Sozialismus als Bonbon
"animarx.crossing" klärte uns über die Welt auf

20. Juli 2020 • Text von

„Gewerkschaften sind cool. Du solltest einer beitreten.“ Sagte der Affe im knuffigen Wohnhäuschen auf „animarx.crossing“. Der Instagram-Account bombte die konfliktfreie Nintendo-Spielwelt mit politischen Parolen. Nun wurde er abgeschaltet.

Bild des Accounts animarx.crossing. Zwei Figuren aus dem Spiel Animal Crossing unterhalten sich über Anti-Rassismus.

Courtesy of instagram/animarx.crossing.

„Animal Crossing“ ist eines der erfolgreichsten Spiele der Welt. Seit Erscheinen des ersten Nintendo-Spiels der Reihe im Jahr 2001 sind mindestens acht Titel und Spin-offs erschienen, der Neueste, „New Horizons“, gerade erst vor wenigen Wochen. Das Spiel ist also ein kommerzielles Zugpferd für Nintendo, was bedeutet, es ist ein lupenreines, kapitalistisches Produkt. Es kann sinnvoll sein diese Tatsache im Hinterkopf zu behalten, wenn man sich das Spielprinzip genauer ansieht, denn „Animal Crossing“ unterscheidet sich wesentlich von „klassischen“ Videospielen.

Das beginnt mit der Tatsache, dass man das Spiel nicht „gewinnen“ kann, vielmehr betritt man eine offene Welt, die dem Spielenden eine Vielzahl von virtuellen Tätigkeiten anbietet und deren Zeit in der gleichen Geschwindigkeit abläuft wie die analoge. Man kann ein Haus kaufen, Obst pflücken, Fossilien sammeln und vieles andere. Man erhält für die eine Tätigkeit virtuelles Geld, das man für die andere Tätigkeit investieren kann, das Spiel bildet also recht lakonisch unser eigenes Leben ab. Das Spiel ist zusätzlich bevölkert von virtuellen Bewohner*innen, nämlich sozial veranlagten Tieren, die mal mehr, mal weniger freundlich mit dem Spielenden interagieren.

Zwei Memes des Instagram-Accounts animarx.crossing.

Courtesy of instagram/animarx.crossing.

Kurz gesagt, „Animals Crossing“ stellt eine zweite Realität dar, ein quietschbuntes „Second Life“, damit ist es natürlich ein bewusster oder unbewusster Kommentar auf die reale Welt. Die dortige Welt ist freundlich, von Leistungsgedanken und sozialem Aufstieg durch Hausbau geprägt, und bietet die Möglichkeit, kulturelle Anerkennung durch Inneneinrichtung und Museumsspenden zu erlangen. Der Grund für seine Beliebtheit in Japan liegt damit auf der Hand, sehnen die dortigen Mitwirkenden an der extrem ausgeprägten Leistungsgesellschaft sich doch oft nach einer Welt mit mehr Anerkennung und weniger Druck. Das Spiel ist also offenbar ein Ventil, und gleichzeitig eine Vorbereitung für jüngere Spielende auf die harte Realität.

Erst sammelt man virtuell Äpfel und ist freundlich zum Bürgermeister, um ein größeres Haus zu kriegen, später lässt man sich analog im großen Konzern für den sicheren Arbeitsplatz und das konstante Gehalt mobben und ausbeuten. Denkt man diese Parallelität zu Ende, wird auch klar was dem Spiel offensichtlich fehlt: politischer Diskurs und gesellschaftliche Kritik.

Zwei Memes des Instagram-Accounts animarx.crossing.

Courtesy of instagram/animarx.crossing.

Hier setzte der Instagram-Account „animarx.crossing“ an. Schon der Name war ein sozialistisches Wortspiel . Ausgewählte Szenen des Spiels, oft Screenshots von Gesprächen zwischen zwei Figuren, wurden zum Rahmen von Botschaften, wie: „Es gibt keinen antirassistischen Kapitalismus“ oder „Starke Gemeinschaften brauchen keine Polizei“. Solche Sätze in die niedliche Welt der japanischen Mangaspiele zu verpacken, war ausgesprochen klug gedacht: Durch die Kontextänderung wirkten sie weit weniger radikal, auch deutlich vertrauter und vernünftiger. Die Bilder wurden zum warmen Mantel, in den die Betrachter schlüpfen konnten, ohne die Komfortzone der liebenswerten, virtuellen Spielgefährten verlassen zu müssen.

Die Botschaften waren dabei freilich subjektiv, polarisierend und radikal – undenkbar als offizielle Spielinhalte bei Nintendo. Sie warfen aber gleichsam ein Schlaglicht auf die Originaldiskurse im Spiel, die ebenso radikal unpolitisch und konsumorientiert sind, wie es der Kapitalismus eben zu sein pflegt. Würde ein auf “animarx.crossing” umprogrammiertes Videospiel Nutzer*innen indoktrinieren? Sehr sicher. Indoktriniert das aktuelle Spiel die Nutzer*innen mit einer Logik des Konsums? Bestimmt.

WO ES WAR: Auf Instagram.