objekt ist der Ausgangspunkt für die Geschichte(n), die Oscar Enberg in seiner Ausstellung „Der Amethyst, Die Opale, Die Agamemnon“ erzählt. Denn bei der in den Fängen des Schwanes ausharrenden Frauenfigur handelt es sich um Leda, eine Gestalt aus der griechischen Mythologie. Die Geschichte besagt, dass Zeus sich ihr als Schwan näherte, sie vergewaltigte und schwängerte. Aus der gewaltsamen Liason geht Helena hervor, wegen der später der Trojanische Krieg ausbrechen wird.

Oscar Enberg ‚Der Amethyst, Die Opale, Die Agamemnn‘, 2017. Courtesy of the artist, Frankfurt am Main.

Die Vergewaltigung einer Frau als indirekte Ursache für einen Krieg – das ist nicht das einzige Motiv, das der Mythos birgt. Das Sujet der Frau und des Schwanes hält einen erotischen Clou bereit, da es die Darstellung weiblicher Nacktheit ohne einen männlichen Gegenpart erlaubt. Genau hier setzt Oscar Enberg an, um die Verschlungenheit zweier unterschiedlicher Geschichtsstränge offenzulegen: der des marginalisierten Körpers der Frau und der einer globalen Kriegsgeschichte. Beide Narrative fließen zusammen, verflechten sich. Das Öffentliche und das Private sind nicht mehr zu trennen.
Dies ist jedoch mitnichten die einzige Referenz, die in der Ausstellung auftaucht. Bei der Marionette handelt es sich um eine Replik von Sophie Taeuber-Arp aus dem Commedia-dell’Arte-Märchen „König Hirsch“. Der Titel der Ausstellung „ Der Amethyst, Die Opale, Die Agamemnon“ verweist auf die Anfang des 20. Jahrhunderts herausgegebenen Erotik-Zeitschriften „Der Amethyst“ und „Die Opale“.

Oscar Enberg ‚Jonkort‘, 2015. Courtesy of the artist, Frankfurt am Main.

Besonders wichtig sei ihm der Raumbezug gewesen, erklärt der aus Neuseeland stammende Künstler, der erst kürzlich den Ars-Viva Preis 2018 gewann. Er habe den Raum zugleich leeren wie auch füllen wollen. Der Verweis auf die Untrennbarkeit von Privatem und Öffentlichem spielt denn auch auf die Historie de Galerie an: In dem spartanischen Zimmer, in dem nun Kunst gezeigt wird, gingen früher Bordellkunden ein und aus. Als Besucher*in findet man sich demnach in einer Sphäre wieder, in der seit jeher Intimes mit Öffentlichem verschmilz. In seiner zweiten Skulptur nimmt Oscar Enberg die Umgebung dann direkt in die Mangel, indem er mit nahezu lustvoller Brutalität einen Korkenzieher in die Wand bohrt. Dessen Ende ziert ein aus Elfenbein und Ebenholz geschnitzten, halb entblößtes Frauenbein – und schon steckt man mittendrin in der nächsten Narration, spielen die beiden Materialien doch sowohl in der Mythologie als auch in der Esoterik eine wichtige Rolle.

Oscar Enberg ‚Der Amethyst, Die Opale, Die Agamemnn‘, 2017. Courtesy of the artist, Frankfurt am Main.

Oscar Enbergs künstlerische Strategie ist die einer Spinne, die den Betrachter in ein endlos verworrenes Netz aus unterschiedlichen Geschichten webt. Man hängt fest, kann sich nicht befreien und mit jedem Atemzug kommt ein weiterer Faden hinzu. Alles bedingt sich, jede Faser stellt eine Verbindung zur nächsten her. Und genau hier liegt das politische Potenzial einer Ausstellung verborgen, die von mythologischen Sagen und Sexheftchen ausgeht: Die großen Geschichten, die von unsäglicher Gewalt, Krieg und Terror handeln, nehmen ihren Ausgangspunkt im Kleinen. Von dort aus wuchern sie beständig in die globale Welt hinauf. Die Brutalität des aktuellen Weltgeschehens lässt sich in seiner Komplexität unmöglich entschlüsseln. Und doch spürt man, wenn man sich langsam in Richtung des Ursprungs tastet, dass es irgendwo, irgendwann einmal begonnen haben muss. Die Frage, wer den Stein zuerst geworfen hat, wird in der Ausstellung nicht beantwortet. Gute Geschichten haben ein offenes Ende.

WANN: Die Ausstellung läuft noch bis zum 10. September 2017. Nachlesen dürft ihr hier.
WO: Frankfurt am Main, Wildenbruchstraße 15, 12045 Berlin.

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