Ist da jemand? #9
Ye Funa

20. Mai 2020 • Text von

„Wann wird das alles vorbei sein“, habe ich „Dr. Corona“ gefragt und eine Antwort bekommen, wie es kein Yogi-Teebeutel-Zettelchen hätte mystischer sagen: „in jungen Jahren“. Aha. Die Online-Fragestunde der chinesischen Künstlerin Ye Funa läuft nicht so ab, wie man es erwarten würde. Das macht die Sache aber um so besser. Mit gallerytalk.net spricht sie über virtuelle Medikamente und ihre Sehnsucht nach einer Post-Corona-Welt.

Screenshot der interaktiven Online-Arbeit "Dr. Corona" von Ye Funa. Man sieht ein stilisiertes Handy, im Hintergrund eine Gebirgslandschaft und diverse grafische Elemente.

Ye Funa: „Dr. Corona“, 2020.

gallerytalk.net: Bist du gerade allein?
Ye Funa: Allein, aber nicht einsam. „Whenever you access the web, I’ll be there.“ Das ist aus „Ghost in the Shell 2: Innocence“.

Bist du gerade kreativ?
Ja. Ich denke, das ist im Moment sogar besonders wichtig. Und wenn das irgendwann mal alles vorbei ist, werden wir noch eine ganze Zeit brauchen, alles zu verarbeiten. Wir werden unsere Arbeitsweise verändern müssen.

Du hast bereits auf die gegenwärtige Situation reagiert. Deine Arbeit „Dr. Corona“ ist online und interaktiv. Wie bist du auf die Idee gekommen?
Meine Inspiration war eine beliebte Kolumne im chinesischen Magazin „Der Familienarzt“ (Anm. d. Red. Leser*innen sollen daraus entnehmen, wie sie ihre Lebensqualität verbessern und ein gesundes Leben führen können). Die Kolumne heißt „Dr. Co“. Unter dem Pseudonym haben mehrere einflussreiche Ärzte Leser*innenbriefe beantwortet. Sie beschrieben eine ganze Bandbreite medizinischer Probleme, manche sind alltäglich, manche tabuisiert. Das Ganze hatte Kultstatus!

Screenshot der interaktiven Online-Arbeit "Dr. Corona" von Ye Funa. Man sieht Himmel und darauf Text. "When does corona virus stop? Early december! ...".

Ye Funa: „Dr. Corona“, 2020.

Und nun können Nutzer*innen deinen „Dr. Corona“ zum Coronavirus oder zu anderen Themen, die sie gerade beschäftigen, befragen.
Genau. Ich habe eine AI-Version des „Dr. Co“ erschaffen, die Unterstützung bei all den Problemen anbietet, die sich einem in Zeiten von Corona stellen. Man kann zum Beispiel Symptome eingeben und die AI wird auf verschiedene Online-Artikel, Social-Media-Diskussionen und Motivational Quotes zurückgreifen, um eine Art virtuelles Medikament bereitzustellen. Es wird nicht notwendigerweise das sein, was die Nutzer*innen brauchen, aber hoffentlich eins, was sie inspirieren wird. Ich empfehle, die Diagnose über soziale Netzwerke zu teilen – schließlich ist es immer empfehlenswert sich eine zweite Meinung einzuholen.

Was macht dich im Moment glücklich?
Die Lage in Beijing entspannt sich. Alles macht allmählich wieder auf. Ich kann endlich meine Freunde wiedersehen und so etwas wie ein normales Leben scheint absehbar. Das macht mich wirklich froh.

Screenshot der interaktiven Online-Arbeit "Dr. Corona" von Ye Funa. Man sieht ein stilisiertes Smartphone, im Hintergrund ein grünes Flussbett sowie verschiedene grafische Elemente.

Ye Funa: „Dr. Corona“, 2020.

Worauf freust du dich?
Ins Ausland zu reisen, wieder richtig mit Menschen in Kontakt zu treten, das alles hinter mir zu lassen und Kunst in einer Post-Corona-Welt zu kreieren.

Mehr von Ye Funa gibt es auf ihrer Website. Darüber gelangt ihr auch zu „Dr. Corona“.

Wir gehen nicht raus, bleiben ganz bei uns – so sehr, dass wir uns manchmal eine Runde zu viel um uns selbst drehen. Deswegen horchen wir nach, was draußen so los ist. In unserer Interview-Serie „Ist da jemand?“ sprechen wir mit Künstler*innen, deren Arbeit die Gegenwart auf berührende Weise kommentieren.

Ist da jemand? #1 – Milen Till
Ist da jemand? #2 – Esther Zahel und Peter Feermann
Ist da jemand? #3 – Maximilian Arnold
Ist da jemand? #4 – Jess Goehring
Ist da jemand? #5 – Nicholas Warburg
Ist da jemand? #6 – Rose Eken
Ist da jemand? #7 – Berkay Tuncay
Ist da jemand? #8 – Lucy Bryant