Berliner Kunstgriff
27.09. - 03.10.16

27. September 2016 • Text von

Angesichts des um 19 Uhr düster werdenden Himmels ist die Festivalstimmung dieses Jahr definitiv passé. Dachten wir zumindest. Bis wir dank einer kleinen Recherche auf zwei großartige Nachzügler gestoßen sind. Alles Indoor versteht sich.

Von 1972 bis 1980 verfasste Peter Weiss seine „Ästhetik des Widerstands“, einen knapp 1000 seitigen Roman, in dem er die historischen und gesellschaftlichen Erfahrungen sowie die ästhetischen und politischen Erkenntnisse der kommunistischen Arbeiterbewegung in ihrem Widerstand gegen den Faschismus in den 30er und 40er Jahren festhält. Anlässlich des 100. Geburtstages des Autors, Filmemachers und Künstlers lädt das HAU – Hebbel am Ufer nun zu einem zehntägigen Festival ein, bei dem die Aktualität von Weiss historischem Mammutwerk vor dem Hintergrund derzeitiger gesellschaftlicher Entwicklungen verhandelt wird. Wie hoch ist das Widerstandspotenzial des Einzelnen? Wie kann gegenwärtigen nationalistischen Strömungen getrotzt werden? Was bedeutet der Begriff „Widerstand“ in unserem heutigen Zeitalter überhaupt? Neben einer mehrtägigen Lesung aus dem Schlüsselwerk stehen fünf extra für das Festival in Auftrag gegebene Theaterproduktionen, eine Reihe zur „Wiederkehr des europäischen Faschismus“, Filmsichtungen und die Ausstellung „Space Refugee“ des Künstlers Halil Altındere im n.b.k. Auf dem Programm. Köpfchen anschalten und mit verhandeln!

WANN: Das Festival findet vom 28. September bis zum 8. Oktober statt. Alle wichtigen Info’s gibt’s hier.
WO: Verschiedene Spielstätten. Genaueres steht auf der Webseite.

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Dmitry Lookianov „Instant Tomorrow 06“, 2014 © Dmitry Lookianov.

Thematisch ganz andere Wege schlagen wir dann am Donnerstag ein, an dem bei C/O die Eröffnung des EMOP zelebriert wird. Bei wem jetzt ein dickes Fragezeichen auf der Stirn leuchtet, dem sei hiermit auf die Sprünge geholfen: Das Kürzel steht für „European Month of Photography“, eine Veranstaltung, unter deren Deckmantel sich vom 29. September bis zum 31. Oktober alles um Fotos, Fotos und nochmal Fotos dreht. Das von der Kulturprojekte Berlin GmbH organisierte Festival, zu dem sich jedes Jahr Museen, Kulturinstitutionen und Galerien aus Berlin und Potsdam bewerben können, lockt mit einem üppigen Ausstellungs- und Eventprogramm, das sich in über 120 verschiedenen Spielstätten zuträgt. Vom 29. September bis zum 2. Oktober lädt C/O jedoch zunächst einmal zu den „Opening Days“ – sozusagen dem Warm-Up für das Festival – ein, bei dem in Panels, Vorträgen und Talks über die Rolle des Bildes und der Fotografie im digitalen Zeitalter diskutiert wird. Teil des viertägigen Openings sind auch die Book Days, bei denen 30 internationale Verlage ihre neusten Publikationen vorstellen. Heißt für uns: Erst auf der Eröffnungsparty einen Cocktail schlürfen, danach vielleicht einen neuen Schmöker für den Coffee Table abgreifen. Dufte!

WANN: Die Eröffnung des EMOP findet am Donnerstag, den 29. September, ab 19 Uhr, statt. Nachlesen dürft ihr hier.
WO: C/O Berlin, Hardenbergstraße 19, 10623 Berlin.

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Alexandre Haefeli „The Company of Men“. Courtesy: the artist, The Ballery.

Logisch, dass ihr den ersten Tipp für den EMOP gleich von uns mitgeliefert bekommt. Wir wollen schließlich nicht, dass sich angesichts des fülligen Programms ein Gefühl akuter Überforderung einstellt. „The Company of Men“ lautet der Titel der mehrfach ausgezeichneten Serie des Fotografen Alexandre Haefeli, in der dieser die Grenzen männlicher Aktfotografie auslotet. Die Subjekte in Haefelis Arbeiten wirken mal nahbar und verletzlich, mal verführerisch und kühn: Zwei junge Männer berühren sich zaghaft und teilen den Blick aufs Meer, ein anderes Mal schiebt sich jemand mit lasziver Geste zwei Finger in den Mund. Der Betrachter ist nicht mehr nur Betrachter, er ist Voyeur. Und wird dazu aufgefordert Haefelis Spiel mit erotischen Männlichkeitsrepräsentationen in aller Konsequenz mitzuspielen. Bei „The Compay of Men“ handelt es sich im Übrigen um die Abschlussarbeit des beeindruckend jungen Nachwuchsfotografen – wir sind gespannt auf mehr!

WANN: Die Eröffnung findet am Freitag, den 30. September, um 18 Uhr, statt. Infos findet ihr hier.
WO: The Ballery, Nollendorfstraße 11-12, 10777 Berlin.

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Tom Anholt „Fairytale“. Courtesy: EIGEN + ART Lab & the artist. Photo: Gunter Lepowski.

 

Zu guter Letzt steigen wir aus dem Festivalhimmel herab und wenden uns wieder dem klassischen Ausstellungsrundgang zu: Diesen Freitag im EIGEN + ART Lab, wo Tom Anholts Ausstellung „INSIDE OUT“ eröffnet. Steht man vor dessen Malereien, so muss man erst einmal die Augen zusammenkneifen: Mitten drin in überquellenden Wald- und Wiesenlandschaften findet sich plötzlich eine Gruppe Menschen auf einer Lichtung zusammen, schleicht ein Tier geduckt durchs Dickicht. Ein anderes Mal wieder sind es Ritterburgen oder altertümlich anmutende Tongefäße, die den Kompositionen entwachsen; man fragt sich zwangsläufig, was es damit auf sich hat. Doch nicht nur die Ob- und Subjekte, die Anholts Malereien bevölkern, sondern auch die Farbintensität der Bilder ist bemerkenswert. Schattig blaue Bäume brechen aus ziegelroter Erde hervor, ein Gebäude verschmilzt auf eigenartige Weise mit dem Hintergrund. So ganz genau weiß man deshalb nie, was hier Dach oder Acker, was Tier oder Topf sein soll. Und das muss man auch nicht.

WANN: Die Eröffnung findet am Freitag, den 30. September, von 17 bis 21 Uhr, statt. Nachlesen? Bitteschön.
WO: Da es sich bei der Ausstellung um eine Satellitenschau handelt, bitte nicht bei EIGEN + ART Lab, sondern im Pankow Park, Lessingstraße 79, 13158 Berlin einfinden.

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