Digitalität und Skulptur
48 Stunden Hedi Xandt

5. April 2018 • Text von

Wann wird eine digitale Datei zum Objekt und muss sie das überhaupt? Funktioniert ein Kunstwerk allein durch seine Materialität? Diesen Spannungsverhältnissen und Bedeutungsebenen geht der Künstler Hedi Xandt nach, indem er Motive des allgemeinen Kulturkanons mit kreativer Substanz verbindet.

Hedi Xandt, Beyond Poesia (Stills aus Video) 1920 x 1200 px, 2:30 min, 2018

Hedi Xandt, Beyond Poesia (Still aus Video), 1920 x 1200 px, 2:30 min, 2018

Als Künstler ist der studierte Kommunikations- und Produktdesigner interdisziplinär tätig und sowohl in den Bereichen von Skulptur, Video, und Installation beheimatet. Neben seiner künstlerischen Arbeit verantwortet Hedi Xandt als Creative Director Visualisierung, Illustration, Layout und Texte des TUSH Magazines. Für das Zwickl Apartment im Lovelace hat er in Kooperation mit der Paulaner Brauerei München eine 48-Stunden-Ausstellung konzipiert, die ab heute zu sehen ist. 

gallerytalk.net: Normalerweise zeigst du deine Arbeiten nicht in öffentlichen Ausstellungen. Woher kommt dieser Impuls?
Hedi Xandt: Mir geht es dabei um Kontrolle, vor allem des Kontextes. Gerade bei den Skulpturen steht nicht – wie zuerst zu vermuten – das Material, sondern deren Effekt im Vordergrund. Die Atmosphäre, die ein Objekt umgibt, soll sich auch auf den Ausstellungsort übertragen. Diese Erfahrung von Raum und Werk ist im klassischen Galeriekontext oder White Cube leider nicht immer herzustellen.

Hedi Xandt, Beyond Poesia (Still aus Video), 1920 x 1200 px, 2:30 min, 2018

Wieso hast du im Fall des Zwickl Apartments eine Ausnahme gemacht?
Ich bespiele gerne außergewöhnliche Orte, meistens sind dies Offspaces. Aber ich habe auch schon einmal Arbeiten in einem alten Palazzo gezeigt. Die Idee hinter der aktuellen Ausstellung war es, sich die Hotelsituation durch eine Videoinstallation anzueignen. Ich arbeite oft mit digitalen Skulpturen. Die für das Lovelace angefertigte Arbeit werde ich auf dem Fernseher in einem der Zimmer abspielen. Hier erwartet man die Präsentation eines Kunstwerks eher weniger. Dabei geht es mir auch um den ästhetischen Bruch zwischen Entertainment und Kunst.

Wie setzt du die Installation technisch um?
Der Video-Loop ist die Erweiterung einer kleinen Schau, die ich letztes Jahr in privatem Rahmen in Venedig gegeben habe. Das war eine Art Salon nur für Sammler und Freunde. Dort habe ich in einem alten Palazzo mit vielen kleinen Räumen Videos installiert. Dazu wurden live Gedichte vorgetragen. Diese Arbeit habe ich für das Lovelace adaptiert. Hier zeige ich einen neuen Mix von Motiven in digitaler Form als Video. Dazu wird ein Gedicht als Untertitel eingeblendet, wie man es in einem Film erwarten würde.

Hedi Xandt, Beyond Poesia (Still aus Video), 1920 x 1200 px, 2:30 min, 2018

In vielen deiner Kunstwerke spielst du mit Referenzen zur sakralen und zur antiken Kunst. Ist das für dich ein ästhetisches oder eher ein inhaltliches Statement?
Wie eine Oberfläche, die auch immer viel über die Substanz aussagt, führt die ästhetische Aussage automatisch zu einer inhaltlichen Erfahrung. Ich verwende beispielsweise oft Gold als Material. Mich interessiert, wie dieser Rohstoff eine Begierde unabhängig vom Kunstwerk auslöst und die Arbeiten aufgrund ihrer äußeren Ästhetik eine götzenhafte Anbetung erfahren.

Welche Rolle spielt dabei die Digitalität?
Durch Digitalität kann ich den Schein von Materialität erzeugen. Ich schaffe zwar auch reale Skulpturen. Viele meiner Arbeiten sind jedoch 3D-Modelle, die auf Abbildungen täuschend echt wirken, in Wirklichkeit aber gar nicht existierten. Das verstärkt nur den von mir intendierten Effekt. Es macht die Figur noch gottgleicher. Die Begierde nach dem Besitz kann nicht befriedigt werden, weil die Skulptur physisch nicht existiert. Vergleichbar mit der Unerreichbarkeit eines Gottes.

Hedi Xandt, A King’s Bed 2500 x 1400 x 1200 mm Bronzeguss auf menschlichen Überresten, in Marmor eingebettet Konzeptentwurf für ein Grabmal, 2015

Hedi Xandt, A King’s Bed, 2500 x 1400 x 1200 mm, Bronzeguss auf menschlichen Überresten, in Marmor eingebettet, Konzeptentwurf für ein Grabmal, 2015

Greifst du diese Ästhetik auch in deinem Video auf?
Die Arbeit selbst dreht sich unverkennbar um Symbole. Es werden Gesten und Objekte gezeigt. In dem Video ist ein Schädel zu sehen, der mit Nägeln besetzt ist. Diese Form der Aneignung kommt eher aus dem afrikanischen Kulturraum. Ich verwende auch eine Venus, die stark an die Venus von Willendorf erinnert. Die unterschiedlichen Bedeutungsebenen müssen sich dem Betrachter zwar nicht zwangsläufig erschließen. Je nach dem Grad des Vorwissens des Rezipienten machen sie für mich aber die Spannung in den Werken aus.

Spielen die betenden Hände eine besondere Rolle in der Arbeit?
Die betenden Hände sind natürlich ein bekanntes Motiv, das vor allem als Entwurf von Dürer in der Populärkultur bekannt ist und eigentlich nur noch wenig Spannung erzeugt. Ich habe meine Hände um jeweils einen Finger ergänzt, um diese Banalität zu brechen. Gleichzeitig hat Polydactylie eine vielschichtige Symbolwirkung – als genetische Abnormalität steht sie in manchen Kulturen für göttlichkeit, in anderen wiederum für dämonische Besessenheit und ganz woanders werden sie als medizinische Zutat abgehackt. Bei uns wird der sechsten Finger zumeist im Säuglingsalter als Malel entfernt. Das sagt, für sich genommen, schon viel über unseren Pragmatismus aus. 

Hedi Xandt, Johann Wolfgang von Maus (Totenmaske), Digitale Skulptur, 2018

Du greifst popkulturelle Motive auf und arbeitest für das TUSH Magazine. Wie wichtig ist dir die breite Vermittlung von Kunst und Design?
Auch hier gibt es Themen, die sich immer wieder überschneiden, wie Wahrnehmung, Illusion und Schönheit. Als Sammler beschäftige ich mich selbst viel mit Kunst und der Arbeit anderer und setze das insbesondere für das Magazin in Kontext. Aktuell schreibe ich vor allem Special Features über Künstler und Wissenschaftler. Dabei stelle ich vermehrt Entwicklungen in den Vordergrund, die meine eigene Arbeit tangieren und dessen Anwendung auch für den Alltag des Menschen relevant sind.

WANN: Die Ausstellung ist heute ab 14 Uhr zu sehen. Ab 19 Uhr findet eine Party mit dem DJ Tobi Neumann statt, zu der ihr euch unter zwicklapartment@paulaner.de anmelden könnt.
WO: Im Zwickl Apartment des Lovelace Hotel, Kardinal-Faulhaber-Straße 1, 80333 München.

Dieser Artikel entstand in freundlicher Zusammenarbeit mit der Paulaner Brauerei München.

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