Nie wieder triste Viewing Rooms
Wie man eine gute Online-Ausstellung macht

26. März 2020 • Text von

Niemand muss Messen mögen. Gegenteiliges gilt ja längst als schick. Doch wäre es nicht irgendwie schön gewesen, wenn die Viewing Rooms der Art Basel Hong Kong ästhetisch ansprechend gestaltet wesen wären? Wenn man Besucher*innen der digitalen Messestände mehr geboten hätte, als Slides in White-Cube-Ästhetik und Preis-Tags?

Portrait of Bob Bicknell-Knight. Courtesy of the Artist.

Die Corona-Pandemie stellt die Kunstwelt vor neue Herausforderungen. Ihre Akteur*innen – von ganz groß bis ganz klein – drängen nun ins Internet. Wer was auf sich hält, zeigt seine Ausstellungen online. Das Ergebnis allerdings ist oft denkbar unbefriedigend.

Bob Bicknell-Knight hat Erfahrung mit Ausstellungen online. Statt weißen www.-Wänden bietet er Besucher*innen seiner Plattform „isthisit?“ mittlerweile 95 ungewöhnliche, aufregende, zuweilen sperrige Shows, die ganz anders aussehen als das, was einem die großen Institutionen und Galerien dieser Tage so andrehen wollen. Mit gallerytalk.net spricht er über Ausstellungsformate als Kunstform.

gallerytalk.net: Diverse Galerien, Museen und Messen bauen gerade hektisch Online Viewing Rooms auf. Als jemand, der schon lange online ausstellt: Wie stehst du zu dem gegenwärtigen Aktionismus der Kunstwelt?
Bob Bicknell-Knight: Es ist interessant, dem zuzuschauen – und auch, wie schnell das alles passiert. Ich finde es großartig, dass die Menschen aufgrund der Pandemie jetzt Online-Projekte mehr wertschätzen. Die meisten neuen “Online-Ausstellungen”, die ich bisher gesehen habe, berücksichtigen allerdings das tatsächliche Medium Internet überhaupt nicht. Da geht es nicht um Interaktivität, und auch nicht darum, was man mit einer Website machen kann.

 
 
 
 
 
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Ein Beitrag geteilt von Panos Tsagaris (@panos_tsagaris) am

Diese “Online-Ausstellungen” sind im Grunde ein Bild oder ein Video von einem Kunstwerk begleitet von einem Text über das Kunstwerk. Bei einer Online-Kunstmesse wird dann zum Beispiel eine Arbeit digital bearbeitet, sodass es aussieht, als würde sie in einem White Cube hängen. Bei solchen “Online-Ausstellungen” wird eine simple Internetseite benutzt wie eine weiße Wand. Und die denken Galerien, Museen und Messen ähnlich wie die Wände der Offline-Ausstellungsorte, die sie sonst immer bespielen. Ich bin mir sicher: Viele Institutionen ignorieren bewusst, dass man mit einer Website deutlich mehr machen kann, als einfach Bilder neben Text zu arrangieren. Vielleicht weil es so, wie sie es machen, einfach und schnell geht, eine Show auf die Beine zu stellen. Oder es interessiert sie einfach nicht, andere, interessantere und interaktive Wege einzuschlagen.

Welche Faktoren sollten Aussteller*innen berücksichtigen, bevor sie eine Online-Ausstellung planen?
Da gibt es eine ganze Menge, schließlich kann man mit Online-Räumen viel machen. Durchschnittliche Nutzer*innen verbringen auf einer Internetseite weniger als eine Minute – das entspricht statistisch ungefähr der Zeit, die Menschen in einem physisch betretbaren Galerieraum vor einer Arbeit verbringen. Das muss man bedenken! Alle Besucher*innen einer Online-Ausstellung können mit einem Klick einfach das Tab schließen und weiter ihre Lieblingsserie gucken. Das Format Online-Ausstellung muss deswegen aufregend und stimulierend sein. Es muss Besucher*innen dazu verleiten, auf der Seite zu bleiben. Selbstverständlich muss auch die Kunst aufregend sein. Wenn sie aber in fader und veralteter Form präsentiert ist, wird sich niemand online mit ihr befassen.

Screenshot from wwwwwwwww.jodi.org. Courtesy of JODI.

Was unterscheidet konkret die cleanen Online Showrooms großer Institutionen oder Galerien von deinen Ausstellungen auf der Plattform „isthisit?“?
Eine gute Online-Ausstellung ist selbst ein Kunstwerk. Ich versuche, das Format der Ausstellung mit deren inhaltlichen Konzept zu verknüpfen. Wer sich die Ausstellung ansieht, soll sich in einer Umgebung wiederfinden, die erkundet werden kann. Besucher*innen sollen durch Interaktion Teil der Inszenierung werden, um die einzelnen Arbeiten zu entdecken, die im Gesamtkunstwerk verborgen sind. Vielleicht machen größere Institutionen so etwas nicht, weil es für Besucher*innen etwas kompliziert sein kann, diese Art von Erlebnis zu navigieren und die ausgestellte Kunst zu “finden”.

Das mag für viele unserer Leser*innen erst einmal abstrakt klingen. Hast du vielleicht ein konkretes Beispiel, anhand dessen sich dein Gedankengang nachvollziehen lässt?
Eine der Haupt-Websites des Internet-Art-Kollektivs JODI repräsentiert die Idee ganz extrem. Man klickt sich durch mit Hyperlinks hinterlegte Text-Schnipsel und erkundet eine Art Kunstwerk. Oder Cassie McQuarters “Black Room”. Dabei handelt es sich um ein browser-gestütztes Game, bei dem man Größe und Form des Internet-Browsers verändern muss, um weiterzukommen. Beide Beispiele sind einzelne Arbeiten von Künstler*innen, aber denselben Ansatz verfolge ich mit meinen Online-Ausstellungen: auch der Weg zur Kunst ist bereits Kunstwerk.

Cassie McQuater, Black Room, 2018 (still). Video game, duration variable. Courtesy of the artist.

Wenn unsere Leser*innen einen schnellen Einblick darin gewinnen wollen, was bei Online-Ausstellungen möglich ist: Welche drei Shows auf „isthisit?“ sollten sie sich anschauen?
Es gibt mehrere Shows auf der Platform, die die Idee der Interaktivität gut umsetzen. Eine davon ist “When I Grew Up (my own privat ZAD by the sea)”, eine Gruppenausstellung, die Data Rhei 2018 kuratiert hat. Gezeigt werden Arbeiten von Louise Ashcroft, Iyas D-Toth, Corentin Darré, Adem Elahel, Lisa Fetva, Fleury Fontaine​, Hanne Lippard, Erin Mitchell, Jonathan Monaghan​, Sara Sadik​ und Claire Serres. Die Karte für die Ausstellung hat Ugo-Lou Chmod entworfen. Darauf sind verschiedene Buchstaben platziert, die sich über den Bildschirm bewegen und dabei eine Spur hinterlassen. Wenn man draufklickt, kann man die Arbeiten der Künstler*innen sehen.

Dann ist da eine Show, die etwas simpler gestaltet ist: “Please don’t stand in the middle of the road waiting for me to get you on camera”. Die habe ich 2019 selbst kuratiert. Der Ausstellung liegt eine Route zugrunde, auf der unterschiedliche Bildchen auftauchen. Wenn man die anklickt, kann man Arbeiten von Aram Bartholl, Petra Cortright, Benjamin Grosser, Joe Hamilton und Pilvi Takala entdecken.

When I Grew Up (my own private ZAD by the sea), 2018 (Installation view). Courtesy of Data Rhei and isthisit?

Und schließlich möchte ich noch “If a tree falls in a forest and no one is there to Instagram it, does it really happen?” empfehlen. ITS KIND OF HARD TO EXPLAIN (IKO) haben die Ausstellung 2018 kuratiert. Ursprünglich gehörten zur Gruppe die Künstler Corey Bartle-Sanderson, Steven Gee and Oliver Durcan. Sie haben weitere Künstler*innen und Autor*innen eingeladen, je ein Stück Text zu produzieren, dass sich auf einen ihrer Texte bezieht. Jeder neue Text hat also auf den vorangegangenen Bezug genommen. So war die Show selbst wahnsinnig interaktiv – allerdings mehr für die Künstler*innen als für die Besucher*innen.

Mir kommt es vor, als müsse ich online deutlich konzentrierter beim Besuch einer Ausstellung sein als offline. Die Welten sind komplex, die Navigation nicht vertraut … Ist das schlicht eine Frage der Gewöhnung?
Wie gesagt: Wenn eine Online-Ausstellung richtig gemacht ist – also interaktiv und fesselnd, fordert sie ihre Besucher*innen sicherlich auch mehr. Andererseits verlangen einem doch die interessanten Offline-Ausstellungen auch immer mehr ab, oder? Es dauert länger, sie zu erleben und zu verstehen. Wichtig ist, den Besucher*innen einer Ausstellung nicht die Verantwortung für einen Erkenntnisgewinn zu übertragen, wie es etwa große Museen tun, indem sie einfach Texte neben Bildern anordnen.

Aram Bartholl, Map, 2006–2019. Steel, aluminum mesh, steel cables, 900 × 520 × 20 cm. Courtesy of the artist. Photograph by Anne Foures, ‚From here on‘, Rencontres d’Arles photo festival.

Was macht eine gute künstlerische Präsentation auf Instagram aus?
Das ist jeder Person individuell überlassen. Man sollte aber daran denken, dass Instagram für Künstler*innen im Moment das wichtigste Vermarktungstool ist. Dort kann man sich selbst und seine Arbeit effektiv der ganzen Welt verkaufen. Ich persönlich versuche, mein Profil so clean und leicht verständlich wie möglich zu gestalten.

Was hat das Internet als Ort künstlerischen Schaffens attraktiv gemacht?
Als ich 2016 „isthisit?“ gegründet habe, war der einfachste, wirtschaftlichste Weg, zu lernen, was es bedeutet, ein Kurator zu sein – und was es bedeuten könnte. Ich hatte mir darüber vorher nie Gedanken gemacht und war unglaublich naiv. Damals habe ich habe ich noch meinen Bachelor in Bildender Kunst gemacht. Ich hatte gerade erst begonnen, mich für Künstler*innen wie  Constant Dullaart und Harm van den Dorpel zu begeistern, Künstler, die das Internet als Medium nutzen. Ich wollte ein kleiner Teil dieses digitalen Raums werden. Von meinen Freund*innen hat niemand Kunst gemacht, die zu meinen Interessen passte. Deswegen habe ich mich dem Internet zugewandt und eine Plattform kreiert, über die ich mit hunderten Künstler*innen und Kurator*innen interagieren kann, die sich für ähnliche Arbeiten interessieren wie ich.

isthisit? issue 6. Cover art: AES+F, New Liberty, 1996. Digital collage, c-print. Courtesy of the artists.

Und wieso bist du im Internet geblieben?
Ich bin bis heute wahnsinnig begeistert davon, dass es möglich ist, mit so vielen unterschiedlichen Menschen von überall auf der Welt zu arbeiten, indem ich einfach Mails von meiner Londoner Wohnung aus verschicke. Und mir gefällt, dass jeder, der eine Internetverbindung besitzt, auch Zugang zu internetbasierter Kunst hat. Deswegen werde ich „isthisit?“ noch eine Weile am Laufen halten.

Bob Bicknell-Knight ist Künstler, Kurator und Verleger. Er lebt und arbeitet in London. Auf seiner Plattform „isthisit?“ kuratiert er seit 2016 Online-Ausstellungen und lädt auch andere Kurator*innen dazu ein. Er bietet zudem eine Artist Residency an. Unter dem Titel „isthisit?“ erscheint auch ein Printmagazin.