Knutschen, kotzen, sterben
Die Sims in der Kunst

2. Juni 2020 • Text von

Ich würde behaupten, seit Jahren nicht mehr „Die Sims“ gespielt zu haben, aber das wäre gelogen. Ich spiele im Zug, ich spiele bei schlechter Laune und wenn etwas Unangenehmes wirklich dringend zu erledigen wäre. Und da wir schon dabei sind: Ich bin auch ein besonders unsympathischer Typ „Sims“-Spieler*in. Ich baue keine ausgefallenen Mansions, spiele keine feurigen Liaisons. Ich schicke meine Sims einfach zur Arbeit, aufs Klo und ins Bett und finde das herrlich, herrlich stumpf.

Collage verschiedener bunter Sims-Figuren, darunter ein geschminkter Hunt, ein Clown und ein schwangerer Alien.

Collage der „Die Sims“-Inspirations-Posts von Emma Pryde. Bildmaterial: www.instagram.de/emmapryde_, Unsplash.

Seit alle permanent zuhause sitzen, scheint „Sims“-Spielen irgendwie salonfähiger geworden zu sein. Und nachdem ich mir jetzt schon „Sims“-Arbeiten von drei Künstlerinnen auf Instagram abgespeichert habe, scheint es mir gerechtfertigt an dieser Stelle ein paar Zeilen auf das Thema zu verlieren.

Angefixt hat mich die US-Amerikanerin Emma Pryde. Sie ist ein echtes Kind der 90er. Ihr Markenzeichen sind absurde Welten in Pastellfarben – unheimlich süß und aufs Niedlichste gruselig. Auf Instagram zeigt sie Sims in Clowns-Kostümen, Sim-Mutter und Sim-Kind in Madonnenpose, Sim-Hunde mit Make-up und Alien-Babys. Die Sims sind nicht direkt Teil ihrer Kunst, vervollständigen aus Sicht der Betrachterin jedoch eine Art Mood Board, vor dessen Hintergrund Prydes Kunst stattfindet.

Nahansicht einer Sim-Frau am Smartphone. Sie fühlt sich unwohl.

Olga Hohmann and Lea Hopp, from the „Rotating Diamonds“ series, making off, 2020. Courtesy of the artists.

Die Arbeit von Olga Hohmann scheinen Die Sims gleich auf ganz unterschiedlichen Ebenen zu beeinflussen, sie denkt sie aus verschiedenen Perspektiven. Mit Facefilter macht sie sich selbst zum Sim, sie nutzt eine Sim-Figur, um eine Art eigenes Meme zu kreieren („Being scared of rich people“) und sie arbeitet sich ganz konkret an der simschen Realität ab. Für das Online-Magazin „Guest Rooms“ hat sie ihren Zugang zu einer Welt der rotierenden Diamanten erklärt, bebildert mit einem digitalen Sims-Sketch, der in Kollaboration mit Lea Hopp entstanden ist.

Die chinesische Künstlerin Ye Funa erzählt Teile ihrer Videoarbeit „Flying Dance“ mit Sims-Figuren in einer Sim-Welt nach und gibt so einen Hinweis darauf, wie hoch das Identifikationspotenzial vieler mit dem beliebten Spiel tatsächlich sein kann. (So hoch nämlich, dass man die eigene Liebesgeschichte in den limitierten Bewegungsabläufen und Sprech-Bubbles der Computer-Figuren denkt.)

Eine Sim-Frau sitzt inmitten von Blumen an einem Computer und chattet.

Ye Funa: „Flying Dance“, still. Courtesy of the artist.

Und wenn ihr jetzt sagt: Boah, geh mir weg damit, dann lasst es mich mit Angela Washko versuchen. Ihre Arbeit „Disposable Muses (Or: Your Turn Now, Fuckers)“ von 2014 zeigt eine eigentlich denkbar glamouröse Szene: Mehrere Menschen ziehen ihre Bahnen in einem ausladenden Pool, daneben eine Frau im leichten Sommerkleid, sie malt an einer Staffelei. Schön sieht das aus, doch bis auf die Frau sind alle Protagonist*innen der Szene dem Tod geweiht. Viele ahnen es sicher schon: Dem Pool fehlt eine Leiter. Ein Sim nach dem anderen wird sterben. Das gehört zur Logik des Spiels. Aber sagt die nicht auch etwas aus über die Logik des Lebens? Weil wir unseren Umständen am Ende eben kaum entkommen können? Weil wir die Regeln nicht verändern können, sind wir deswegen gezwungen, an ihnen zugrunde zu gehen? 

Ein Swimming-Pool voller Sims, daneben eine Frau, die an einer Staffelei malt.

Angela Washko: „Disposable Muses (Or: Your Turn Now, Fuckers)“, 2014, from the series „Free Will Mode“. Courtesy of the artist.

Caleb Larsen hat in seiner Performance-Arbeit „Simularcum“ von 2005 Sims knutschen und kotzen lassen. Er hat tatsächlich live gespielt und damit den Aspekt des Voyeurismus noch einmal in den Fokus gerückt. Die Simulation des Alltäglichen ist ein mächtiges Instrument. Sie erlaubt Identifikation mit und Distanzierung von Erlebtem – ein Spannungsfeld, in dem sich viele von uns offenbar gern aufhalten. Im echten Leben empfinden wir Druck, wenn wir uns einen Job suchen oder über Familienplanung nachdenken. Bei Die Sims ist alles anders und doch vertraut. Vielleicht ist es genau der richtige Grad der Entfremdung.

Das spannende an Die Sims: So leicht es sich als Teenie-Hobby oder gegenwärtiges Guilty Pleasure abtun lässt, die Intimität, die Spieler*innen mit und durch ihre Figuren erlebt haben, ist nicht von der Hand zu weisen. Sie wurden zum Proxy für erlebte Lust, gelebten Frust, Allmachtsfantasien oder eben einfach Mut zu einem funky Haarschnitt. Unsere Sims sagen so viel über uns aus – ohne dass sich das direkt übersetzen ließe. Wer deswegen zeigt, wie er spielt, ja, dass sie*r spielt, gibt mehr von sich Preis, als es das auf den ersten Blick vermuten lässt. Kunst, die sich auf die Sims bezieht, ist eine spannende Einladung zu einem Dialog, dessen Sprache viele zu kennen glauben, alle von uns aber etwas unterschiedlich sprechen.

Weil ich mich nicht entscheiden kann, hier noch ein paar Honorable Mentions zum Schluss: Befasst euch mit „Simbee“, einer Sim-Parodie der Menscheninstallationen von Vanessa Beecroft. Guckt Will Fredos „DON’T START FROM THE GOOD OLD THINGS BUT THE BAD NEW ONES” und lasst euch die Korrespondenz zwischen Walter Benjamin und Berthold Brecht vom Kardashian-West-Clan vortragen. Taucht ein in die Sims-gestützte Erzählung „Adonis and the Quantum Self“ von Adonis Archontides. Oder folgt Skawennatis Geschichte von „TimeTraveller™“ – zugegeben Second Life und nicht Die Sims, aber das Konzept ist ähnlich. Und herrje, spielt halt einfach mal wieder selbst.