Ein weisses Haus für junge Kunst

10. Januar 2016 • Text von

Genau 400 Künstler hat das weisse haus in seiner Laufzeit von acht Jahren schon beherbergt. Der wandernde Kunstverein, welcher bereits zum sechsten Mal seinen Standort wechselte, zählt mit seiner einzigartigen Idee und Konzeption zu einer der innovativsten Vereinigungen, die Wien in Sachen Kunst zu bieten hat. 

Wir haben mit Gründerin und Kuratorin Alexandra Grausam über die Idee hinter das weisse haus, Tiefpunkte und Bonuszuckerl ihrer Karriere gesprochen.
Außerdem bekommen wir einen kleinen Einblick mit was für einem Programm der Verein 2016 startet und das neue Kunstjahr begrüßt.

Aldo Giannotti, Postkarte das weisse haus

Aldo Giannotti, Postkarte das weisse haus

gallerytalk.net: Das weisse haus hat sich auf die „Präsentation und Förderung von junger Kunst spezialisiert – und zwar an Orten, die ursprünglich nicht für diesen Zweck geschaffen worden sind und ist mit dem Grundgedanken gegründet worden, junge KünstlerInnen zu unterstützen. Nun sind schon acht Jahre vergangen – habt ihr die Pläne wie vorgestellt verwirklichen können?
Zu Beginn war es so, dass uns der erste Ort, der von uns bespielt wurde, fix zugesagt war. Zusätzlich war es geplant, als Satelliten bezeichnete Orte hinzuzunehmen – lustige Orte, an denen zeitweise Projekte auswärts und nicht in unserem Hauptstandort realisiert werden sollten. Doch ungefähr drei Wochen nach der Eröffnung hat der damalige Hauseigentümer offenbart, dass das Haus bereits verkauft wurde, obwohl er das Projekt mitgestaltet hat. Dadurch kam es zu einer Wende. Zwar hatten wir auch mit dem neuen Besitzer die Abmachung, das Jahr dort ausstellen zu dürfen, aber dennoch gab es ein Ablaufdatum.

War das dann der Auslöser der Idee des Wanderns?
Genau. Die Idee, dass der Kunstverein an sich, in seiner ganzen Struktur immerzu wandert, war ursprünglich nicht vorgesehen, ist aus der Not heraus entstanden, aber auch aus der Not heraus geblieben. Das hatte und hat natürlich auch einen finanziellen Hintergrund, es ist nicht nur das Entdecken spezieller Orte oder gar mein Interesse an leerstehenden Räumen.

Und inhaltlich?
Auch inhaltlich hat sich einiges an den Ausstellungen geändert. Anfangs gab es eine Ausschreibung und wir haben uns auf 10 KünstlerInnen geeinigt, mit denen wir im ersten Jahr fix zusammengearbeitet haben. Allerdings mussten wir feststellen, dass sich dadurch viele Blockaden auftaten, weshalb wir uns in dieser Hinsicht sehr geöffnet haben. Wir haben angefangen KünstlerInnen, die uns während des Jahrs unterkamen, anzufragen. Schlussendlich habe ich auch externe KuratorInnen eingeladen, Projekte in unseren Räumlichkeiten zu realisieren. 2013 habe ich dann noch zusätzlich das ’studio das weisse haus‘ – Atelier- und Residence-Programm eröffnet. Das heißt, mit der Umsetzung klappt es schon, die junge Kunst ist auch geblieben. Wobei ich natürlich nicht sagen kann, wo jung anfängt und jung aufhört.

Also vertretet ihr auch „ältere“ KünstlerInnen, die aber noch nicht so etabliert sind?
Oh ja, die KünstlerInnen der letzten und auch kommenden Ausstellungen sind aber sehr wohl etabliert. Ich versuche, das stets zu mischen.

Die KünstlerInnen müssen also nicht speziell in Österreich wohnen oder aus Österreich kommen?
Ganz im Gegenteil. Ich habe so einen Rhythmus, ungefähr alle drei Jahre eine Ausschreibung zu machen. Bei der letzten kam sicher die Hälfte der Bewerbungen aus Deutschland. Und natürlich ist es auch so, hatte jemand schon einmal eine Einzelausstellung im weissen haus wird es für eine erneute Ausstellung wieder eine Weile dauern. Und oft leben internationale KünstlerInnen temporär in Wien, während ich sie ausstelle.

Anuk Miladinovic, Ausschnitt Sollbruchstelle Courtesy of the artist

Anuk Miladinovic, parting, dedicated to RM, 2015

Einzelausstellungen sind dann alleine oder zu zweit?
Im Grunde genommen versuche ich es immer zu kombinieren, sprich zwei KünstlerInnen zu verbinden. Das war auch immer schon so. Auch die vergangene Ausstellung ‚DIS-ORDNUNG – Poesie des Wucherns I‘ wurde kombiniert. Im Grunde waren es zwei Einzelausstellungen der Künstlerinnen Birgit Knoechl und Simona Koch, die aber synergetisch funktioniert haben, auch weil die Künstlerinnen gerne zusammenarbeiten und das Thema in beiden Arbeiten vorkommt. Die nächsten Ausstellungen im Februar 2016 hingegen werden ganz gegensätzlich sein.

Sie müssen sich also nicht unbedingt ergänzen?
Gar nicht, nein.

das weisse haus, Standort Hegelgasse © Anna Möslinger

das weisse haus, Standort Hegelgasse
© Anna Möslinger

Der Raum hier in der Hegelgasse ist jetzt schon der sechste Standort. Wann kommt es zu einem Ortswechsel?
Eigentlich immer dann, wenn der Bedarf nach einem neuen Ort besteht, weil der Hauseigentümer entscheidet, das Haus wird umgebaut oder abgerissen. In der Geigergasse war es beispielsweise so, dass die Örtlichkeiten an die Volkshilfe übergeben wurden. Die Gründe für einen Ortswechsel sind ganz unterschiedlich.

Und wie schaut es mit den Satelliten aus?
Die Satelliten haben wir in der ursprünglichen Idee gar nicht mehr. Wir haben festgestellt, dass es für die BesucherInnen zu verwirrend ist; diese sich fragten wo das weisse haus jetzt sei oder ob es sich um einen neuen Standort handelt. Satelliten nennen wir jetzt Projekte, die im Ausland realisiert werden, wie wir es in Basel, Berlin oder Moskau bereits gemacht haben.

Deine Pläne für 2016? Ich habe gesehen, es kommen Einzelausstellungen von Anuk Miladinovic und Maria Anwander? Was kann man sich erwarten, worauf kann man sich freuen?
Genau. Wir beginnen im Jänner mit einer Buchpräsentation von Silvester Stöger, in Kombination mit einem Konzert und ein paar seiner grafischen Arbeiten. Das ist recht angenehm, da es für unsere kleine Struktur ein bisschen leichter ist, nach den wenig freien Tagen im Dezember mit einem kleinen Projekt ins neue Jahr zu starten. Daher geht es dann erst im Februar mit unseren zwei Einzelausstellungen richtig los.

Buchcover Silvester Stöger, Courtesy of the artist

Buchcover Silvester Stöger, Courtesy of the artist

Die nächste Ausstellung, wieder zwei Frauen – legst du einen Fokus auf Kunst von Frauen?
Nein, nicht direkt. Wobei ich immer darauf achte, dass eine gerechte Geschlechterverteilung da ist. Ich kann mich aber erinnern, dass es Zeiten gab, wo sehr viele starke, männliche Personen eingereicht haben. Derzeit ist es so, dass mir persönlich viele Arbeiten von weiblichen Künstlerinnen sehr gut gefallen. Das wiederholt sich gerade sehr, es wird sich aber wieder ändern.

Also schaust du, wer beziehungsweise was dir am meisten zusagt und wählst danach die KünstlerInnen aus?
Ja genau, obwohl ich es natürlich immer schön finde, Frauen auszustellen. Die kommenden Einzelausstellungen sind im Gegensatz zu ‚DIS-ORDNUNG – Poesie des Wucherns I‘ sehr unterschiedlich. Maria Anwander arbeitet sehr konzeptuell, Anuk Miladinovic zeigt beeindruckende Videoarbeiten. Das wird sehr verschieden, und die Unterschiede wollen wir auch in unseren Räumlichkeiten behandeln. Man soll in zwei unabhängig voneinander existierende Ausstellungen eintauchen.

Maria Anwander, Neon Courtesy of the artist

Maria Anwander, Neon
Courtesy of the artist

Was waren bis jetzt Tiefpunkte in deiner Karriere?
Kleinere Tiefpunkte gibt’s laufend. Aber die wirklichen Tiefpunkte waren damals, als das Haus gerade eröffnet hatte und uns mitgeteilt wurde, dass es verkauft wird. Da haben wir uns erst einmal die Frage stellen müssen, ob wir das denn überhaupt noch weiter machen. Wir hatten zwar gerade erst gestartet, aber auch nicht genügend Geld, um uns etwas anderes zu suchen. Da hat uns die Ausschreibung gerettet, denn allen 10 KünstlerInnen hatten wir bereits zugesagt. Wir hatten einen fixen Zeitplan, etwas, was mir selbst heutzutage fast nicht gelingt. Ich weiß nicht, ob es das weisse haus noch gäbe, hätten wir zwei Wochen früher von dem Verkauf des Hauses erfahren.
Auch in letzter Zeit war es schwierig, für das ’studio das weisse Haus‘-Programm einen Ort zu finden, vor allem aufgrund der politischen Situation. Die Gebäude, die von uns bespielt wurden, bieten jetzt Unterkünfte für Flüchtlinge, was auch sehr gut ist. Aber ich freue mich, falls alles gut geht, unterschreiben wir nächste Woche einen Vertrag und haben ab 2016 wieder einen Ort.
Das Ganze kostet viel Kraft und Energie. Schwierigkeiten hab ich jedoch am Meisten mit defizitär-menschlichem Verhalten. Es ist manchmal nicht einfach, problemlos mit KünstlerInnen oder auch StudentInnen auszukommen. Das ist etwas, wo ich emotional werde und das teilweise sehr schwierig finde.

Und Höhepunkte? Worüber bist du besonders glücklich?
Da gibt es manchmal Ausstellungen, die anfangs unglaublich schwer umsetzbar erscheinen. Wenn sich dann aber doch alles fügt und dann auch noch alles gut aufgeht, wie es beispielsweise mit der dänischen Künstlergruppe AVPD war, dann freut mich das natürlich enorm. Normalerweise machen AVPD riesige Installationen und können auf ein großes Budget zurückgreifen. 2011 haben sie sich jedoch darauf eingelassen, mit sehr geringem Budget und einfachen Mitteln eine sehr gute Ausstellung für das weisse haus zusammenzustellen.
Oder war ein Höhepunkt, zu einer Zeit wo alles in der Schwebe, ein Anruf von einer Journalistin der New York Times, die angefragt hat, ob sie nicht über uns schreiben könne. Da denkt man sich dann schon hey – wir wurschteln da nicht nur für uns herum, sondern andere nehmen das, was wir tun, auch wahr. Das sind dann schon Bonuszuckerl, über die ich mich sehr freue.

Alexandra Grausam und Team ©Anna Möslinger

Alexandra Grausam und Team
©Anna Möslinger

Mit welchen 5 Wörtern würdest du dich selbst beschreiben?
Mama. Vielleicht, weil ich auf der einen Seite Mama von zwei Kindern bin, aber das Wort passt auch, weil die KünstlerInnen jung bleiben und ich immer älter werde. Manchmal liegen schon 20 Jahre zwischen uns. Auch sind Ansichten teilweise recht verschieden, was eine Mama eben ausmacht.
MaterialFetischistin – mich interessiert es irrsinnig, wenn jemand sich mit dem Material, mit dem er arbeitet, gut auseinandersetzt, es bis an seine Grenzen treibt.
Interessiert und gleichzeitig zeitlich stark limitiert, weil ich oft nicht so viel Zeit für all die Dinge habe, die ich gerne machen würde.
Außerdem habe ich ein starkes Durchhaltevermögen. Ich glaube, das ist der Grund, warum es das weisse haus nach acht Jahren immer noch gibt. Viele Projekte starten ähnlich, schließen aber nach drei Jahren wieder.
Ich glaube, dass ich immer versuche, lösungsorientiert zu handeln und weiterzumachen. Und nicht aufgeben will, warum auch immer.

WANN: 12.2. – 02.04.2016 Maria Anwander / Anuk Miladinovic. Die Eröffnung findet am 11.02.2016 statt.
WO: das weisse haus, Hegelgasse 14 (Souterrain), 1010 Wien

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