Klickt das!
Fünf wirklich gute Online-Ausstellungen

11. Mai 2020 • Text von

Wenn wir in den vergangenen Wochen eins gelernt haben, dann das: Online-Ausstellungen brauchen Zeit. Das gilt einerseits für die Konzeption – einfach mal ein paar Bilder ins Web pusten wirkt uninspiriert und faul – aber eben auch für die Rezeption. Unser Klickverhalten ist der Feind eines jeden Contents. Wer im Internet Aufmerksamkeit nicht nur erregen, sondern auch halten will, kämpft stetig gegen den Nutzer*innen-Impuls, einfach das olle Tab zu schließen.

isthisit? „FLOW OUT“, EPOCH „End Demo“, CFA and Damien & The Love Guru „Global Cows“, Anna Ehrenstein, Ortamiklos, Laurent Allard. Collage: gallerytalk.net.

Mal ehrlich, oft gelingt es uns doch nicht mal, einem Film zu folgen, ohne gleichzeitig mit dem Daumen das Smartphone-Display zu navigieren. Mir jedenfalls geht es so. Und das stellt mich vor ein Dilemma. Einerseits finde ich Kunst im Digitalen wahnsinnig ansprechend – ästhetisch wie konzeptionell. Andererseits will es mir kaum gelingen, mich mit ihr zu befassen, weil ich dann eben doch noch ein Lied zur Spotify-Playlist hinzufüge, eine Mail beantworte oder zum x-ten Mal die genaue Timeline der Pizza-Gate-Verschwörung durchexerziere. Gute Online-Ausstellungen lassen sich nicht auf einen Blick erfassen.

Deswegen vorab: Ich bin keine Expertin. Wenn ihr von einem Experten über Online-Ausstellungen informiert werden wollt, lest mein Interview mit Bob Bicknell-Knight, der kennt sich wirklich aus. Falls ihr aber wie ich einfach Lust habt, euch mal ein paar Online-Projekte reinzufahren: Be my guests! Diese hier sind auf ganz unterschiedliche Weise alle wirklich gut:

Zu sehen ist die Online-Ausstellung "FLOW OUT" mit Arbeiten von Ye Funa und dem Istanbul Queer Art Collective. Im Hintergrund ist ein Garten zu sehen, darauf sind verschiedene Video-Player, ein Text und ein Gif montiert.

Screenshot der Online-Ausstellung „FLOW OUT“, kuratiert vom Collective Çukurcuma (Naz Cuguoğlu, Mine Kaplangı) mit Arbeiten von Ye Funa und dem Istanbul Queer Art Collective. Abrufbar über die Plattform isthisit?.

isthisit?: „FLOW OUT“

„FLOW OUT“ sieht aus, wie sich Internet anfühlt: Gifs, Games, Slider, Text-Dateien und Youtube-Player. Erstmals im vergangenen Jahr in der Istanbuler Galerie Bilsart gezeigt, hat die Ausstellung der chinesischen Künstlerin Ye Funa und dem Istanbul Queer Art Collective ihren Weg ins Digitale gefunden. Auf der Plattform „isthisit?“ ist sie nun online zugänglich. Herzstück der Show ist Ye Funas Video „flying dance“. Es ist eine Liebesgeschichte, zu weiten Teilen erzählt mit Bildern aus „Die Sims“, in der eine Fastfood-Kette eine entscheidende Rolle spielt, Online-Dating zum fetten Newsskandal wird und Klischees mit Disney-Figuren illustriert werden. Im Hintergrund ein Garten, drunter fließt ein Bach, links blinken Blumen. Inhalte wollen online in passendem Umfeld präsentiert werden, damit sicher Nutzer*innen von diesem zu jenem klicken und am Ende auf ungesunde Bildschirmzeiten pro Tag kommen. „FLOW OUT“ macht da alles richtig.

Ansicht der Online-Ausstellung "End Demo" der EPOCH gallery. Zu sehen ist eine Art weiße Insel mit Arbeiten von Kara Joslyn und Emanuel Röhss. Im Hintergrund zeichnet sich eine Skyline ab.

Screenshot: EPOCH „End Demo“, April 25 – May 29, 2020. Kunstwerke: Kara Joslyn „Toucan“, 2016; Kara Joslyn „Emotionally Hardcore“, 2019; Emanuel Röhss „The Shape of Fiction (Meereen)“, 2018-2020.

Epoch Gallery: „End Demo“

Ein Haufen White-Cube-Schrott treibt im Meer – ein bisschen Insel, ein bisschen Eisscholle, ein bisschen Museumswand. Das ist das Startbild von „End Demo“. Die virtuelle Epoch Gallery hat ihre Online-Ausstellung zum Erkundungs-Game gemacht. Man braucht ein bisschen, um sich auf Navigation und Speed der Seite einzustellen, doch dann lässt sich die weiße Trümmerkulisse eigentlich sehr smooth durchkämmen. Manche Arbeiten sind sofort zu erkennen, manche muss man suchen. Kaum hat man alles einmal durchgeklickt, vergeht einem die Lust – eigentlich perfekt, die Show scheint in genau dem richtigen Umfang konzipiert zu sein. Wer ein bisschen Explorer in sich hat, bleibt dran. Die Arbeiten von Jessica Goehring, Kara Joslyn, Jake Kean Mayman & Co. kommen gut zur Geltung. Wem die Auflösung nicht genügt, der findet alle Werke noch einmal in einem PDF-Dokument zusammengestellt. Es kann sich lohnen, einer Ausstellung eine eigene Welt zu bauen – sei es nur eine kleine Insel. Ein Raum, den es in echt nicht gibt, hat das Potenzial ein Raum zu werden, in dem man sich digital gern aufhält.

Ansicht der Online-Ausstellung "Global Cows". Im Hintergrund eins der beiden Online-Fresken in Schwarz-Weiß. Sichtbar sind die Navigation sowie ein Pop-up-Fenster.

Screenshot der Online-Ausstellung „Global Cows“ von Vanessa Disler, Tiziana La Melia, Nina Royle, Lucy Stein und Charlott Weise. Courtesy of the artists, CFA and Damien & The Love Guru.

Damien & The Love Guru & Conceptual Fine Arts: „Global Cows“

„There are times of urgencies that need stories“ – das Zitat von Donna Haraway ist dem zweiten Kapitel der Ausstellung „Global Cows“ vorangestellt. Wer Storytelling in der Kunst liebt, wird bei der Kooperation der Brüsseler Galerie Damien & the Love Guru und der Online-Plattform Conceptual Fine Arts auf seine Kosten kommen. Zwei digitale Fresken, ein Tag- und ein Nacht-Fresko, wollen erkundet werden. Die Bilder selbst werden dabei zu Landkarten einer Erzählung, die sich per Klick auf Schmetterlinge und Steinobjekte entfaltet. Puzzleteil für Puzzleteil erzählt „Global Cows“ eine mystische Geschichte von ägyptischen Göttinnen, dem Ursprung des Impfens, Hormonen, Muttermilch und einer Begegnung mit Pan. Bilder, Text und Audio verschmelzen zu einer Einheit, die gleichzeitig prozesshaft und abgeschlossen wirkt. Hier ist seitens der Rezipient*innen ein besonderes Maß an Aufmerksamkeit und Engagement gefordert. Zugang zur Kunst hat nur, wer sich aktiv um sie bemüht. Etwas anstrengend, vielleicht etwas verkopft, doch es gelingt den Macher*innen des Formats, nicht nur auszustellen, sondern das Ausgestellte auch erlebbar zu machen.

Zu sehen ist eine Online-Ausstellung der ON/OFF Gallery. Ein großer Raum mit zwei Ebenen, im Hintergrund vor allem Malerei in Pastelltönen, im Fordergrund zwei Skulpturen.

Screenshot der Online-Ausstellung „Dix-sept murs & une fenêtre“ der ON/OFF Gallery. Arbeiten von Baptiste Caccia, Isabelle Cornaro, Côme Clérino, Hugo Servanin und Messgewand (v.l.).

ON/OFF Gallery: „Dix-sept murs & une fenêtre“

Per Pfeiltasten navigieren sich User*innen durch die digitalen Räume der ON/OFF Gallery, die in Anbetracht der Umstände eigens ins Leben gerufen wurde. Das Beste an der Ausstellung „Dix-sept murs & une fenêtre“? Die Arbeiten, die es zu sehen gibt sind echte Hingucker: ein denkbar dekorativer Keramik-Pool von Côme Clérino, ein violetter Diwan des Duos OrtaMiklos oder ein gut bestückter Inquisitor von Laurent Allard. Alles an der ON/OFF Gallery ist wahnsinnig geschmackvoll (sofern man es pastellig mag) und so macht es dann eben doch Spaß, die einzelnen Arbeiten genauer unter die Lupe zu nehmen. Interessanterweise wirkt die Kulisse eindrucksvoller je länger man sich auf der Seite befindet. Meinetwegen dürfte noch ein bisschen mehr los sein. Als an einer Ausstellungswand auf einmal die Kamerafahrt durch die Vorstadt startet: Begeisterung! Es ist ein bisschen wie bei den Escape-Games früher: Man will eben, dass sich auch mal was bewegt, wenn man richtig klickt.

Galerie Barbara Thumm: „New Viewings“. Anna Ehrenstein curated by Anne Schwanz.

Galerie Barbara Thumm: „New Viewings“

Es wird gerade wieder viel über Utopien nachgedacht. Das kommt vermutlich daher, dass es sich immer dann besonders schön von der Zukunft träumt, wenn die Gegenwart zu wünschen übriglässt. Die Berliner Galerie Barbara Thumm experimentiert aktuell mit digitaler Hängung. Verschiedene Kurator*innen dürfen für das Projekt „New Viewings“ die Räumlichkeiten der Galerie online bespielen. Die gezeigten Arbeiten werden direkt unter den Ausstellungsansichten zum Kauf angeboten. Zuletzt dazugekommen sind Ausstellungen von Anna Ehrenstein, Marta Vovk, Dennis Buck und Jack Burton, kuratiert von Anne Schwanz von Office Impart. Könnte Kunst so in Zukunft öfters gezeigt und gehandelt werden? Binnen weniger Wochen hat die Galerie Barbara Thumm jedenfalls schon eine ganze Reihe spannender Positionen optisch ansprechend zugänglich gemacht. „New Viewings“ ist ein spannender Hybrid aus shareable Ausstellungsdokumentation, Online-Shop und kuratorischer Intervention im Digitalen.

So, reicht jetzt erstmal, oder? Wenn ihr noch etwas weiterklicken wollt, dann hier zum Schluss noch drei fixe Empfehlungen on top. Das Game „Black Room“ von Cassie McQuarter (nostalgisch, futuristisch, mit viel Liebe zum Detail), die noch namenlose Ausstellung von Aaron Scheer bei Annka Kultys (ihr dürft selbst einen Titel vorschlagen) und die AI-Ausstellung „E-XIBITION“ von Andy Picci, die per Smartphone via Instagram besuchen könnt (funky, was?).