Es gibt Redebedarf
"Good To Talk" zur Vermittlung von Kunst

27. September 2019 • Text von

Welche Rolle spielt Kunst in Zeiten voranschreitender Digitalisierung? Antworten darauf bietet dabei nicht die Kunst allein. Diese sind vielmehr in Technologie oder Wirtschaft zu finden. Gallerytalk sprach mit den Veranstalterinnen von „Good To Talk“, Johanna Neuschäffer und Anne Schwanz, über Kommunikation von Kunst außerhalb etablierter Strukturen.

© Good to talk.

Bereits zum zweiten Mal laden die beiden Gründerinnen von OFFICE IMPART Johanna Neuschäffer und Anne Schwanz gemeinsam mit den Berliner Galeristen Thomas Fischer, Sebastian Klemm, Daniel Marzona und Tanja Wagner zu dem interdisziplinären Gesprächsformat Good To Talk“ in die Kantine am Berghain. Dort gibt es am Samstag, den 28. September, ab 12 Uhr, Talks, Lectures, Performances und künstlerische Interventionen an den Schnittstellen von Kunst, Wirtschaft, Mode und Digitalisierung. Gallerytalk traf die beiden vorab zum Gespräch.

gallerytalk.net: „Good To Talk“ – das klingt spannend. Um was geht’s genau?
Johanna Neuschäffer:
Ein großer Teil der Idee von „Good To Talk“ ist die Vermittlung von Kunst. Uns ist es ein Anliegen, die nächste Generation junger Leute an die Kunst heranzuziehen. Diese für zeitgenössische Kunst zu sensibilisieren und den exklusiven Kreis der Kunst zu öffnen. Sich trauen, simple Fragen zu klären: „Wo beziehungsweise wie kann ich Kunst kaufen“ oder „Wie kommt nach einem Kauf das Kunstwerk zu mir nach Hause?“

Anne Schwanz: In diesem Jahr haben wir eine Kategorie, die heißt „Ask Me Anything“. Dort haben wir Gäste aus diversen Bereichen wie Diandra Donecker vom Auktionshaus Grisebach, die Kunstkritikerin Astrid Mania bis hin zu Sammlern wie Torsten Breden. Alle Sparten sind abgedeckt, und man darf einfach mal fragen, was man sich vielleicht in einem anderen Kontext nie getraut hatte.

OFFICEIMPART Foto Charlotte Spiegelfeld.

Es entsteht also die Möglichkeit in direkten Dialog mit den „Experten“ zu treten?
JN:
Genau. Einerseits ist da der Musikraum mit Bühne, diese wird beleuchtet, wie ein kleiner Club. Dann gibt es auch die Fireside, einen Vorraum mit Kamin. Das ist ein intimer Raum, wo Gespräche stattfinden, wie auch die Performances mit Künstlern. Dort gibt es Burger zu kaufen, und das ist der Moment, indem man sich mit den Sprechern des letzten Panels austauschen kann. Da gibt es die Möglichkeit sich jederzeit dazuzugesellen. Fragen zu stellen, die Performances anzusehen. Das Schöne ist, dass man verweilen kann.

AS: „Good To Talk“ ist ein Format, bei dem man verweilen muss. Zum Netzwerken und Kommunikationsaustausch. Dieser Ort, soll nicht nur ein Ort sein, an dem du dir einen Talk anhörst und dann wieder verschwindest, sondern du kannst dich in einen Flow begeben. Nach einigen Stunden eröffnet sich eine Energie, dass du dort bleiben möchtest. Du gehörst dann dazu. Die Talks dauern auch nicht alle gleich lang. Es gibt Filme, Performance, es ist nicht klassisch vier Leute auf der Bühne und das Publikum, sondern es ist belebt. Freier.

Was unterscheidet „Good To Talk“ außerdem von anderen Formaten?
JN:
Es gibt keine Pausen, sondern es geht die ganze Zeit durch. Der Marathon war das letzte Mal noch viel krasser, da hatten wir einen 46 Stunden Tag. Und keine Pause. Jetzt haben wir es reduziert, um uns auch zu fokussieren. Und das fühlt sich sehr gut an. Auch dass wir uns geöffnet haben. Beim ersten Mal 2017 waren es nur Galerien, die teilgenommen haben. Dann haben wir gemerkt, dass es ebenso wichtig ist, Institutionen oder institutionelle Ideen mit aufzunehmen. Institutionen sind nicht nur Museen, sondern auch Non Profit Spaces, oder die Plattform Factory Berlin oder die Initiative And She Was Like: BÄHM!. Nicht nur klassische Kunstinstitutionen, sondern der Rahmen ist offener. Factory Berlin ist auch eine Bereicherung, denn wir möchten gerade die junge Unternehmerszene ansprechen. Unser Anliegen ist es, diese für die Kunst zu sensibilisieren.

Good to talk 2017, Kiki Moorse © Eike Walkenhorst.

AS: Ganz entscheidend und wichtig für „Good To Talk“ ist in diesem Jahr die Interdisziplinarität. Der Gedanke, dass die Kunstbranche sich öffnet hin zu anderen Branchen von der Wissenschaft, Wirtschaft bis zur Mode. Denn wir haben gemerkt, als wir Office Impart gegründet haben, dass es nicht mehr reicht, für sich alleine zu agieren, sondern man zusammenarbeiten muss, zusammen die Szene auch stärken kann, um auch gerade für Berlin ein neues Bewusstsein zu schaffen. Geschlossen vorgeht wie ein Kollektiv. Und somit auch den Rahmen öffnet.

JN: Das Interdisziplinäre ist auch das Spannende. Dass du dich in der Kunst in allen Bereichen ausdrücken kannst und damit auseinandersetzt. Und somit natürlich auch für das Publikum für jeden etwas dabei ist.

Um die Leute für die Kunst zu sensibilisieren, habt ihr euch bewusst für den Dialog, für einen Talk-Tag entschieden, warum?
JN:
Die Frage ist, wie schaffst du es, über Kunst zu reden, ohne das Gefühl zu haben, dass es zu gestochen ist. Der Elfenbeinturm Kunst. Da haben wir uns natürlich gefragt, ob man dann wieder das „gesprochene Wort“ bringt. Aber für uns war die Form des „gesprochenen Wortes“ ganz klar. Diese Vermittlung im Dialog, auf der Bühne, aber eben ganz bewusst auch an einem Ort, an dem du danach noch zusammenkommen und verweilen kannst. Deshalb sind die 12 Stunden und die Afterparty so gewählt, dass du danach gerne noch abhängen kannst. Und wir möchten diesen Ort so gemütlich wie möglich machen.

Good to talk 2017,Theorie MIMIKRY ©Eike Walkenhorst.

Was wird es Besonderes oder Neues im diesem Jahr geben?
JN:
Wir haben eine Editionsmappe mit einer Auflage von 25 erstellt, wo alle Gründergalerien einen ihrer Künstler gefragt haben, eine Arbeit zu produzieren. Es sind fünf Arbeiten von Sofia Hultén, Przemek Pyszczek, Renaud Regnery, Grit Richter und Sebastian Stumpf, alle A4, und die Mappe kostet 1500 Euro. Das ist gerade für junge Leute ein guter Anreiz, mit dem Sammeln zu beginnen. Dazu zeigen wir noch die Ausstellung „Depending on Position“, eine Augmented-Reality-Ausstellung, die man über eine App ansehen kann. Die Künstler, Alexander Mattacott, Dennis Rudolph und Tristan Schulze haben Skulpturen geschaffen, die dann über den Bildschirm des Handys sichtbar werden.

Augmented-Reality, Digitalisierung − ihr möchtet über die Kunstvermittlung der Zukunft sprechen. Habt ihr die Thematiken für die einzelnen Panels vorgegeben?
AS:
Eine Richtung ist vorgegeben, ja, aber an sich kann jeder über das Thema sprechen, das ihn interessiert. Es wird viel um Technologie, die Digitalisierung gehen, aber wir wollten es thematisch nicht in eine Richtung drängen, so dass wir diese Vielfalt und Offenheit in der Thematik bieten können. Aber gewissen Themenblöcke haben sich schon geformt.

JN: Was vor allem die Galeristen interessiert, ist die Frage, wo wir als Galeristen mit der Vermittlung von Kunst stehen? Gar nicht im Sinne eines pädagogischen Vermittelns. Sondern eher, wer ist der Rezipient? Und da gerade ist die Intersdisziplinarität das Entscheidende. Wir werden beispielsweise einen Talk über Artificial Intelligence halten, dann haben wir einen Wissenschaftler dabei, der das Thema Kunst nochmals von einer ganz anderen Seite beleuchtet. Oder einen Panel über „Business & Art“ und wie sich die beiden gegenseitig befruchten können.

Wo meint ihr, steht ihr als Galeristinnen bezogen auf die Vermittlung von Kunst?
AS:
Die Außenwelt verändert sich so stark durch die Digitalisierung. Alle Branchen müssen sich ändern. Aber auch die Kunstwelt muss sich anpassen. Das klassische Galeriensystem – also Galerien mit festem Raum und Künstlerstamm – hat jahrelang gut funktioniert, aber wahrscheinlich ist jetzt die Zeit, dass es sich öffnen und ändern kann, weil das Publikum ein anderes ist. Junge Leute haben heutzutage ganz andere Zugänge, wie sie Kunst finden. Wo sie Kunst finden und wie sie sich damit beschäftigen. Man muss sich dann auch als Galerie überlegen, was dann passt. Es ist unsere Aufgabe als Galeristen, die Kunst zu vermitteln. Es geht eher darum, die Kunst in die Welt zu bringen. Deshalb muss man sich überlegen, wie man etwas vermitteln kann. Kunst ist ein Luxusgut, mit dem viele Menschen nichts anfangen können, aber man darf es dann eben nicht ausschließen, sondern muss die Leute heranführen. Man muss sich Zeit nehmen.

Good to talk 2017, Saturday Night ©Eike Walkenhorst.

Dann ist „Good To Talk“ ja der ideale Ort, um mal in die Kunstwelt reinzuschnuppern?
JN:
Es geht darum, ganz viel zu lernen. „Good To Talk“ besteht auch deshalb aus so verschiedenen Talks, weil somit die unterschiedlichen Bereiche gefüllt werden. Kunst ist ja nicht nur in eine Richtung. Nicht nur Malerei an der Wand. Jeder Galerist oder jeder Künstler hat eine andere Vorstellung von Kunst. Man bekommt einen guten Überblick, wie vielfältig Kunst eigentlich ist. Und ehrlich gesagt, ist es doch wunderbar, vormittags gehst du dahin, hörst ein paar Talks, triffst ein paar Freunde, isst einen super köstlichen Burger, lauscht den Panels, lernst viel dazu und ab 24 Uhr gibt’s ne After Party. Direkt am Berghain. Und wenn du richtig clever bist, stellst du dich danach noch in die Schlange. Das ist ein Rundum-Packet. Für 7 Euro Eintritt.

Vielen Dank für das Gespräch!

WANN: „Good To Talk“ beginnt am morgigen Samstag, den 28. September, um 12 Uhr und läuft 12 Stunden bis 24 Uhr. Danach gibts eine After-Party. Das volle Programm könnt ihr hier einsehen. Türen öffnen um 11.30 Uhr.
WO: Kantine am Berghain, Am Wriezener Bahnhof, 10243 Berlin.

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